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Ahmadiyya in Deutschland : Liberal, offen – wertkonservativ

  • -Aktualisiert am

Volles Haus: Muslime folgen der Predigt in der Karlsruher Messehalle. Bild: dpa

Zur sogenannten „Friedenskonferenz“ treffen sich jährlich 40.000 Muslime der Ahmadiyya. In Karlsruhe richtet sich der Kalif an seine Gemeinde aus aller Welt. Wofür stehen die Ahmadiyya-Muslime in Deutschland?

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          Der Bus zum Karlsruher Messegelände ist zum Bersten gefüllt mit Menschen, verschiedene Sprachen werden durcheinander gesprochen. Vorne sitzen die Frauen, die Haare locker bedeckt, hinten die Männer. Auch sie tragen eine Kopfbedeckung. Ein Mann unterhält sich angeregt mit dem Fahrer über das Busfahren, holt sein Smartphone aus der Tasche, scrollt durch die Bilder auf dem Display. Stolz zeigt er Artikel, die über ihn als „der netteste Busfahrer von Bonn“ geschrieben wurden. Er, ein Busfahrer aus Pakistan, sei wegen seiner Hilfsbereitschaft besonders beliebt, er habe sogar einen Preis für Integration gewonnen.

          Integration ist das Stichwort der Ahmadiyya-Muslime, die sich zu Zehntausenden für ihr jährliches spirituelles Treffen, der Jalsa Salana, in Karlsruhe versammeln. Etwa 40.000 Teilnehmer aus aller Welt werden erwartet, knapp so viele, wie die deutsche Gemeinde Mitglieder hat. Die weltweite Gemeinschaft der Ahmadiyya gilt als liberal, wenngleich wertekonservativ. Die Mitglieder legen den Islam streng nach den Vorschriften des Koran aus, bezeichnen sich selbst aber als reformistisch und offen.

          Gewalt wird strikt abgelehnt, mit Slogans wie „Liebe für alle, Hass für keinen“ oder „Wir alle sind Deutschland“  setzen sie sich für einen friedlichen Islam und Integration in Deutschland ein. Kalif Hadhrat Mirza Masroor Ahmad, der Nachfolger des Gründers der Ahmadiyya, ist zwar spirituelles Oberhaupt, der deutsche Rechtsstaat als Gesetzgeber wird aber uneingeschränkt anerkannt. Darin unterscheiden sich die Ahmadiyya von anderen konservativen Gemeinschaften.

          Die Ahmadiyya betont die Trennung von Religion und Staat

          An den Wänden der großen Versammlungshalle der Männer hängen bunte Plakate mit den 99 Namen Allahs, hinter die Bühne wird neben einen Koranvers die Deutschlandflagge projiziert. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, sagt Abdullah Uwe Wagishauser, Vorsitzender der Ahmadiyya-Gemeinde in Deutschland und betont, wie wichtig die Trennung von Staat und Religion sei. Werte wie Religionsfreiheit ermöglichten überhaupt erst einen offenen Dialog. Im Westen könne immerhin über den Islam diskutiert werden. Viele Ahmadis stammen aus Pakistan, wo die Ahmadiyya ihren Anfang nahm, und wurden in ihrem Land verfolgt. Von vielen Muslimen werden sie nicht als Muslime akzeptiert. Das hängt vor allem mit dem Anspruch ihres Gründers zusammen.

          Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Ahmadiyya von Mirza Ghulam Ahmad ins Leben gerufen, der sich als Reformer und Erneuerer des Islam verstand. Er sei der Mahdi, ein Nachfolger des Propheten, den dieser angekündigt habe, behauptete er. Später sagte Ahmadin, er sei die Erscheinung des Propheten Mohammads selbst. Viele Muslime sehen jedoch Mohammad als den letzten Propheten, nach dem es keine neuen Offenbarungen mehr geben kann. Die Offenbarungen des „Erneuerers“ sind für sie deshalb Gotteslästerung.

