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Kommentar : Was tun mit dem Wolf?

Ein Wolf steht in der Wolfsanlage im Wildgehege in Moritzburg Bild: dpa

Ist der Mensch böse, weil er Wölfe erschießt oder sind es die Wölfe, die Herdentiere reißen? Der Streit um die Ausbreitung des Wolfs ist moralisches Grenzgebiet. Die Politik stellt das neue Naturphänomen vor allem vor praktische Fragen.

          In Hanau macht bald ein Grimms-Märchen-Museum für Kinder auf. Darin ist ein Raum mit Zerrspiegeln, in dem sich die Kinder verkleiden können. Natürlich gibt es auch einen Rotkäppchen-Mantel und eine Wolfsweste mit Ohrenkapuze und Schwanz. Die Museumsleute schlagen vor, ruhig mal beides zu kombinieren: Mantel an, Weste drüber, fertig ist das Wolfskäppchen, äh, der Rotwolf.

          Im Märchen sind Gut und Böse klar getrennt. Aber zur Wirklichkeit im deutschen Wald passt die wahrscheinlich extrem kreativitätsfördernde Museumspädagogik perfekt. Seit einigen Jahren leben bei uns wieder Wölfe, und die Meinungen gehen auseinander, wer Opfer ist und wer Täter: der Mensch oder der Wolf? Wölfe reißen keine Menschen, aber Schafe und Ziegen, die Menschen gehören; manchmal auch Kälber, Ponys und sogar Alpakas, die ja ebenfalls seit kurzem zur deutschen Landschaft gehören. Deshalb werden Wölfe erschossen, obwohl sie unter Naturschutz stehen.

          Schäfer und Schafzüchter klagen seit Jahren über die Wolfsrisse. In Deutschland gibt es nur noch ungefähr tausend Schafherden, die Zahl der Wölfe wird ebenfalls auf rund tausend geschätzt. Beides ist nicht viel; auch wer oft durchs Mittelgebirge trabt, wird wahrscheinlich kaum je einen Wolf erspähen. In Hessen wurde im vorigen Jahr kein einziges Nutztier von einem Wolf getötet; in Niedersachsen dagegen waren es zuletzt ein paar hundert Tiere im Jahr.

          Jäger gegen Wolfsfreunde

          Das ist schlimm für die Tierhalter, muss entschädigt und verhindert werden: So nüchtern lässt sich die politische Sachaufgabe beschreiben. Eigentlich. Aber beim Wolf geht es um mehr, eben um Blut, Gefühle, Geld und Leben. So stehen auf der einen Seite nicht nur betroffene Bauern, sondern auch wütende Wolfsgegner, die finden, dass der Wolf nicht mehr zu Deutschland gehört. Auf der anderen Seite jubeln Tierschützer, dass er sich hier wieder heimisch fühlt, und verfluchen jeden, der ihm ein Haar krümmen will.

          Wenn ein Wolf wiederholt Nutztiere in großer Zahl tötet, darf er geschossen werden. Wer Wölfe böse findet, nennt dieses Reißen ganzer Herden „Blutrausch“. In Behörden wiederum heißt es „Entnahme“, wenn ein einzelner Wolf erschossen wird. Für Jäger gar nicht so einfach, wenn Wolfsfreunde versuchen, die Jagd zu stören. Politiker sehen sich sogar in der Pflicht, die Anonymität der Jäger zu schützen. Immer wieder muss eine Abschussfrist verlängert werden, was wiederum die Tierhalter aufbringt.

          Die Politik steht also auch hier vor der Herausforderung, mit einem neuen Naturphänomen vernünftig und weitsichtig umzugehen. Das ist auch deshalb kompliziert, weil es um etliche praktische Fragen geht, die manchmal zu Unrecht die Niederungen der Politik genannt werden. So sind die Zäune, die Wölfe von Herden fernhalten sollen, kein Patentrezept – in den bayerischen Bergen sind sie unbrauchbar. Behörden zahlen den Viehhaltern nur die Zäune selbst, nicht den Lohn derer, die sie aufstellen – ist das gerecht? Für tote Tiere gibt es Entschädigung – aber in manchen Bauernfamilien gehört ein Tier zur Familie.

          Dazu wissenschaftliche Fragen: Wie schnell werden sich die Wölfe vermehren, wie kann der Mensch das regulieren? Und juristische, wenn etwa Tierschützer gegen eine geplante „Entnahme“ klagen. Parteien, Ressorts, Landes- und Bundesebene sind sich beim Wolf nicht immer einig. Manches geht langsam, und selten ist eine Lösung ideal. Ganz normale Politik halt. Beim Wolf sieht es so aus, als ob sie funktioniert.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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