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Wolski-Prozess in Hessen : Bizarr bis unappetitlich

  • -Aktualisiert am

Der Angeklagte Michael Wolski Bild: dpa

Sex, Ferrari und Steuerbetrug: Ein Prozess in Hessen bietet nicht nur reichlich Stoff für eine Seifenoper - er bietet auch Konfliktpotential für die Landespolitik. Karin Wolski, die Ehefrau des Angeklagten, gehört zu den ranghöchsten Richtern im Land.

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          Leicht auf seinem Stuhl nach vorne gebeugt, blättert der Angeklagte Michael Wolski in zwei dicken Aktenordnern. Dann fragt er ein wenig nuschelnd den zwei Stühle neben ihm sitzenden Herrn im grauen Anzug: „Hatten Sie zehn Millionen Mark auf Ihrem Konto, die Ihrem Schwiegervater gehörten? Waren es am Ende immerhin noch fünf Millionen?“

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Geld, Macht, Sex und Liebe: Was sich seit vergangenem Oktober im Saal 4 des Darmstädter Landgerichts abspielt, taugt auch als Stoff für eine Seifenoper. Es ist ein Prozess vor der 9. Großen Strafkammer, der seit vergangenem Oktober über Darmstadt hinaus auch die hessische Landespolitik bewegt und dessen Hauptpersonen seit Jahren Klatschthema in der Frankfurter Gesellschaft sind. Verhandelt wird gegen den Frankfurter Rechtsanwalt Michael Wolski wegen Steuerhinterziehung von rund 2,6 Millionen Euro.

          Sachwerte wie Luxusautos der Marke Ferrari

          Der 61 Jahre alte Angeklagte soll die millionenschweren Zuwendungen seiner Mandanten, des inzwischen verstorbenen Immobilienkaufmanns Ignatz C. und dessen Witwe Margit C., von 1999 bis 2003 zu einem großen Teil nicht versteuert haben. Wobei das Gericht unter Vorsitz des Richters Rainer Buss aus steuerrechtlichen Gründen vor allem zunächst die Frage klären muss, bei welchen Geldbeträgen und an Wolski übertragenen Sachwerten wie Luxusautos der Marke Ferrari und Immobilien in Mallorca es sich um Anwaltshonorare oder Schenkungen handelt, auf die gesondert Steuern fällig gewesen wären.

          Ausgiebig erörtert und mit vielen bizarren bis unappetitlichen Details ausgeleuchtet wird deshalb auch ein seit Jahren tobender Familien- und Erbstreit: Denn nach Aussage jenes von Wolski ins Kreuzverhör genommenen Zeugen im grauen Anzug, des Frankfurter Orthopäden Janusz P., soll Wolski sich zunächst das anwaltliche Vertrauen und dann die intime Zuneigung seiner Schwiegermutter, der inzwischen 87 Jahre alten Margit C., erschlichen haben.

          Beide hätten seinen Ende der neunziger Jahre schwer erkrankten Schwiegervater Ignatz C. bis zu dessen Tod 2006 in einem Frankfurter Altersheim systematisch von der eigenen Familie isoliert und quasi „lebendig begraben“. Wolski sei „mit ganzer Wucht“ in das Leben der Familie C. eingetreten, deren Oberhaupt Ignatz C. ein Millionenvermögen mit Immobilien und Aktien gemacht hat. Zweck dieser Annäherung an das Ehepaar C. sei die Ausplünderung der Familie gewesen, sagte der 56 Jahre alte P. bei seiner Zeugenvernehmung Mitte Januar. Wolski habe ein Liebesverhältnis zu der fast 30 Jahre älteren Margit C. aufgebaut, die ihm hörig gewesen sei. Nach dem Tod von Ignatz C. habe der Anwalt die Witwe derart emotional unter Druck gesetzt, dass immer größere Geldbeträge und Geschenke an ihn geflossen seien - und auch an Wolskis Ehefrau Karin.

          Es sind diese Aussagen P.s und die Tatsache, dass Karin Wolski gemeinsam mit ihrem Mann steuerlich veranlagt wurde, die diesen Prozess zu einem immer brisanteren Thema der hessischen Landespolitik machen. Denn Karin Wolski ist Vizepräsidentin des Verwaltungsgerichts Frankfurt, sie gehört zu den ranghöchsten Richtern im Land. Ihre Partei CDU nominierte sie 2003 als Mitglied im Hessischen Staatsgerichtshof. Zuvor hatte die Juristin den damaligen Landtagspräsidenten Klaus Peter Möller (CDU) im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der „Schwarzgeldaffäre“ der hessischen CDU beraten.

          Aus Sicht der Wiesbadener Opposition aus SPD, Grünen und Linkspartei stellt sich immer drängender die Frage, ob Justiz und Finanzbehörden aus politischer Rücksichtnahme auf eine bestens mit der Landesregierung von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) vernetzte Richterin über Jahre bei der steuerrechtlichen Behandlung des Ehepaars Wolski beide Augen zugedrückt haben. Denn gegen Karin Wolski wird nicht ermittelt und nach Auskunft von Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) gibt es auch kein Disziplinarverfahren gegen die Richterin.

          Für SPD und Grüne im Landtag besteht auch deshalb der Verdacht, dass im Fall Wolski mit zweierlei Maß gemessen worden sei. Schon mehrmals musste Finanzminister Karlheinz Weimar (CDU) im Haushaltsausschuss Fragen der Opposition beantworten, warum im Steuerfall Wolski die zuständigen Finanzämter Frankfurt und Offenbach-Land, wo der in Frankfurt tätige Angeklagte wohnt und steuerlich gemeldet war, nicht wie anderswo üblich nachgehakt haben. Auch die schon von Richter Buss im Prozess getroffene Feststellung, dass die Steuerakten im Fall Wolski von den Finanzbehörden schlampig und kaum nachvollziehbar geführt worden seien, beschäftigt die Abgeordneten in Wiesbaden.

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