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Wirtschaftsspionage : Deutsche Technik, made in China

„Smart“-Kopie „Noble“ des chinesischen Autoherstellers ShuangHuan, hier im August 2007 in Qingdao. Daimler klagte gegen die Kopie „Noble“, unterlag aber 2009 vor Gericht Bild: dpa

Verfassungsschützer sind besorgt, weil es Russen und Chinesen immer besser gelingt, deutsche Unternehmen auszuspionieren. Vor allem Cloud-Anwendungen erleichtern dabei den Diebstahl.

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          Im Oktober 2008 wurde bekannt, dass Wirtschaftsspione aus der chinesischen Volksrepublik mühelos bis in die oberschwäbische Provinz vorgedrungen sind: Ein aus China stammender Mitarbeiter hatte bei dem auf die Produktion hydraulischer Pressen spezialisierten Maschinenbauer in Weingarten geheime Konstruktionszeichnungen kopiert. Die Staatsanwaltschaft Ravensburg leitete Ermittlungen ein und machte den Fall öffentlich. Gerade mittelständische Unternehmen reden aus nachvollziehbaren Gründen selten darüber, wenn sie Opfer staatlicher Ausspähungen, gesteuert aus Peking oder Moskau, geworden sind. Niemand redet gern über seine Schwächen.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Es gibt in Baden-Württemberg wegen der hohen Dichte innovativer, mittelständischer Unternehmen seit 1999 ein „Sicherheitsforum“ zum Schutz der Wirtschaft vor feindlichen Spionageangriffen. Die gutgemeinte Kooperation verschiedener Ministerien mit den Wirtschaftskammern hat zwar einige Unternehmen sensibilisiert für die wachsende kriminelle Energie, mit der chinesische und russische Wirtschaftsspione vorgehen, aber sie hat die Spionage nicht bremsen können.

          Je mehr Unternehmen ihre geheimen Konstruktionszeichnungen in der Computer-Cloud ablegen, desto zahlreicher sind die Möglichkeiten, an sensible Daten zu kommen. Die Chinesen interessieren sich für die Innovationen baden-württembergischer Automobilzulieferer, um die eigene Automobilwirtschaft technologisch voranzubringen; die russischen Spionagebemühungen stehen sogar in einem Bundesgesetz der Russischen Föderation und zielen stärker auf die Innovationen der ebenfalls im Südwesten ansässigen Rüstungsindustrie. Stark gefährdet sind natürlich ebenso Universitäten und Forschungseinrichtungen.

          Bis ein Unternehmen die Auskundschaftung durch einen Trojaner-Angriff bemerkt, dauert es heute im Durchschnitt immer noch 243 Tage. „Jedes zweite Unternehmen in Baden-Württemberg war schon einmal betroffen, nur etwa ein Drittel der Unternehmen schützt seine Kronjuwelen, also die Abteilung für Forschung und Entwicklung. Sie werden lange suchen und nicht fündig werden, wenn Sie Täter elektronischer Angriffe ausfindig machen wollen“, sagt Beate Bube, die baden-württembergische Verfassungsschutzpräsidentin, dieser Zeitung. Großunternehmen wie Daimler oder Bosch seien in der Regel gut informiert, schwieriger sei es aber, die vielen kleinen mittelständischen Unternehmen vor den Geheimdiensten aus Moskau und Peking zu schützen – Datensicherheit sei immer auch eine Kostenfrage.

          Geschätzte Schäden in Höhe von 50 Milliarden Euro

          Zur Schärfung des Bewusstseins organisierten die Landesverfassungsschützer mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in Stuttgart kürzlich eine Tagung. Nach Erkenntnissen der Fachleute des Verfassungsschutzes entsteht allein in Baden-Württemberg durch Wirtschaftsspionage ein Schaden in Höhe von sieben Milliarden Euro jährlich, national wird der Schaden nach konservativen Schätzungen auf 50 Milliarden Euro taxiert; nach Schätzungen mussten zwei Drittel der Unternehmen schon einmal „unfreundliche Informationsabflüsse“ in Kauf nehmen. Firmen, die ein Jointventure eingegangen sind, die häufig Delegationen aus China oder Russland empfangen, gelten als besonders gefährdet.

          Für Prävention wird immer noch zu wenig getan, was auch daran liegt, dass der Aufwand hoch ist, wenn sich eine Firma umfassend schützen will: Das Personalmanagement muss für die Einschleusung von Spionen sensibilisiert werden. Mitarbeiter müssen regelmäßig überprüft werden, gerade wenn Werkstudenten beschäftigt werden. Die Computertechnik muss ständig gegen neue Formen von Cyber-Angriffen abgeschirmt werden. Die Mitarbeiter sollten im Umgang mit ihren Computern – auch den privaten, die sie mit in die Firma bringen – immer wieder auf die Gefahren möglicher Cyberangriffe aufmerksam gemacht werden. Es muss ein ausgeklügeltes Passwort-Management geben. Auf Auslandsreisen sollten keine sensiblen Daten mitgenommen erden. Die „Kronjuwelen“ müssen zusätzlich abgeschirmt werden.

          Für einen Weltmarktführer mit 250 Mitarbeitern sind das große Herausforderungen. „Es gibt Täter“, sagt Walter Opfermann, Referatsleiter beim baden-württembergischen Verfassungsschutz, „die vorsätzlich handeln, und es gibt Mitarbeiter, die sich leichtfertig verhalten. Es reicht eben keinesfalls aus, dass man nur die IT-Technik absichert. Wenn man gleichzeitig den Faktor Mensch unterschätzt, hat man schon einen Fehler gemacht.“ Ein von den chinesischen Geheimdiensten vor einigen Jahren entwickelter Trojaner hat sich zu einem beliebten Angriffswerkzeug entwickelt, mit dem heute auch viele andere Geheimdienste arbeiten. „Beim elektronischen Angriff erhält der Mitarbeiter der Firma eine Mail oder die Aufforderung, sich im Web-Mail-Account anzumelden. Das ist hochprofessionell gemacht. Betreffzeile und Absender sind stimmig, es lässt sich nicht erkennen, dass es sich um etwas Gefährliches handelt, mit dem der Zugang in das firmeneigene Computersystem geschafft werden kann“, sagt Karl-Friedrich Fecht, Referatsleiter für materiellen Geheim- und Spionageschutz beim baden-württembergischen Verfassungsschutz.

          Gefährdete Firmen sind Tag und Nacht solchen Cyberangriffen ausgesetzt, sie registrieren oft viele Jahre später, welche Datenpakete kopiert worden sind. „Retrograd ist das immer schwer zu rekonstruieren“, sagt Opfermann. Manchmal weiß man es erst, wenn ein chinesischer Mitbewerber plötzlich innovativer wird und technische Fortschritte macht.

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