          Der Vorsitzende Wagishauser betont vor allem die Offenheit der Bewegung. „Es gibt keine Tabus, nichts, was nicht diskutiert werden soll. „Wir haben keine Angst davor, uns mit diesen Dingen auseinanderzusetzen“, sagt er. Diese Dinge? Es ist nicht gerade wenig, womit sich auseinandergesetzt werden müsste. Die Ahmadiyya stehen als liberal-konservative Gruppierung, die den Islam als Religion des Friedens leben möchte, in der Verantwortung, sich auch mit islamistischem Extremismus auseinanderzusetzen. Ein lakonisches „das sind keine echten Muslime“ reicht da nicht. Immerhin wird dieser Status von vielen auch der Ahmadiyya abgesprochen. Besonders in Bezug auf Frauenrechte stehen die Ahmadis häufig in der Kritik. Das Thema steht auch auf der Versammlung im Fokus.

          Strikte Geschlechtertrennung

          Ein Meer aus Mützen, Kappen, traditionellen Kopfbedeckungen aus Schafsfell oder Filz, immer wieder unterbrochen von Baseballkappen: Gebannt lauschen die Männer dem Kalifen, der über Frauenrechte – und Pflichten – im Islam spricht. Auch für sie ist die Kopfbedeckung ein Muss, dies ist kein alleiniger Anspruch an Frauen. Die Rede an die Frauen wird den Männern auf einem Bildschirm übertragen. Es herrscht strikte Geschlechtertrennung, die einzigen Frauen, die zu sehen sind, sind Besucherinnen. Männer geben Frauen auch nicht die Hand.

          Kalif Hadhrat Mirza Masroor Ahmad
          Kalif Hadhrat Mirza Masroor Ahmad : Bild: dpa

          In der Öffentlichkeit tragen die Frauen Kopftuch, in seiner Rede erinnert der Kalif die Frauen nachdrücklich daran, eine Burka zu tragen. Khola Maryam Hübsch, Mitglied bei der Ahmadiyya und Journalistin, erklärt später, damit habe der Kalif einen weiten Mantel gemeint, keine Vollverschleierung. Abdullah Wagishauser sieht das ganz eindeutig: „Die Entwicklung geht bestimmt nicht dahin, dass unsere Frauen irgendwann mal Miniröcke tragen.“

          Der Bereich für Frauen ist abgetrennt, Männer haben keinen Zugang. Nur dort legen viele Frauen das Kopftuch ab. Von einer Entsagung an die Mode, wie vom Kalifen angepriesen, ist allerdings nichts zu sehen, im Gegenteil. Plötzlich ist alles bunt, das Licht bricht sich in Pailletten und Strasssteinen auf Kleidersäumen und Schals.

          Immer wieder betonen die Ahmadis, wie wichtig ihnen Bildung sei. Besonders auch für Frauen. Die Ehrung der besten Absolventinnen durch den Kalifen soll Familien anspornen, ihre Kinder zu unterstützen und zu motivieren. Der Mann habe die Verantwortung für die Familie und die Pflicht, sie zu versorgen, sagt der Kalif. Frauen sollen eine gute Ausbildung genießen, Medizin biete sich zum Beispiel an. Immerhin läge es in „der Natur der Frau“, sich zu kümmern.

          Arbeiten könne die Frau, wenn sie wolle – aber nur, bis sie Kinder hat. Die oberste Priorität einer Frau sollten ihre Kinder sein. Allerdings immer, wenn der Kalif betont, dass eine Frau auch arbeiten könne, führt er kurz darauf Studien an, ohne näher auf diese einzugehen. Diese sollen beispielsweise belegen, dass Kinder von arbeitenden Müttern mehr psychische Probleme haben. Kinder, deren Mütter sich nur ihnen widmeten, seien dagegen gesünder.

