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Wissenschaftler zu Corona : Die Schulen nicht leichtfertig schließen

Gymnasium in Rostock Bild: dpa

Virologen plädieren dafür, dass Schüler auch im Unterricht Masken tragen. Und sie fordern, dass die Schulen schon heute Vorkehrungen treffen für die kalte Jahreszeit.

          3 Min.

          Nach der Schließung zweier Schulen in Mecklenburg-Vorpommern am Freitag aufgrund einer infizierten Lehrerin, die jedoch noch nicht unterrichtet hatte, und eines infizierten Schülers ist der Mut zu Schulöffnungen nicht gerade gewachsen. Sind Masken im Unterricht doch zwingend erforderlich, und wie wird die Lüftung der Klassenzimmer gesichert? Diese Fragen beschäftigen und beunruhigen Eltern und Lehrer mehr denn je.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Kurz vor Schulbeginn im bevölkerungsreichsten Land Nordrhein-Westfalen mit 2,5 Millionen Schülern haben die Fachgesellschaften für Kinder und Jugendmedizin, für Krankenhaushygiene, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie et cetera zur Rückkehr zum Präsenzunterricht in den Schulen ermutigt. Sie verweisen darauf, dass die Wiedereröffnung von Kindergärten und Schulen in keinem der Länder, in denen ein allgemeiner Rückgang der Infektionen in der Allgemeinbevölkerung zu verzeichnen war und in denen grundlegende Präventionsmaßnahmen von der Bevölkerung befolgt wurden, zu einem Anstieg der Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen geführt hat.

          Nur in Ländern mit hohen Infektionszahlen in der Allgemeinbevölkerung wie Israel, Schweden, Australien und den Vereinigten Staaten kam es auch zu größeren Ausbrüchen an Schulen. Vor leichtfertigen Schließungen ganzer Bildungseinrichtungen warnen die Mediziner und fordern einen „strukturierten und transparenten politischen Entscheidungsprozess, in dessen Mittelpunkt die Wahrung der Bildungs- und sozialen wie psychischen Interessen der Kinder und Schüler in Abwägung zu den konkreten Infektions- und Erkrankungsrisiken steht“. Eine „Empfehlung für Lehr- oder Betreuungspersonal zum Tragen einer Alltagsmaske in frühzeitiger Reaktion auf ein konkretes Ausbruchsgeschehen sollte als wichtigster Schritt immer vor einer in Erwägung gezogenen kompletten Kita- und Schulschließung stehen.

          Die Ad-hoc-Kommission Sars-CoV-2 der Gesellschaft für Virologie sieht das strikter. Sie spricht sich „für das konsequente Tragen von Alltagsmasken in allen Schuljahrgängen auch während des Unterrichts aus“. In ihrer am Freitag veröffentlichten Stellungnahme empfiehlt die Kommission darüber hinaus eine altersgerechte Einführung in die Notwendigkeit von Präventionsschritten. Die Virologen fordern die Schulträger auf, technische Vorkehrungen für eine bessere Lüftung der Klassenräume und Schulgebäude vor allem im Herbst und Winter zu treffen, und empfehlen, feste Kleingruppen und Lehrpersonal zu definieren. „Positiv getestete Schüler und Lehrer sind Indikatorfälle für Übertragungscluster“, für die eine sofortige Kurzzeitquarantäne in Betracht gezogen werden müsse.

          Wenn Cluster gleich zu Anfang isoliert werden, lässt sich ein Ausbruch wirksam eindämmen, das hat sich in Japan gezeigt. Zugleich warnen die Virologen vor der „Vorstellung, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen“. Sie stehe nicht im Einklang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Mehrheit der frühen Studien seien unter den kontaktreduzierenden Bedingungen der Schulschließungen oder kurz nach der Schließung mit wenigen Infektionsfällen erhoben worden, hätten daher einen begrenzten Aussagewert.

          Die Wissenschaftler verweisen auf viele unerforschte Fragen: So ist unklar, wie häufig Kinder bei einer von Kindern ausgehenden Übertragung infiziert werden. Dazu gibt es widersprüchliche Studien aus Italien und China. Eine Modellierungsstudie aus Israel, wo es zu Infektionsausbrüchen an Schulen kam, „schätzt anhand statistischer Rekonstruktionen von wahrscheinlichen Übertragungsverläufen, dass Kinder etwa halb so empfänglich für die Infektion wie Erwachsene sind“. Studien zur tatsächlichen Schulsituation gibt es bisher nur wenige.

          Hohe Übertragung, wenig Symptome?

          Eine Untersuchung aus Südkorea für weiterführende Schulen (10 bis 19 Jahre) hat eine vergleichbare Übertragungshäufigkeit wie bei Erwachsenen nachgewiesen, allerdings nur geringe oder keine Symptome. Eine Studie aus Australien habe 12 Kinder und 15 Erwachsene untersucht, die während der infektiösen Phase (gezählt vom zweiten Tag vor Symptombeginn) am Schul- und Kitabetrieb teilgenommen hatten. Bei 633 im Labor getesteten Kontaktpersonen hätten sich 18 Folgeübetragungen gefunden.

          „Beispiele von tatsächlichen Sars-CoV-2-Clustern an Schulen in Israel und Australien untermauern das gegebene Risiko von Ausbruchsgeschehen im Bildungsbereich, insbesondere bei einem verstärkten Gesamt-Infektionsgeschehen in der Bevölkerung“, stellen die Virologen fest. Sollte es gegen Jahresende zu einem kritischen Anstieg der Neuinfektionen mit regelmäßiger Beteiligung von Bildungseinrichtungen kommen, „sollte eine Ausdehnung der Weihnachtsferien diskutiert werden, um die Zeiten mit höchster Infektionsaktivität zu verringern“. Sie fürchten durch feiertagsbedingte Reisen und Familienfeiern weitere Infektionen gegen Jahresende.

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