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Wowereit tritt ab : Der Riese unter den Berliner Zwergen

  • -Aktualisiert am

Als er noch Lieblingspolitiker der Berliner war: Klaus Wowereit vor seinem Wahlplakat im Wahlkampf 2011 Bild: dapd

Seinen Rückzug aus der Politik hat er lange hinausgezögert. Erst als das Murren in der Berliner SPD unüberhörbar wurde, verstand Klaus Wowereit die Signale. Seine Rücktrittsankündigung inszenierte Berlins Regierender wie immer - launig und selbstbewusst.

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          Endlich Leben in der Bude! Im Saal, in dem jeden Dienstag nach der Sitzung des Berliner Senats die Presse über dessen Beschlüsse informiert wird, war schon zwanzig Minuten vor Beginn jeder Platz belegt. Schreibende, fotografierende und filmende Journalisten drängten sich, es ist stickig.

          Aber, typisch für Berlin und für die notorische Unfähigkeit seiner Politiker, unaufdringlich das Angemessene zu tun, der Gastgeber genoss die Enge und bot nicht etwa an, in einen größeren Saal umzuziehen, von denen es im Roten Rathaus genug gibt: Wowereit trat auf, bestens gelaunt, von den Sprechern seines Senats flankiert, von Dutzenden Kameras fotografiert, setzte sich, freute sich über den „Zuspruch“ der Veranstaltung und begann, genüsslich über „zukunftsträchtige Themen“ wie die Bewerbung Berlins um die Austragung der Olympischen Spiele zu sprechen.

          Der Regierende Bürgermeister trug Blau, die Farbe der Treue. Der Anzug blau, die Krawatte dazu blau, wenn auch in einer Schattierung, die ältere Berliner an die Uniform der BVG-Abfertiger in den U-Bahnhöfen erinnerte. Aber solche Jobs gibt es heute gar nicht mehr.

          Und wie es sich mit der Treue in der Politik verhält, das ist heute so unklar wie eh und je. Jedenfalls redete Wowereit einige Zeit lang über die Olympischen Spiele und die Chancen für Berlin, die er damit verbunden sieht, und erklärte dann in munterem Ton, er habe seinen Senatoren am Ende der Sitzung auch noch eine „persönliche Entscheidung“ mitgeteilt: Er werde von seinen Ämtern als Regierender Bürgermeister und Kultursenator von Berlin zurücktreten.

          Wowereit dankt Stöß mit keinem Wort

          Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus im Jahr 2016 werde er sich nicht um die Spitzenkandidatur bemühen, sondern werde aus der „aktiven Politik“ ausscheiden. Er habe vor, sein Amt während der Plenarsitzung am 11. Dezember zur Verfügung zu stellen. Das gebe seiner Partei, der SPD, genügend Zeit, einen Nachfolger zu benennen, eventuell auch durch Mitgliederentscheid. Laut der Verfassung von Berlin sei der Regierende Bürgermeister bis zur Wahl seines Nachfolgers im Amt.

          Wowereit, der seit Juni 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin ist, dankte der SPD und ihrem Vorsitzenden Raed Saleh für die Unterstützung und ihre „Loyalität“. Alle hörten, dass der Vorsitzende der Berliner SPD, Jan Stöß, nicht genannt wurde, und dass ihm nicht gedankt wurde.

          Auf die Frage, wann er seine Entscheidung wem mitgeteilt habe, erwiderte er: „Heute“. Er setzte bescheiden an: Er habe „versucht“, die Hierarchie einzuhalten, um dann den SPD-Bundesvorsitzenden Sigmar Gabriel namentlich zu nennen, abermals aber Stöß, der am offenkundigsten seine Nachfolge anstrebt, nicht.

          Stolz über freiwilligen Rückzug vom Amt

          „Auch aus den Reihen der SPD“ sei die Diskussion um seinen überfälligen Rückzug in den vergangenen Wochen mitbefördert worden, stellte Wowereit fest. Zwei Jahre vor der nächsten Wahl bringe so etwas „wenig Nutzen für die Partei“ und „viele Schaden für die Regierungsarbeit“.

          Seit dreißig Jahren mache er „hauptamtlich“ Politik in Berlin, so dass ihm der Abschied nicht leicht falle. Er gehe aber „freiwillig“ und sei „stolz darauf, einen Beitrag zur positiven Entwicklung“ der Stadt geleistet zu haben. Der 9. November, der Tag, an dem die Mauer fiel, bleibe der glücklichste Tag seines politischen Lebens.

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