https://www.faz.net/-gpf-81vaa

Wolfgang Schäuble : Politik ist die Lehre vom Möglichen

  • Aktualisiert am

Wir können in Europa nur so vorangehen, wie wir bisher immer vorangegangen sind: pragmatisch, Schritt für Schritt, flexibel und korrigierbar, immer so weit und so schnell, wie die Bevölkerungen und die Regierungen in Europa es wollen. In sechs Jahrzehnten war die Begeisterung nie groß, wenn es galt, Souveränität und Kompetenzen in einem großen Wurf abzugeben. Krisen sind da immer wieder eine große Chance. Wir sind in Europa immer besonders nach Kriegen und in Krisen vorangekommen. „Never let a good crisis go to waste“, soll Winston Churchill gesagt haben. Genau das versuchen wir - mit einigem Erfolg.

All diese Bismarck-Projektionen auf die heutige Zeit überzeugen mich nicht - weder in Bezug auf Präsident Putin noch in Bezug auf Deutschlands Rolle und Stellung in Europa. Gegen diese Bismarck-Projektionen würde ich immer die Unterschiede der Zeiten, Umstände und Bedingungen betonen. Aber die Frage bleibt: Was können denn Bismarck und seine Zeit uns heute sagen? Dahinter steht die allgemeinere Frage, ob und wie historische Reflexion uns Heutigen helfen kann, besser zu verstehen und klüger zu handeln. Der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt - drei Jahre jünger als Bismarck, ein Jahr vor ihm gestorben - hat dazu gesagt: Man werde durch historische Erfahrung nicht klug für ein anderes Mal, sondern weise für immer.

Man gewinnt aus der Geschichte keine Handlungsanleitung für eine konkrete Situation. Aber man gewinnt aus der Geschichte eine Sensibilität für höchst lebendige Vergangenheiten in den Konstellationen der Gegenwart. Man gewinnt Vermutungen über historische Ursachen, die unsere Deutung der Gegenwart bereichern. Man gewinnt hilfreiche Elemente von so etwas wie „Landkarten“ des Handlungsfeldes, in dem man sich jeweils befindet, historische Prägungen von Akteuren, psychologische Konstanten des politischen Handelns, Kontinuitäten in den Konstellationen von Staaten und Nationen.

Von Bismarck für die Gegenwart lernen

Leider ist unsere Welt der Welt Bismarcks wieder ähnlicher geworden. Es ist einiges zurückgekommen, das wir fern gerückt glaubten: ein Denken in Einflusssphären, in Räumen und Reichen, eher altertümliche Vorstellungen von Macht, militärisch grundiert, Staaten, die sich gedemütigt fühlen und Genugtuung suchen. Beschäftigt man sich mit Bismarcks Politik in seiner Zeit, dann wird man nicht klug für ein anderes Mal, aber eben doch ein Stück weiser für den Umgang mit unseren heutigen Problemen. Diese Chance sollte man sich nicht entgehen lassen.

Die Jahrzehnte Bismarcks, und gerade die späteren, sind eben auch die Jahrzehnte, in denen sich in Deutschland Neuerungen und Veränderungen vollzogen, die uns noch heute prägen: Rechtskodifikationen vom Handels- bis zum Prozessrecht, die in den Grundlinien noch heute gelten; der Sozialstaat der Sozialversicherungen; die großen Erfolge und die Weltgeltung von Unternehmen wie Siemens, Bosch, Bayer, BASF, Krupp, Allianz, Benz, Daimler; die Industriegesellschaft der Verbände, Gewerkschaften und Genossenschaften; die Klärung des Verhältnisses von Staat und Kirche mit staatlicher Schulaufsicht und Zivilehe, von Bismarck eingeführt; Parteienleben und Reichstag mit seiner steten Gesetzgebungstätigkeit und durchaus großem Gewicht im Verfassungsgefüge; die atemberaubenden Entwicklungen in der Wissenschaft, vor allem in den Naturwissenschaften, in der Chemie, der Medizin; die Aufbrüche in Kunst und Literatur, in Bismarcks letztem Lebensjahrzehnt die Sezessionen, die Modernität in der bildenden Kunst, in München, Wien, Berlin.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

Gesundheitsminister-Bericht : Spahn plant Maskenpflicht bis 2022

Mindestens bis zum Frühling will die Bundesregierung die Maskenpflicht aufrechterhalten. Gratistests sollen im Herbst entfallen und für Ungeimpfte könnten „erneut weitergehende Einschränkungen notwendig werden“.

Druck auf Sportler : Die Stärke der Verletzlichen

Der Druck, der auf den Stars dieser Spiele lastet, ist so sichtbar wie nie zuvor. Athletinnen und Athleten zeigen: Auch wer verletzlich ist, kann erfolgreich sein. Das könnte der Anfang eines Kulturwandels sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.