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Wolfgang Schäuble wird 80 : Der Getreue der Kanzler

Wolfgang Schäuble Bild: Jens Gyarmaty

Wolfgang Schäuble war lange der Kronprinz, der selbst nie Kanzler wurde. Ein halbes Jahrhundert lang hat er im Bundestag und in vielen Kabinetten Politik gemacht – und damit das Land wie wenige andere geprägt.

          3 Min.

          Wolfgang Schäuble hat in der Politik mehr bewirkt als mancher Bundeskanzler. Das liegt auch daran, dass er schon so lange dabei ist. Fast ein halbes Jahrhundert gehört der Christdemokrat dem Parlament an. Niemand hat im Bundestag und in den Bundesregierungen der letzten fünf Jahrzehnte mehr Ämter innegehabt als der Sohn aus badischer Familie. Seit 1972 vertritt er den Wahlkreis Offenburg, stets direkt gewählt.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Als Getreuer Helmut Kohls wurde Schäuble zum Bonner Unterhändler des Beitritts der DDR zur westlichen Bundesrepublik. Der Einigungsvertrag, der das im August 1990 juristisch besiegelte, trägt seine Handschrift. Bundesinnenminister Schäuble, der zuvor als Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion und dann Chef des Kanzleramtes zu Kohls engsten Mitarbeitern gehört hatte, nutzte die überraschende Chance so zügig, dass der wankende Führer der Sowjetunion Michail Gorbatschow nur noch zustimmen konnte.

          Die Eile ging zu Lasten der Perfektion. Ein Jahr später zerbrach die Sowjetunion nach einem Putschversuch. Auch Schäubles persönliches Schicksal wendete sich jäh. Ein wahnhafter Attentäter schoss ihn und einen Personenschützer wenige Tage nach der Einheitsfeier im Oktober 1990 während einer Wahlkampfveranstaltung in Oppenau nieder. Schäuble überlebte, doch seither ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Gehadert hat er damit sicher, beschwert hat er sich nie. Eisern kämpfte er sich zurück ins Leben und in die Politik, begleitet von seiner Frau Ingeborg und den Kindern.

          Die Rede, die Berlin zur Hauptstadt machte

          Nach dem Attentat übernahm Schäuble die Führung der Unionsfraktion im Bundestag und sicherte mit seiner sehr speziellen Mischung aus Härte und badischem Charme dem Kanzler in den folgenden Jahren die Gefolgschaft. Seine größte parlamentarische Stunde schlug, als es ihm, nicht etwa dem zaudernden Kohl, gelang, mit einer großen Rede eine Mehrheit für die Hauptstadt Berlin zu gewinnen.

          In jene Jahre fielen die rechtswidrigen Spendensammlungen des Kanzlers und dubiose Umschlaggeschenke, die Schäuble erhielt und weiterleitete, oder auch nicht. Die Versionen unterschieden sich. Zum Ende eines Parteitags in Leipzig hatte Kohl 1997 zwar geäußert, jeder wisse, dass er sich wünsche, Schäuble werde einmal Bundeskanzler. Doch Zeitpunkt und Art der Ankündigung besagten etwas anderes. Der CDU-Politiker, damals 55 Jahre alt, musste immer mehr den Eindruck gewinnen, dass Kohl ihn nicht fördern, sondern fernhalten wollte, wie Konrad Adenauer es weiland mit Ludwig Erhard getan hatte. Der Kanzler hielt sich für unentbehrlich.

          Nach der Wahlniederlage der Union 1998 ging es für beide steil bergab. Kohl geriet in die Spendenaffäre. Schäuble, halb Aufklärer, halb Mitbeschuldigter, verlor in kürzester Zeit den eben erst errungenen CDU-Vorsitz an Angela Merkel. Mit einem Fatalismus, der noch immer erstaunt, fügte er sich.

          Ebenso, wie später Friedrich Merz sich zu fügen hatte, den Merkel aus dem Fraktionsvorsitz verdrängte. Merz verließ die Politik, Schäuble blieb im Parlament. Seine Loyalität zur Parteivorsitzenden war nicht gespielt, sondern Teil seiner Auffassung von Erfolg und Niederlage in der Demokratie. Natürlich hörte Schäuble es meistens ganz gerne, wenn er für alles Mögliche genannt wurde, darunter Regierender Bürgermeister von Berlin, Bundespräsident, Merkel-Nachfolger, Chef der EU-Kommission, abermals Bundespräsident. Nichts davon bewahrheitete sich.

          Innenminister, Finanzminister, Bundesestagspräsident

          Als Innenminister im ersten Kabinett Merkel initiierte Schäuble nach 2005 die Islam-Konferenz und versuchte, mit der Integration der Einwanderer Ernst zu machen. Als Finanzminister prägte und bestimmte er neben der Kanzlerin die europäische Politik in der Finanz- und Schuldenkrise, teils stur und gefürchtet („isch over“), teils beweglich und gewinnend.

          In der vorigen Legislaturperiode musste Schäuble sein Amt abgeben an Olaf Scholz, der es als Sprungbrett ins Kanzleramt zu nutzen wusste.

          Als Bundestagspräsident übernahm Schäuble dann das höchste Staatsamt seiner Laufbahn. Er war zur Stelle, wenn Rechtsextreme im Parlament gegen das agitierten, was Schäuble zäh verteidigt, nämlich ein wirtschaftlich starkes Deutschland, das im Wissen um seine Geschichte und aus demokratischer Überzeugung in der Mitte Europas Anker des Vertrauens und der Zuverlässigkeit sein will.

          Für Merkel ein gefragter Ratgeber

          Hinter den Kulissen war der CDU-Politiker lange ein Ratgeber der Kanzlerin, die ihm ihrerseits auch in Schwächeperioden die Treue hielt. Wenn Schäuble fand, sie mute der CDU (oder ihm selbst) politisch zu viel zu, war es für sie höchste Zeit, Vorsicht walten zu lassen. Er mochte die Partei und das Kanzleramt nicht führen, aber Schäubles Einfluss war lange Zeit riesengroß. Früh hat er auf Friedrich Merz gesetzt, zuletzt noch haarscharf die Kanzlerkandidatur Markus Söders von der CSU verhindert. Halb Orakel, halb Aktivist, ist ihm dabei auch mancherlei misslungen.

          Wer Schäuble in den letzten Jahren reden hörte, bekam von alledem etwas zu spüren, mit vorsichtiger Zuversicht, skeptisch, zuweilen spöttisch über seine Mitmenschen in der Politik und die Nachbarn in Europa denkend, nahbar trotz aller Di­stanz, die Ämter, Alter und persönliche Lebenssituation mit sich brachten.

          Wahrscheinlich gibt es, von Winston Churchill abgesehen, nur wenige europäische Politiker, die mehr Bücher gelesen haben als Schäuble. Manchmal wirkt er bei Veranstaltungen gelangweilt, nur um urplötzlich lebhaft wie ein jagendes Krokodil in die plätschernde Debatte einzugreifen.

          Dass er beinahe jede mögliche partei- oder staatspolitische Frage schon oft beantwortet hat, lässt er zuweilen spüren. Wolfgang Schäuble hat über fünf Jahrzehnte die Geschicke des Landes mitgeprägt und den Deutschen zu ihren glücklicheren Jahren verholfen. An diesem Sonntag feiert er in Offenburg seinen 80. Geburtstag.

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