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Evangelische Kirche : Württembergs Protestanten wählen neuen Landesbischof

Der scheidende Landesbischof July beim Weltkongress der Lutheraner 2010 in Stuttgart Bild: epd

Württembergs Landeskirche ist geprägt durch den Kontrast zwischen Pietisten und Liberalen. Nun müssen beide Lager gemeinsam einen neuen Bischof wählen.

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          Der mit Abstand dienstälteste Bischof in der evangelischen Kirche ist Frank Otfried July. Schon seit dem Jahr 2005 führt July die württembergische Landeskirche. Mit 67 Jahren tritt er allerdings bald in den Ruhestand. Am Dienstag hat die rund 1,9 Millionen Mitglieder zählende Landeskirche nun drei Kandidaten für die Nachfolge von July vorgestellt, die am 17. März 2022 gegeneinander antreten werden.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Besonderheit in Württemberg liegt darin, dass die „Gesprächskreise“ innerhalb der Synode fest gefügte Fraktionen bilden. Dies hat mit der Stärke der Pietisten im Südwesten und dem dadurch vergleichsweise scharfen Kon­trast der verschiedenen Frömmigkeitsprofile zu tun. Der künftige Landesbischof benötigt aber dennoch eine Zweidrittelmehrheit in der Synode. Die Bischofswahlen in Württemberg haben sich deshalb in der Vergangenheit oft über viele Wahlgänge hingezogen.

          Der mit 31 Stimmen größte Gesprächskreis der Synode, die linksliberal ausgerichtete „Offene Kirche“, schlägt als Nachfolger von July die 51 Jahre alte Viola Schrenk vor, derzeit Studieninspektorin im Tübinger Stift. Der mittlere Gesprächskreis „Evangelium und Kirche“, dem allerdings bloß 17 Synodale angehören, schlägt Ernst-Wilhelm Gohl vor. Der 58 Jahre alte Theologe ist seit vielen Jahren Dekan in Ulm und auch schon lange Mitglied der Synode. Der konservativ-pietistische Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“, dem 30 Synodale angehören, hat Gottfried Heinzmann vorgeschlagen, 56 Jahre alt und Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen Anstalten, einer diakonischen Einrichtung aus Wilhelmsdorf. Heinzmann war zuvor Leiter des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg und hat daher auch gute Kontakte zum vierten Gesprächskreis „Kirche für morgen“, der ihn ebenfalls unterstützt. Diese Jugend-Fraktion verfügt in der Synode über zwölf Sitze.

          Neue Zwänge aus dem Mitglieder- und Einnahmeverlust

          Bei der Wahl im März könnte auch in Württemberg die Geschlechterfrage eine Rolle spielen. „Warum nicht auch einmal eine Frau?“, fragte die Bewerberin Viola Schrenk am Dienstag mit Blick auf die Vergangenheit der Württembergischen Kirche, in der es noch nie eine Landesbischöfin gab. Bedeutsam dürften aber auch die Zwänge sein, die sich aus dem Mitglieder- und Einnahmeverlust ergeben. Den Handlungsbedarf leugnete am Dienstag keiner der drei Bewerber. Schrenk und Heinzmann kündigten an, die Strukturen der Landeskirche zu überprüfen und zu flexibilisieren. Die konkretesten Aussagen machte Ernst-Wilhelm Gohl, in dessen Äußerungen auch eine gewisse Kritik am scheidenden Bischof July durchklang, dem manche in der Landeskirche fehlenden Mut zu unangenehmen Entscheidungen anlasten.

          Es gebe in der Landeskirche „kein Erkenntnisproblem“, man müsse die Prozesse nun „endlich umsetzen“, forderte Gohl. Als Beispiel nannte der Ulmer Dekan eine stärkere Zusammenarbeit mit der benachbarten badischen Landeskirche, wo Mitte Dezember ebenfalls ein neuer Bischof gewählt wird. Aus den Gedankenspielen über eine Fusion beider Landeskirchen hat sich jedoch bisher nichts Greifbares ergeben, was vor allem auf die Beharrungskräfte in der – kleineren – badischen Kirche zurückgeführt wird.

          Mit Blick auf politische Botschaften der Kirche sprachen sich Heinzmann und auch Gohl für eine stärkere Zurückhaltung aus und verwiesen darauf, dass die ethische Urteilsbildung vor allem dem einzelnen Christen zukomme. Auch Schrenk legte Wert darauf, dass politische Äußerungen theologisch abzuleiten seien. Diese Aussage passt zur Einschätzung von Beobachtern, die Schrenk als gemäßigte Kraft innerhalb der „Offenen Kirche“ beschreiben, die auch anschlussfähig für andere Strömungen sei. Der Vorteil der „Offenen Kirche“ bei der anstehenden Wahl liegt darin, dass sie nach den Stimmenverlusten der „Lebendigen Gemeinde“ bei der Synodalwahl als einziger Gesprächskreis über eine Sperrminorität verfügt. Allerdings hat Schrenk anders als Heinzmann und vor allem anders als Gohl wenig Führungserfahrung.

          Das geänderte Wahlgesetz sieht zunächst maximal sechs Wahlgänge vor. Die Bewerber mit dem jeweils schwächsten Ergebnis scheiden nach den Wahlgängen drei und fünf aus. Sollte der verbliebene Kandidat trotzdem keine Zweidrittelmehrheit erhalten, gibt es einen neuen Wahlvorschlag. Dabei könnten auch bereits ausgeschiedene Bewerber als Kompromisskandidaten wieder zum Zuge kommen.

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