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Wulff in Niedersachsen : Der Mann mit dem Doppelgesicht

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Manche sprechen von einer Fassade und einem Doppelgesicht: Wulff - hier auf einem Urlaubsbild aus dem Jahr 2010 in der Schweiz - ist nicht nur der verbindliche Schwiegersohntyp Bild: dpa

Christian Wulff wurde von seinen Beratern als der nette Schwiegersohn in Szene gesetzt. Das war er nie. Er agierte als eiskalter Ministerpräsident, dessen Entscheidungen allerdings oft von Weitblick zeugten.

          5 Min.

          Die Vorwürfe, die zum Rücktritt von Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten führten, beziehen sich zum größten Teil auf seine Zeit als Ministerpräsident. In den gut sieben Jahren, in denen er niedersächsischer Regierungschef war, hat er das Bundesland geprägt und verändert. Stärker noch als zuvor wurde aus dem einst agrarischen Flächenland unter Wulff eine Region der Hochtechnologie und des Mittelstandes.

          Vor allem in Braunschweig und Wolfsburg entstanden dank der Zuflüsse, die das Volkswagenwerk und die davon unabhängige Volkswagenstiftung Niedersachsen bescherten, neue wirtschaftliche Zentren. Dass es auch anders hätte ausgehen können, zeigt die Harzregion weiter südlich, die von Abwanderung und Überalterung gezeichnet ist.

          Wulff im Wahlkampf im März 2003, kurz bevor er zum Ministerpräsidenten gewählt wird
          Wulff im Wahlkampf im März 2003, kurz bevor er zum Ministerpräsidenten gewählt wird : Bild: dpa

          Wulff regierte in Hannover nicht durch ständige Präsenz und direkte Zugriffe, sondern durch ein ausgeklügeltes System inoffizieller Netzwerke. Dabei verhielt er sich stets distanziert und unnahbar. Vielen galt er als kalt. Misstrauen und Kontrollsucht waren oft spürbar, vor allem gegenüber Medien und vermeintlichen Rivalen. Wulff ist nachtragend und hatte nicht vergessen, dass Politiker auch aus den eigenen Reihen und vor allem Journalisten ihn in frühen Jahren als „Verlierertyp“ beschrieben haben – vor allem nach seinen beiden Niederlagen bei Landtagswahlen gegen den Ministerpräsidenten Gerhard Schröder (SPD). Sein schwieriges Verhältnis zu den Medien ist auf diese Erfahrungen zurückzuführen – nun sieht er sich, ob zu Recht oder nicht, als deren Opfer.

          Tiefer Umbruch zwischen 2006 und 2008

          Während sein gestörtes, zumindest selten entspanntes Verhältnis zu Journalisten fortdauerte, änderte Wulff in einem Punkt seine Grundhaltung: Als er 2003 Ministerpräsident wurde, legte er anfangs größten Wert darauf, sich von Schröder und dessen „Freundeskreisen“ abzuheben, von glanzvollen Auftritten und der Nähe zu Unternehmern. Er betrieb den Wandel vom Oppositionsführer zum jugendlich-tatkräftigen Regierungschef. In seiner ersten Wahlperiode hatte er Biss, regte Änderungen an und setzte einen Schwerpunkt auf den Abbau der Staatsverschuldung. Die wenigen, die ihm nahestanden und -stehen, sehen einen tieferen Umbruch in der Zeit zwischen 2006 und 2008. In diese Zeit fällt die Scheidung von seiner ersten Frau Christiane und seine Eheschließung mit Bettina Körner.

          Damals hätten sich Wulffs Offenheit für Rat, seine Einschätzungen und wohl auch seine Haltung verändert, ist zu hören. Wie Wulff Politik betrieb, lässt sich an seinem Umgang mit Ministern und anhand der wenigen Kabinettsumbildungen ablesen. In den Jahren zwischen 2003 und 2008, und stärker noch in seiner zweiten Wahlperiode, ließ er den Ministern Raum für politische Gestaltung. Er griff nur ein, wenn Dinge aus dem Ruder zu laufen schienen. Minister, die ihre Aufgaben nicht hinreichend erfüllten, ließ er lange gewähren. Als er aber das Kabinett umbildete, tat er das in einer Art, die ihm Aufmerksamkeit brachte – und Irritationen im eigenen Kreis. Dabei waren seine Möglichkeiten beschränkt; in der Landtagsfraktion der CDU in Niedersachsen sah Wulff nicht viele, die entgegen ihrer Selbsteinschätzung „ministrabel“ schienen. Begrenzt war seine Gestaltungsmöglichkeit auch, weil jeder Ministerpräsident in dem großen und vielfältigen Flächenland Niedersachsen von Emsland und von Friesland bis zum Westharz regionale, parteipolitische und konfessionelle Strömungen sowie verschiedene Seilschaften einbinden muss.

          Mit dem Regisseur Dieter Wedel, in dessen Fernsehfilm Wulff eine kleine Rolle spielte, 2006 in Hannover
          Mit dem Regisseur Dieter Wedel, in dessen Fernsehfilm Wulff eine kleine Rolle spielte, 2006 in Hannover : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Zumindest ein Milieu, das wertkonservativ, traditionsverbunden, aber auch mit einer inneren Unabhängigkeit verbunden ist, pflegte Wulff stärker als sein Nachfolger David McAllister – Kirchen, Klosterkammer und jüdische Gruppen etwa und die „Landschaften“. Das sind in Niedersachsen und seiner Geschichte eigene Regionalverbände, in denen Familien, die seit Jahrhunderten auf den gleichen landwirtschaftlichen Gütern leben, eine wichtige Rolle spielen. Wulff wusste, dass er hier Anhänger fand, die ihn stützen. Er ist zwar berechnend und instrumentalisiert Menschen, aber die Werte der kirchlichen und regionalen Milieus sind ihm tatsächlich wichtig. Dort fand Wulff Zugang zu Welten, die nicht die seinen sind, die ihn aber hätten prägen können. In den vergangenen drei oder vier Jahren zog es ihn dann allerdings stärker zur Welt des Glamourösen, des Geldes und des Films, während er nach außen weiterhin hohe moralische Ansprüche stellte. Und sein Zugang zur Welt des Filmes, zum Filmemacher David Groenewold, trug dann auch entscheidend bei zu seinem Sturz.

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