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Im Gespräch: Wolfgang Kubicki : „Ich befürchte, dass VW bald keine Autos mehr nach Amerika liefern darf“

Ist Jamaika nach den schlechten Erfahrungen im Saarland in Ihrer Partei überhaupt noch vermittelbar?

Politik ist die Kunst des Möglichen und kein Wunschkonzert. Außerdem haben nach der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz auch alle gesagt, eine Ampel-Koalition wäre eine Katastrophe für die Liberalen, und jetzt läuft sie richtig gut. Aber ich sage ebenso klar: Von der politischen Grundstruktur, also in Fragen der Wirtschafts- und Steuerpolitik, aber auch der Infrastrukturentwicklung können wir in einer Jamaika-Koalition deutlich mehr erreichen als in einer Ampel. Auch wenn diese FDP unter der Führung von Christian Lindner sicher nicht um jeden Preis eine solche Koalition will.

FDP-Parteichef Christian Lindner (M.) mit Kubicki, Generalsekretärin Nicola Beer (l.), der stellvertretenden Parteivorsitzenden Marie-Agnes Strack-Zimmermann (M.) und Katja Suding (r.) im April beim Bundesparteitag der FDP in Berlin

Unter Westerwelle war die FDP als Klientelpartei verschrien, unter Lindner hat sie versucht, sich neu zu erfinden. Wofür stehen die Freien Demokraten heute?

Für eine Politik der praktischen Vernunft, die sich daran orientiert, was unseren Wohlstand in zehn oder 20 Jahren sichert und die Straßen bauen statt verhindern will. Was die Menschen zwischen 2009 und 2013 so unglaublich an der FDP gestört hat, war unser großspuriges Auftreten. Ich kann mich noch an den Parteitag 2009 in Berlin erinnern, als Guido Westerwelle sich vorne hingestellt und gesagt hat: Wir haben uns zu 100 Prozent durchgesetzt. Schon damit hat er den Widerstand  geradezu herausgefordert. Außerdem haben wir das Gefühl vermittelt, dass die Kollegen, die in den Ministerien angekommen waren, damit schon genug geleistet hätten und bei der Steuerreform nichts auf die Reihe bekommen. Stattdessen haben wir immer nur erklärt, "Mutti" gönne uns nichts. Viele, mich eingeschlossen, haben das als sehr peinlich empfunden. Wir haben mit allen diesen Dingen mangelnde Durchsetzungsfähigkeit vermittelt. Dieses Empfinden haben die Menschen bei Christian Lindner und mir nicht.

Das erklärte Ziel der FDP für die Bundestagswahl lautet, stärker zu werden als die AfD. Wie wollen Sie das schaffen? 

Christian Lindner hat das Motto ausgegeben, stärker zu werden als die AfD. Das liegt vielleicht auch an seinem jugendlichen Ungestüm; nach den Umfragen könnte das schwierig werden. Für die anstehenden drei Landtagswahlen haben wir aber umso bessere Hoffnungen. Im Saarland werden wir den Einzug in den Landtag wieder schaffen, selbst wenn die AfD dort vielleicht leicht vor uns landet. Auch in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein werden wir gut abschneiden, in Kiel sicher mit einem  zweistelligen Ergebnis. Und dann haben wir vier Monate vor der Bundestagswahl einen ordentlichen Vorlauf, der uns Rückenwind geben wird.

Wie erklären Sie es sich, dass die AfD in Schleswig-Holstein vergleichsweise schwach ist?

Mit demselben Phänomen wie bei der Kommunalwahl in Niedersachsen: Überall dort, wo die Union deutsch-national ist, also aus meiner Sicht schwarz-braun, hat die AfD nicht mehr als drei Prozent bekommen. [lacht] Hinzu kommt, dass die Dauer-Konflikte zwischen dem SPD-Kollegen Ralf Stegner und mir es den Menschen erlauben, ihren ganzen Frust und ihren ganzen Protest bei einem von uns beiden loszuwerden. Dafür brauchen sie bei uns keine AfD.

Das Thema AfD betrifft Sie also nicht?

In jeder Gesellschaft leben 18 bis 20 Prozent durchgeknallte Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker und Demokratiefeinde, an die man als demokratischer Politiker ohnehin nicht mehr herankommt...-

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