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Bosbach-Rücktritt : Gegen den Strich

  • -Aktualisiert am

Wolfgang Bosbach war stets als Querdenker bekannt. Bild: dpa

Wolfgang Bosbach steht eigentlich loyal an der Seite von Bundeskanzlerin Merkel, nur in der Griechenland-Frage ist er es nicht – jetzt hat der CDU-Abgeordnete die Konsequenzen gezogen, zumindest ein wenig.

          4 Min.

          Vergangenes Weihnachten, am zweiten Feiertag um 17 Uhr, wurde im WDR-Fernsehen ein Politikerporträt ausgestrahlt, dessen Länge sonst kaum Angela Merkel, der Bundeskanzlerin, oder Barack Obama, dem amerikanischen Präsidenten, zugebilligt worden wäre. Sechzig Minuten Wolfgang Bosbach. Bosbach, der sich um seinen Wahlkreis kümmernde. Bosbach, der Büttenredner im rheinischen Karneval. Bosbach in Talkshows. Bosbach im Bundestag.

          Die sechzig Minuten waren von einer Grundsympathie für den CDU-Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Rheinisch-Bergischer-Kreis durchzogen. Alle möglichen Leute sagten Nettes und Gutes über Bosbach, der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele etwa, die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner von der CSU und auch Bosbachs Parteifreund, der frühere Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma. Seltsam nur: Aus dem Berliner CDU-Spitzenmilieu hatte Gisbert Baltes, der Autor des Films, keinen gefunden, der sich über den freundlichen und ziemlich bekannten Herrn Bosbach äußern wollte: Nicht den Fraktionsvorsitzenden, nicht den Generalsekretär, nicht einen Minister.

          Zwei Schlüsselszenen hatten die sechzig Minuten. Nummer 1 in Bosbachs Berliner Büro: Schulkinder, Zehnjährige etwa, überreichten dem Abgeordneten eine bunte Bildermappe, was sich Kinder von der Politik wünschten. Frieden auf der Welt, dass es keine Gewalt gebe, dass die Menschen Arbeit und die Kinder in der Dritten Welt zu Essen hätten. Bosbach sagte, gleich in der Fraktionssitzung werde er Angela Merkel sehen, und er versprach den Kindern, die Bilderwünsche der Bundeskanzlerin zu geben. Schlüsselszene 2 im CDU/CSU-Fraktionssaal. Bosbach, mit Gisbert Baltes und seinen Kamera-Leuten im Schlepptau, drängelt nach vorn. Merkel ist im Gespräch. Bosbach unterbricht. Bosbach trägt sein Versprechen vor. Er gibt Merkel die Kinderwünsche. Merkel schaut konsterniert, und Volker Kauder, der Fraktionsvorsitzende, auch. Rasch werden die Bilder nach hinten gereicht.

          „Alle wollen kleine Bosbachs sein“, grummelte Kauder dieser Tage. Im Ranking der Politiker, die in Talkshows eingeladen und um Radio-Interviews gebeten werden, kann es Bosbach mit jedem aufnehmen – auch mit allen, die wichtige Positionen inne haben und über mehr Einfluss verfügen. Bosbach, Abgeordneter seit 1994, ist bald sechs Jahre Vorsitzender des Bundestagsinnenausschusses. Doch er kann zu allen Themen etwas sagen. Zum breiten Feld der Innenpolitik sowieso, aber auch zur Gesundheitspolitik oder zur Homo-Ehe oder zum Arbeitsmarkt oder zum Koalitionspartner und auch zum Nahen Osten. Merkel höchstpersönlich sprach mit ihm über ihren „Der-Islam-gehört-zu-Deutschland“-Satz. Meistens hat es Hand und Fuß, was Bosbach sagt. Immer ist es klar und verständlich. Stets ist er zum Telefonieren bereit. Außer im Flugzeug natürlich.

          Ehedem war Bosbach CDU-Linien- und Merkel-treu. Eigentlich sprach er immer gut über die Bundeskanzlerin. Sie nennen einander „Angela“ und „Wolfgang“. Er war so etwas wie ein Partei-, Fraktions- und Regierungssprecher. Er wurde populär und bekannt. Als Wahlkämpfer ist er gefragt. Bestimmt hat er sich gewünscht, ein Regierungsamt zu bekommen, Bundesinnenminister etwa oder wenigstens Parlamentarischer Staatssekretär, vielleicht auch Fraktionsvorsitzender. Doch im Regierungssystem Merkel wurde nichts daraus – nicht 2005, nicht 2009, nicht 2013. Es hing mit landsmannschaftlichen und politischen Proporzen zusammen. Wahrscheinlich auch, weil Merkel fand, Bosbach plaudere zu viel. Sie mag lieber die Verschwiegenen. Vielleicht lag es auch am rheinischen Singsang Bosbachs und seinen Karnevalsauftritten. Er hatte sich zu fügen. In der Machthierarchie kam er über den Posten eines stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden nicht hinaus.

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