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F.A.S. exklusiv : Wissenschaftler kritisieren Lockdown

Von wegen Weihnachtseinkäufe: Die Tauentzienstraße in Berlin im Dezember Bild: EPA

Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen Lockdown, viele Ministerpräsidenten stimmen ihr zu. Doch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und mehrere Wissenschaftler fordern einen Strategiewechsel.

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          Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und mehrere Wissenschaftler kritisieren die Corona-Politik der Bundesregierung und fordern einen Kurswechsel. Lindner sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.), er gehe davon aus, dass es nun zu einem Lockdown komme, der „nicht mehr als eine Notbremse ist“. Es fehle „eine Krisenstrategie, die länger als ein paar Tage hält. Der soziale und wirtschaftliche Schaden eines längeren Stillstands ist so hoch, dass er nicht dauerhaft durchgehalten werden kann.“

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Die Bundesregierung müsse die Zeit nun anders als im Sommer dazu nutzen, „um an einer Langfriststrategie zu arbeiten. Vor allem darf es nach dem Lösen der Notbremse nicht kurz danach wieder zum Stillstand kommen. Stop and go wäre verheerend.“

          Lindner forderte, dass der Schutz von Risikogruppen nun eine „nationale Kraftanstrengung“ werden solle. Individuelle Kontaktbeschränkungen und ein konsequentes Handeln in Regionen mit steigenden Fallzahlen sollten „baldmöglichst den Lockdown ersetzen“. Die FDP stehe bereit, um an der Erarbeitung einer solchen Strategie mitzuwirken.

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          Auch der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr, ehemaliger Leiter des globalen Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation, kritisierte den Regierungskurs. „Was ich für kritikwürdig halte, ist, dass es keine langfristige Strategie gibt“, sagte er der F.A.S. „Man fährt auf Sicht. Die Bekämpfungskriterien sind nicht eindeutig festgelegt worden. Wie viele Fälle sind denn akzeptabel? Wie ist die Zielstellung zum Beispiel bei Intensivbetten, wie stark sollen die belegt sein?“

          „Wo ist der Mittelweg?“

          Stöhr sagte weiter: „Wo ist der Mittelweg, der im Dreieck zwischen Wirtschaft, Gesundheit und Freiheit bleibt, und bei dem keiner dieser Bereiche vollständig auf der Strecke bleibt? Bei der Begrenzung der gesundheitlichen Auswirkungen spielt Deutschland ganz vorn mit. Gesundheitsökonomen fragen aber jetzt nach der Verhältnismäßigkeit.“ Allein der Nachtragshaushalt wegen Corona betrage circa 500 Milliarden Euro.

          Stöhr sagte, man solle nicht versuchen, die Reproduktionsrate des Virus durch harte Maßnahmen weit nach unten zu drücken. Stattdessen solle mit Hilfe von Einschränkungen erreicht werden, dass die Zahl der Neuinfektionen konstant bleibe. „So kommt man gut durch die Pandemie, ohne die Wirtschaft zu sehr zu gängeln und ohne ein exponentielles Wachstum der Infektionszahlen zu riskieren.“

          Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit von der Universität Hamburg forderte eine klare Zielsetzung. „Wichtig ist vor allem, wir brauchen eine nachhaltige Strategie. Eine Abfolge von Lockdowns ist keine langfristige Strategie“, sagte er. Schmidt-Chanasit schlägt vor, dass sich Mitarbeiter der Gesundheitsämter künftig stärker auf den Schutz von Älteren konzentrieren sollten, sie könnten „Testkonzepte erarbeiten und umsetzen“. Die Stadt Tübingen sei in dieser Hinsicht vorbildlich: Sie habe für „hervorragende Ausrüstung mit Schutzkleidung in den Altenheimen gesorgt“.

          Der Vorschlag, Kranke und Alte zu schützen, werde zwar immer wieder kritisiert, weil es allein in Deutschland dreißig Millionen von ihnen gebe, sagte Schmidt-Chanasit. Dieses Argument erschließe sich ihm aber „überhaupt nicht“. Es gebe natürlich „große Unterschiede“ zwischen den Gefährdeten. „Manche haben ein viel höheres Risiko als andere, vor allem über siebzig Jahre alte Menschen mit vielen Vorerkrankungen.“ Schmidt-Chanasit sagte, er sei nicht prinzipiell gegen einen Lockdown. Dieser müsse allerdings das letzte Mittel bleiben.

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