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Wulffs Erklärung : Formalitäten und andere Irritationen

  • -Aktualisiert am

22. Juni 2010: Bundespräsidentenkandidat Wulff und sein Sprecher Glaeseker auf dem Weg zu einem Gespräch – nicht über einen Kredit – in Hannover. Bild: Daniel Pilar

Nach zehn Tagen mit ständig neuen Enthüllungen erklärt sich nun Wulff. Er glaubt, sich mit einer Entschuldigung retten zu können - und mit der Entlassung eines Vertrauten.

          Vier Minuten dauert der Auftritt des Bundespräsidenten am Donnerstagnachmittag im Großen Saal von Schloss Bellevue. Vier Minuten, gegen die sich Christian Wulff zehn Tage lang gewehrt hat, in denen er dachte, er könne es bei zögerlich herausgegebenen schriftlichen Stellungnahmen belassen, obwohl auch aus dem Kanzleramt bei allem öffentlich bekundeten Vertrauen die dringende Bitte an ihn gerichtet worden war, er möge sich erklären.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Nun bekundet Wulff, er habe „das Bedürfnis“, sich zu den Vorwürfen gegen ihn zu äußern. „Alle Auskünfte sind erteilt worden“, sagt er zunächst, 250 Einzelanfragen habe er beantwortet, viele davon hätten sein Privatleben betroffen. Doch dann fügt er hinzu: Ihm sei klargeworden, wie irritierend die Umstände seines privaten Hauskredits in der Öffentlichkeit gewirkt hätten. Er hätte den Privatkredit Anfang 2010 vor dem Landtag in Hannover offenlegen sollen: „Das war nicht geradlinig, und das tut mir leid.“ Er habe aber niemandem einen „unberechtigten Vorteil“ gewährt. Gemeint ist der Unternehmer und langjährige Freund Egon Geerkens, dessen Frau der Familie Wulff (zumindest formal) den Kredit für das Eigenheim gewährt hat. Er werde das Amt aber auch in Zukunft gewissenhaft ausfüllen, fügt er an und zerstreut damit letzte Zweifel, er könne anderthalb Jahre nach dem Rücktritt seines Vorgängers Horst Köhler ebenfalls hinschmeißen. Zumindest nicht an diesem Donnerstag.

          Zu einer Personalveränderung im Schloss Bellevue kommt es dennoch. Wulff sagt, was das Präsidialamt eine Stunde zuvor schon bekanntgegeben hatte: Olaf Glaeseker, der Sprecher des Präsidenten, sei von Staatssekretär Lothar Hagebölling von seinen dienstlichen Aufgaben entbunden worden. Es tue ihm leid, sagt Wulff nun, dass er sich von Glaeseker habe „trennen müssen“. Er habe ihm viel zu verdanken und wünsche ihm „alles erdenklich Gute“. Warum er sich von ihm trennen zu müssen glaubte, sagt er nicht.

          „Das war nicht geradlinig“: Wulff bei seiner Erklärung im Schloss Bellevue

          Wulff-Anwalt Lehr übernahm die Sprecherrolle

          Bis zum frühen Donnerstagnachmittag hatte es nach Tagen immer neuer Enthüllungen über die Umstände des Kredits, Ferienaufenthalte in Anwesen befreundeter Unternehmer und die Finanzierung einer Anzeigenkampagne für einen Gesprächsband mit Wulff durch den Unternehmer Carsten Maschmeyer so ausgesehen, als suche der Bundespräsident im Schatten der vorweihnachtlichen Politikpause die Sache auszusitzen, zumal die erste Reihe der schwarz-gelben Koalition das Vertrauensvotum der Kanzlerin als Signal deutete, jegliche Schüsse gegen das Staatsoberhaupt zu unterlassen.

          Doch gab es bereits am späten Dienstagabend erste Anzeichen für ein Zerwürfnis zwischen Wulff und seinem langjährigen Vertrauten Olaf Glaeseker. Zu diesem Zeitpunkt übernahm nämlich faktisch Wulffs privater Anwalt Gernot Lehr die Sprecherrolle. Während Glaeseker nur noch im sogenannten Hintergrund mit Journalisten sprach, teilte der Bonner Rechtsanwalt mit, Wulff habe – anders als bislang angegeben – auch mit dem Unternehmer und Freund Egon Geerkens über die Modalitäten des Kredits gesprochen. Die Stellungnahme war nötig, weil Geerkens selbst schon erklärt hatte, mit Wulff über den Kredit verhandelt zu haben, obwohl dieser im Februar 2010 im niedersächsischen Landtag ausgesagt hatte, keine geschäftliche Beziehung zu Geerkens zu unterhalten.

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