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Kritik am DFB : Schäuble bedauert Özils Rücktritt

  • Aktualisiert am

„Eine ‚Union der Mitte‘ in der Union halte ich für überflüssig, denn für mich ist die Union die Mitte“, sagt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble über die neue Unterstützergruppe für Angela Merkel Bild: dpa

Die Hauptschuld für die anhaltende Debatte um Mesut Özil sieht Bundestagspräsident Schäuble beim DFB. Kritik übt er auch am direkten Umfeld des Fußballspielers.

          Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sieht die Hauptschuld für die anhaltende Debatte um Mesut Özil beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). „Ich habe bis heute nicht verstanden, weshalb man beim DFB zugelassen hat, dass aus einer so unklugen Fotoaktion eine derartige Staatsaffäre gemacht wurde. Das ist ein Jammer“, sagte der CDU-Politiker den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND). Ähnlich hatte er sich schon vor zwei Wochen in der „Zeit“ geäußert. Kritik übte Schäuble nun zudem am direkten Umfeld des Fußballers. „Irgendein kluger Mensch hätte das alles verhindern können und müssen. Da die Fußballstars alles junge Menschen sind, muss man ihnen helfen, sie führen, notfalls auch durch Kritik“, sagte er.

          Özil war am vergangenen Sonntag als Spätfolge des umstrittenen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und der daraus entstandenen Diskussionen aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. In den sozialen Medien hatte er zu einem Rundumschlag ausgeholt. Den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel attackierte Özil scharf und sprach von Rassismus in der DFB-Führung. Grindel wies die Vorwürfe am Donnerstag entschieden zurück und gestand zudem Fehler ein. „Als Fußball-Fan tut es mir leid, dass Özils Ära im Nationaltrikot so zu Ende gegangen ist“, sagte Schäuble. Als Politiker bedauere er, „dass durch eine Fülle von Fehlern und Missverständnissen die Integration gelitten hat. Aber es wird sich schon wieder einrenken.“ Er frage sich, wieso „gut bezahlte Fußball-Manager und -Berater“ den Schaden nicht hätten verhindern können.

          Schäuble warnte unterdessen die CSU vor einer bundesweiten Ausdehnung. „Das Besondere an der CSU ist neben ihrer politischen Schlagkraft ja auch ihre besondere bayerische Identität“, sagte der CDU-Politiker der „Augsburger Allgemeinen“. Die CSU laufe in einem solchen Fall Gefahr, diese bayerische Identität „ein Stück weit zu verlieren“, fügte Schäuble hinzu.

          Im Streit um die Flüchtlingspolitik war ein Bruch des Bündnisses zwischen CDU und CSU nicht mehr ausgeschlossen worden. Zwar ist der akute Streit seit Ende Juni beigelegt. Er könnte jedoch schnell wieder hochkochen. Zum Widerstand osteuropäischer Staaten gegen die Asylpolitik der Bundesregierung sagte Schäuble: „Wir müssen auch denen, die nicht unserer Meinung sind, respektvoll begegnen.“ Der Bundestagspräsident erinnerte an die Zeit der Wiedervereinigung. „Gerade wir Deutschen sollten nicht vergessen, dass wir unsere Einheit auch den Polen und den Ungarn verdanken. In Polen hat die Solidarnosc-Bewegung das Eis gebrochen, Ungarn hat die Grenze nach Österreich für die Bürger der DDR geöffnet.“

          Angesichts der Debatte um die Flüchtlingspolitik mahnte Schäuble unterdessen den Mut zum Aussprechen von Tatsachen und entschlussfreudigere Entscheidungen der Politik an. „Mut ist in der Tat in der Politik ein knappes Gut. Man muss, soweit man in der Sache kann, überzeugend führen, Lösungen anbieten und das alles auch verständlich erklären“, sagte Schäuble den RND-Zeitungen. 

          Entscheidend für den Erhalt der Union als Volkspartei werde jetzt der weitere Umgang mit dem Thema Migration sein, fügte Schäuble hinzu. „Wenn wir es nicht schaffen, unser Rendezvous mit der Globalisierung für alle erträglich zu gestalten, werden wir scheitern.“ Für Schäuble ist dabei aber auch klar: „Wir können nicht alle Migranten ungeordnet aufnehmen.“ Gleichwohl teile er mit der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel „die Überzeugung, dass man demagogischen Radikalismus nicht durch verbale Überbietung bekämpfen kann, sondern durch Lösungen in der Sache und durch Erklärungen“.

          Die jüngst von CDU- und CSU-Politikern gegründete Merkel-Unterstützungsgruppe der „Union der Mitte“ hält Schäuble derweil für überflüssig. „Es ist sicherlich gut gemeint, dass man sich zusammenschließt gegen den Anschein, als habe Angela Merkel CDU-intern nicht mehr genügend Unterstützung“, sagte er den Zeitungen des RND. „Aber eine ‚Union der Mitte‘ in der Union halte ich für überflüssig, denn für mich ist die Union die Mitte.“

          „Er ist einer von uns“

          Zur Causa Özil äußerte sich auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der für Sport zuständig ist. Er zeigte sich solidarisch mit dem Fußballspieler. "Özil gehört selbstverständlich zu Deutschland, er ist einer von uns", sagte Seehofer im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seehofer sagte weiter, der Sport dürfe nicht in seiner "wichtigen gesellschaftspolitischen Funktion für die Integration" diskreditiert werden. "Der Fall Özil ist kein Beispiel dafür, dass Integration im Sport oder generell gescheitert sei."

          Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), hob die Integrationskraft des Fußballs hervor: "Fußball bringt Menschen über alle Unterschiede hinweg zusammen. Deshalb kann Fußball auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken", sagte sie der F.A.Z.

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