          Aus dieser Stellung der Frau leite sich jedoch auch ab, dass die Mutter noch vor dem Vater den meisten Respekt genießen müsse. Wenn der Mann aus dem Haus sei, trage die Frau auch die volle Verantwortung. Wie also könne man da noch argumentieren, dass der Islam Frauen nicht achte? Frauen, die keine Mütter sind, finden in dieser Argumentation allerdings keinen Platz.

          Wertschätzung der Frau

          Khola Maryam Hübsch übersetzt diesen Anspruch in den deutschen Kontext so: „Oft geht es um die Frage, wie man Familien wirtschaftskompatibel machen kann. Dabei sollte es mehr um die Frage gehen, wie man die Wirtschaft familienkompatibel machen kann.“

          Häufig würden Entscheidungen nur vor dem Hintergrund der Karriere getroffen, besonders dann, wenn es um Kinder geht. Sie sieht in der Pflicht des Mannes, die Familie zu versorgen, eine Wahlfreiheit der Frau, bei ihren Kindern bleiben zu können. „Mittlerweile ist es teils unmöglich geworden, ohne zwei Einkommen eine Familie zu ernähren. Es ist dann ein Privileg, daheim bleiben zu können“. Hübsch kämpfe auch um die Aufwertung der Pflegearbeit, die ohnehin auch in der deutschen Gesellschaft mehrheitlich von Frauen erledigt wird. Diese Forderung hat sie gemein mit Feministinnen, die ebenfalls fordern, der von Frauen erbrachten und häufig als selbstverständlich betrachteten Arbeit mehr Respekt zu zollen. Hübsch sieht diese Aufwertung im Islam.

          Und was ist mit Frauen, die keine Mütter sind? Oder Männern, die gern Elternzeit nehmen würden? „Wenn keine Kinder da sind, ist das überhaupt kein Thema, dann sind beide berufstätig“, sagt Hübsch. Und es gebe auch Männer, die Elternzeit nähmen. Aber die Mutter-Kind-Beziehung sei eben doch etwas ganz Besonderes.

          Wie hängen Islam und Extremismus zusammen?

          Geprägt ist die Veranstaltung aber noch von einer anderen Debatte, um die man nicht herumkommt, auch wenn man einen friedlichen Islam vertritt. Gerade dann wird die Frage besonders wichtig: Wie hängen Islam und Extremismus zusammen?

          Es ist nicht einfach damit getan zu sagen, Islam und Extremismus, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. „Extremisten beziehen sich ja gezielt auf bestimmte Verse aus dem Koran und stellen eine bestimmte Auslegung vor“, sagt Hübsch und betont: „Man muss sich genau diese Verse anschauen und eine alternative Auslegung vorstellen“. Der Vorsitzende der Ahmadiyya-Gemeinde Wagishauser sieht das ähnlich: „Wir müssen auch mit Radikalen in eine öffentliche Diskussion eintreten.“

          Audienz beim Kalifen. Wie sieht er das mit dem Extremismus? Es sei ein Grund zur Trauer, dass sogenannte Muslime durch die Verbreitung von Hass Angst innerhalb Nicht-muslimischer Gemeinschaften schürten. Er spricht von „Gehirnwäsche“ und „Vergiftung der Gedanken“: „Sogenannte Muslime folgen nicht dem Koran, sie sind keine wahren Muslime“. Er dagegen wolle die wahre Botschaft des Islam verbreiten, nämlich Frieden. Die Botschaft der Ahmadiyya?

          Ein großes Problem ist, dass es kaum eine einheitliche Auslegung des Koran gibt, die einen gemeinsamen Standpunkt verschiedener Richtungen gegen Extremismus erlaubt. Wie kann ein friedlicher Islam der unterschiedlichen Richtungen gemeinsam funktionieren?

          „Wir leben vor, wie friedlicher Islam funktioniert. Und wir gewinnen immer mehr Mitglieder“, sagt der Kalif. Man ahnt es schon: Am Ende ist eben doch die Auslegung seiner Glaubensgemeinschaft die einzig Wahre.

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