https://www.faz.net/-gpf-7jfsm

Wulff vor Gericht : Gute Freunde, immer noch

  • -Aktualisiert am

Zwei Freunde in Bedrängnis: Die beiden Angeklagten Christian Wulff (2. von links) und David Groenevold (2. vom rechts) mit ihren Anwälten am Donnerstag in Hannover Bild: Reuters

In Hannover hat der Prozess gegen Christian Wulff und David Groenewold begonnen. Das Verfahren halten beide für eine Farce. Wulff spricht aber auch von eigenen Fehlern.

          4 Min.

          „Absurd“ und „empört“: Diese beiden Begriffe fielen zum Auftakt des Prozesses gegen Christian Wulff und David Groenewold des Öfteren. Der ehemaligen Bundespräsidenten sprach so, sein mitangeklagter Freund Groenewold und ihre Anwälte auch. Wulff stellte am Donnerstag vor dem Landgericht seine Sicht auf die Vorwürfe dar – klar, detailliert und, so empfanden es viele Zuhörer, auch souverän. Er bekenne sich zu seinen Fehlern und habe aus diesen gelernt. Diese seien Fehler im Stil gewesen. Vor Gericht aber gehe es um das Recht, nicht um Stil.

          Die Anklage wies er, schwankend zwischen kontrolliertem Zorn und abgeklärter Verletztheit, zurück. Er sei niemals korrupt gewesen und habe penibel zwischen Privatem und Öffentlichem getrennt. Die Behauptung, er habe einen Brief an Siemens aus Gefälligkeit für einen Freund geschrieben, nannte Wulff „ehrabschneidend“. Manches im Verlauf der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sei belastend gewesen und – eines seiner letzten Worte – auch eine „Farce“. Wulff wie auch Groenewold, seine Erklärung wurde vom Anwalt verlesen, schilderten ihre Freundschaft als alt und tief mit zahlreichen wechselseitigen Einladungen.

          Wulff sagt in seiner 50 Minuten währenden persönlichen Erklärung, er sehne sich nach Ruhe. Die aber werde er erst finden, wenn das Verfahren vorbei sei und mit einem von ihm erwarteten vollen Freispruch. Er fühle sich zu Unrecht verfolgt und verlasse sich darauf, dass am Ende das Recht stärker sei als Stimmungen. Auch danach bleibe der Schaden für ihn selbst und seine Familie, vermutlich bis an das Lebensende. Deshalb sei er nicht auf das Angebot der Staatsanwälte eingegangen, das Verfahren gegen eine Geldbuße einzustellen. Deren Vorgehen habe er als extrem belastend empfunden: die Durchsuchungen und die Sichtung aller Mails und Telefonlisten. Dadurch wurde vieles aus seinem privaten Leben bis hin zum Kontostand bekannt. Einer der beiden Rechtsanwälte Wulffs, Michael Nagel, wurde noch deutlicher: Alles sei vorab bekannt, der vermeintliche Täter stehe im Mittelpunkt des Interesses. Man müsse aufpassen, dass die Angelegenheit nicht den „Geruch eines Schauprozesses“ erhalte. Groenewold sagt, seit den Ermittlungen habe er kein festes Einkommen mehr, sei arbeitslos, weil öffentliches Vertrauen eine Grundlage für erfolgreiches Schaffen im Filmbereich sei.

          „Das ist das große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband, aber in der Ausführung, die man bei solchen Anlässen trägt“, antwortete der frühere Bundespräsident Christian Wulff auf die Frage nach dem Anstecker, den er am Donnerstag in Hannover zum Auftakt seines Prozesses trug

          Das Landgericht, das in einem schmucklosen Gebäude zwischen Hauptbahnhof und einer Hochstraße untergebracht ist, schien am Donnerstag im Ausnahmezustand zu sein. Ein halbes Dutzend Übertragungswagen der Fernsehsender haben sich aufgereiht, mehrere dutzend Kameraleute stehen in der Lobby. Im Inneren, sonst von Neonlicht und Linoleumboden geprägt, hat die Gerichtskantine einen Stand mit Kaffee und Brötchen aufgebaut. Justizwachtmeister waren zur Verstärkung aus anderen Ecken Niedersachsens geholt worden. Im größten Saal des Gerichts, dem Schwurgerichtssaal 127, waren siebzig Plätze für Journalisten reserviert. Sender aus der Ukraine und der Tschechischen Republik hatten sich ebenso angemeldet wie Zeitungen aus Schweden. Ein Gerichtssaal wurde zum Presseraum umgebildet. Bürger aber, die Zeit fürs Zuschauen haben, schienen sich weniger für Wulff zu interessieren: vierzehn der knapp 50 Plätze für „freie Zuhörer“ blieben leer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trumps Nahost-Friedensplan : Ein Konflikt mit vielen Dimensionen

          Gleich will der amerikanische Präsident Trump seinen Friedensplan für den Nahen Osten vorstellen. Es geht um den Kern des jahrzehntelangen Konflikts, den Streit um Land, Grenzen und israelische Siedlungen. Was Sie jetzt wissen sollten.
          Ein DHL-Paketbote auf Tour

          F.A.Z. exklusiv : Post soll Paketpreise senken

          Kunden der Deutschen Post müssen seit einiger Zeit deutlich tiefer in die Tasche greifen. Jetzt hat die Bundesnetzagentur ein Verfahren eingeleitet – sie pocht auf eine Rücknahme der Preiserhöhungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.