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Wissensmanagement : Wer hat die Wissensbilanz erfunden?

  • -Aktualisiert am

Aus: Günter R. Koch & Richard Pircher, Die erste gesamtuniversitäre Wissensbilanz Bild:

Plagiate sind besonders pikant, wenn sie von Ministerien verantwortet werden. Original und Weiterentwicklung sind kaum noch zu unterscheiden, die Quelle bleibt ungenannt.

          5 Min.

          Wissensbilanzen sind ein Instrument des Wissensmanagements: Es geht darum, das in Organisationen und also in Unternehmen vorhandene individuelle und kollektive (organisationale) Humankapital zu erfassen und als Ressource nutzbar zu machen. Deutsche haben die Nase gefühlt vorn und feiern dies nächste Woche mit dem Kongress „Standortvorteil Wissen“ in Berlin (am 19. und 20. Mai).

          2004 hat das Wirtschaftsministerium erkannt, dass Wissensgesellschaften im Wissenswettbewerb stehen und dabei eigenes und fremdes Wissen in höchst komplexer Weise erfassen, steuern und nutzen müssen. Den steuernd-strategischen Wissenszugriff zugunsten des eigenen Wissensstandortes hat das Ministerium in größtmöglicher wissender Weitsicht gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) entwickelt. Im Zentrum steht die Wissensbilanz, die 2004 und 2005 in einer vom Ministerium herausgegebenen und von IPK-Wissenschaftlern verfassten Broschüre „Wissensbilanz - Made in Germany“ vorgestellt wird. 2008 erscheint die „Wissensbilanz 2.0“, wieder mit dem Herstellungszusatz (online abrufbar). Das Projekt ist auf Wissenstransfer ausgelegt und wird vermarktet: Wissensmoderatoren stehen zum kostenpflichtigen Einsatz auch in Ihrem Unternehmen bereit.

          Die Wissensbilanz hat einen hübschen Nebeneffekt: Sie kann helfen, Plagiate abzuwehren, weil das Wissen um das eigene Wissen steigt und Schutzvorkehrungen gegen Wissensdiebe installiert werden können. So weit, so schön. Beim Feiern eigener Wissensbewirtschaftungserfolge bleibt die Skepsis ausgeschlossen. Skepsis in der Sache heißt: Wie kann ich wissen, was ich weiß? Was ist überhaupt „Wissen“? Ist das organisationale Wissen nicht ein zu komplexes Phänomen, als dass jede konkrete Aussage eine (unzulässige) Wissensanmaßung bedeutet - wie das von Hayek mit Blick auf Marktverhältnisse herausgearbeitet hat? Ist nicht für ein solches Wissensbilanzsystem der mathematisch-formale Unvollständigkeitssatz von Gödel aufzugreifen: Wenn kein Aussagensystem eine valide Aussage über sich selbst treffen kann, dann ist die Aussage über das vorhandene organisationale Wissen in der Organisation von dieser selbst gerade nicht zu leisten. Man kann nicht selbst wissen, was man weiß. Damit erzeugen der „ganzheitliche“ Anspruch und die fehlende Messbarkeit eine wabernde Wissensunschärfe!

          Aus dem Wissensbilanzleitfaden Rheinland-Pfalz aus dem Jahr 2007

          Der Werbespruch „Made in Germany“ ist eine Täuschung

          Der vom Wissenschaftsministerium tönende Werbespruch „Made in Germany“ ist nicht bloß anmaßend, sondern eine Täuschung. Wer bei Wikipedia unter Wissensbilanz zu suchen anfängt, dem wird offenbar, dass es sich mitnichten um eine deutsche Erfindung oder gar ein deutsches Konzept handelt. Die Ricola-Frage „Wer hat's erfunden?“ darf diesmal aus Österreich gestellt werden: Neu ist der Ansatz von Wirtschaftsministerium und Fraunhofer-Institut nämlich nicht. Die Idee, solches „Intellectual Capital“ als Wert zu erfassen und in den Finanzbericht einzustellen (IC Reporting), stammt aus Skandinavien (Sveiby, Edvinsson, Mouritsen). Der wesentliche Schritt zu einer komplexen „mehrdimensionalen“ und steuerungstauglichen Methode wurde im Austrian Research Center (ARC, heute: AIT Austrian Institute of Technology) getan und schon 2000 publiziert (Koch, Leitner und Bornemann in einem Papier für die OECD-Konferenz). Die „Wissensstrategie“ fordert strategische Wissensziele; das Wissenspotential wird verstanden als „Humankapital“, „Beziehungskapital“ und „Strukturkapital“. Entscheidend aber ist die Prozesssteuerung, also die dynamische Betrachtung, die es den Organisationen erlaubt, ihr Wissenskapital gezielt zu erhalten und zu vermehren. Schon 2002 wurde daraus eine gesetzliche Verpflichtung für österreichische Universitäten zur Wissensbilanzierung.

          Das „deutsche“ Modell ist, um es vorsichtig zu sagen, dem österreichischen doch sehr ähnlich. Das betrifft sowohl die Einteilung des Wissenskapitals als auch den Steuerungsansatz. Die Entwicklungsgeschichte des Konzepts vom Wissenskapital zeigt der Ricardis-Bericht (Ricardis steht für Reporting Intellectual Capital to Augment Research, Development and Innovation in SMEs) der Europäischen Union auf; aufschlussreich sind Seite 61 und folgende und das Literaturverzeichnis.

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