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Schäuble über Weizsäcker : Er ist immer unser Präsident geblieben

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Staatsakt für den verstorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Berliner Dom. Bild: dpa

Wolfgang Schäuble gehörte in den vergangenen Jahrzehnten zu den engen politischen Weggefährten Richard von Weizsäckers. FAZ.NET dokumentiert die Rede des Bundesfinanzministers und früheren CDU-Vorsitzenden zum Staatsakt für den im Alter von 94 Jahren verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten.

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          Was war das für ein Leben. Ein Leben, das die deutsche Geschichte in sich und mit sich trug. In diesem letzten Jahrhundert, mit dem wir noch lange nicht fertig sind.

          Stefan George legte dem jungen Richard von Weizsäcker die Hand auf die Schulter, mit Stauffenberg besprach der Oberleutnant 1942 die Kriegsaussichten.

          Er hatte den Niedergang der Weimarer Republik erlebt,nach der Barbarei des Nationalsozialismus die Wiederaufrichtung West-Deutschlands.

          Dann Kalter Krieg und sein Ende,deutsche und europäische Einheit,
          und dann noch einmal zweieinhalb Jahrzehnte des wiedervereinigten Deutschlands – mit neuer Rolle und neuen Aufgaben.

          Und all das nicht als Beobachter, sondern als Teilnehmender und Gestaltender. Und als Heilender. Er wollte die schweren Verletzungen unseres Landes,die – wie er durch sein eigenes Leben wusste – wir uns selbst zugefügt hatten, heilen.

          Richard von Weizsäcker durfte dankbar sein für ein Leben, das so reich war, wie es für einen Menschen nur sein kann.

          Und was für ein Mensch er war! Einer, der mit seiner ganzen Persönlichkeit höchste Achtung fand. Von einer faszinierenden Ausstrahlung.

          Diese Wirkung hatte er bemerkenswerter Weise in einer Gesellschaft,
          die von ihren alten Eliten der Vorkriegszeit in mehrfacher Hinsicht abgeschnitten war, von ihnen aus manch guten Gründen auch gar nichts mehr wissen wollte.

          Und doch verdankte sich vieles in seinem Auftreten, in seinem Charakter, in seiner Persönlichkeit gerade seiner Herkunft aus eben diesen alten deutschen Eliten.

          In ihm hatte etwas von dem alten Deutschland überlebt und nahm republikanische Form an. Ich bin mir nicht sicher, ob allen so klar war,
          dass sie in ihm etwas liebten, was sie theoretisch eigentlich gar nicht mehr haben wollten.

          Richard von Weizsäckers reiche Persönlichkeit hatte viele Dimensionen:
          in Musik, Literatur und bildender Kunst gleichermaßen zu Hause,
          religiös ohne frömmlerisch zu sein, wirtschaftliche Erfahrungen, Freude am Sport und eben die Politik.

          Und über all dem ein liebenswürdiger, ein verbindender und ein verbindlicher Mensch. Er konnte anderen, Großen und Kleinen,
          im Gespräch das Gefühl geben, dass es in diesem Moment nur sie für ihn gebe.

          Er war stets für alle verständlich, obwohl doch immer differenziert und nachdenklich – auch darin ein Vorbild, gerade in der heutigen Zeit,
          die zunehmend von unangemessener Aufgeregtheit und dadurch auch von einer Aggressivität geprägt ist, die das gesellschaftliche und politische Klima oftmals vergiftet.

          Mit Richard von Weizsäckers außergewöhnlicher Wirkung und Ausstrahlung verband sich aber auch eine Gefahr,die ich hier erwähnen möchte. Und ich glaube, dass dies in seinem Sinne wäre.

          Es verband sich damit die Gefahr, dass in seinem Glanz die alltägliche Politik mehr verblasste, als sie es verdiente und verdient.

          Es wäre falsch – und ich glaube auch, dass er das zutiefst nicht gewollt hat –, in Richard von Weizsäcker das Gegenbild von Politik zu sehen.

          Sondern wir sahen in ihm eine beeindruckende Form von Politik selbst,
          wie sie sein kann, wie sie sein sollte, und wie sie – in unendlichen Abstufungen – auch ist.

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