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Anschlag in Hagen vereitelt? : Der Tipp kam von einem ausländischen Geheimdienst

  • -Aktualisiert am

Hagen: Ein Mann wird im Zusammenhang mit dem mutmaßlich geplanten Anschlag auf die Hagener Synagoge von Polizisten abgeführt. Bild: dpa

Ausgerechnet am höchsten jüdischen Feiertag erhält die Polizei „konkrete Hinweise“ auf Anschlagspläne. Mutmaßlich hatten Islamisten die Hagener Synagoge im Visier.

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          Wie konkret und unmittelbar die Gefahr eines islamistischen Attentats am Jom-Kippur-Tag auf die Synagoge in Hagen möglicherweise war, machte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag mehrfach deutlich. Am Morgen sprach er bei der seit Corona ersten zentralen Vereidigungsfeier für mehr als 2700 junge Polizisten in Köln von einer ernsten extremistischen Anschlagsbedrohung. „Ihre Kolleginnen und Kollegen haben das vermutlich verhindert“, rief Reul den jungen Beamten zu.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Am frühen Nachmittag – zwischenzeitlich sind neben dem 16 Jahre alten tatverdächtigen Syrer drei weitere Personen in Hagen festgenommen worden – berichtete Reul, die Sicherheitsbehörden hätten „einen konkreten und sehr ernst zu nehmenden Hinweis“ bekommen. Das Wort „konkret“ heiße, dass den Sicherheitsbehörden sowohl der offenbar geplante Tatzeitpunkt als auch die mutmaßlichen Täter und eben auch die Synagoge in Hagen als Anschlagsziel „klar bekannt“ seien.

          Woher die Hinweise kamen, offenbarte Reul nicht. Aus Sicherheitskreisen erfuhr die F.A.Z., die Informationen seien von einem ausländischen Geheimdienst übermittelt worden. Demnach hatte der nicht näher benannte Dienst mitbekommen, dass der 16 Jahre alte Jugendliche, der mit seinem Vater in einer Wohnung im Hagener Zentrum lebt, sich unter anderem per Messengerdienst Telegram mit einem Gesprächspartner auf Arabisch über einen Sprengstoffanschlag auf ein jüdisches Gotteshaus austauschte.

          Kurz nach den Hinweisen seien in und um die Hagener Synagoge „sofort gefahrenabwehrende Maßnahmen“ in die Wege geleitet worden, wie Reul formulierte. Konkret heißt das, dass ein Polizei-Großaufgebot zur Hagener Synagoge eilte. Eine Jom-Kippur-Veranstaltung wurde umgehend abgesagt und das jüdische Gotteshaus großräumig gesichert und nach Sprengstoff durchsucht. Gefährliche Gegenstände wurden aber bisher nicht gefunden.

          Auf dem Weg zur Schule festgenommen

          Der 16 Jahre alte Hagener mit syrischer Staatsbürgerschaft wurde am Morgen identifiziert und auf dem Weg zur Schule festgenommen. Bei einer Wohnungsdurchsuchung wurden dann auch sein Vater und zwei weitere Verwandte vorläufig festgenommen. Bis zum Abend wurde das Bild dann etwas deutlicher. Den Austausch über Telegram zum Thema Bombenbau habe der junge Mann zugegeben, Anschlagsabsichten auf die Synagoge aber bestritten, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft in Düsseldorf. Gegen den Vater und die zwei Brüder des Jugendlichen bestehe aber derzeit kein Tatverdacht. Am Abend seien die drei Männer wieder freigelassen worden.

          Aus Sicherheitskreisen hieß es, trotz der detaillierten Hinweise könne zum aktuellen Zeitpunkt auch nicht völlig ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem Jugendlichen nur um einen Maulhelden handle. Gleichwohl hätten alle in Bund und Land mit dem Fall befassten Behörden Anlass gesehen, die Sache sehr ernst zu nehmen.

          In Berlin sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD), der Vorfall wecke entsetzliche Erinnerungen an den Anschlag auf die Synagoge in Halle vor zwei Jahren. An Jom Kippur 2019 hatte ein bewaffneter Rechtsterrorist in Halle in Sachsen-Anhalt versucht, gewaltsam in die dortige Synagoge einzudringen, um möglichst viele Gläubige zu ermorden. Weil die Tür des jüdischen Gotteshauses standhielt, erschoss der Rechtsextremist in der Nähe eine Frau und einen Mann und verletzte auf der Flucht zwei weitere Menschen. „Es ist unerträglich, dass Jüdinnen und Juden erneut einer so schrecklichen Bedrohungslage ausgesetzt sind und den Beginn ihres höchsten Festes Jom Kippur nicht friedlich gemeinsam feiern konnten“, sagte die Bundesjustizministerin. Der Kampf gegen Antisemitismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen habe allerhöchste Bedeutung. Es sei die Pflicht des Staates, alles zum Schutz von Jüdinnen und Juden zu tun.

          Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet bekräftigte das wenig später am Rande einer Wahlkampfveranstaltung in Norddeutschland. „Wir werden alles tun, um aufzuklären, welche Netzwerke möglicherweise hinter diesem Anschlag standen“, versicherte der Unionskanzlerkandidat und nutzte sein Statement für eine sicherheits- und integrationspolitische Botschaft: „Wer sich hier integriert, soll sich integrieren, soll Deutsch lernen und soll auch einen Job ausüben und der darf auch bleiben. Aber der, der terroristische Taten plant, muss des Landes verbracht werden. Das muss klipp und klar sein, und dafür steht die Union.“ Erhöhte Wachsamkeit sei gegenüber allen Extremisten erforderlich. „In Halle waren es die Rechtsradikalen, die einen Anschlag verübt haben. Anderswo sind es Islamisten. Am dritten Ort haben wir Linksextremisten“, sagte der CDU-Bundesvorsitzende. „Alle Extreme müssen wir ohne Scheu, ohne blind auf einem Auge zu sein, bekämpfen.“

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