https://www.faz.net/-gpf-u9cd

Wirtschaft statt Politik : Die Iden des Merz

  • -Aktualisiert am

Talent ja, Könner nein: Friedrich Merz Bild: ddp

Als Anwalt der Unzufriedenen machte Friedrich Merz Karriere. Nun zieht er sich endgültig zurück und wird einer der bestbezahlten Anwälte Deutschlands. Doch als Politiker ist der talentierte Alles-oder-nichts-Mann letztlich gescheitert.

          Am Donnerstag telefonieren Friedrich Merz und Angela Merkel schließlich. Es ist ein freundliches Gespräch, weil sie sich eigentlich nichts mehr zu sagen haben: transatlantische Partnerschaft, Sicherheitskonferenz - was halt anliegt an Aktuellem. Am Ende will die Kanzlerin wissen, was dran sei an diesen Gerüchten über eine Parteigründung. Gar nichts, antwortet Merz, „grober Unfug“ das Ganze, sie brauche sich darum keine Sorge machen. Alles klar: Er geht, sie bleibt.

          Viele Rückzüge hat Merz angekündigt in den letzten fünf Jahren, oft im Affekt, frisch verletzt; nicht jeden trat er wirklich an. Diesmal fiel die Entscheidung in aller Ruhe vor dem Weihnachtsbaum daheim in Arnsberg. „So geht das nicht mehr weiter“, war er sich mit seiner Familie einig. Zur nächsten Bundestagswahl kandidiert Merz nicht wieder, wechselt ganz in die Wirtschaft als einer der bestbezahlten Anwälte Deutschlands.

          Mit 51 Jahren längst ein Verblichener der Politik

          Er wartete mit der Mitteilung sechs Wochen bis zur ersten Sitzung seines Kreisverbands in diesem Jahr. Am Montag war das, auch die CDU-Vorsitzende Merkel informierte er knapp. Das politische Ende des Friedrich Merz wurde in der „Tagesschau“ vermeldet wie der Tod eines Ufa-Stars, von dem man lange nichts mehr gehört hatte. Eine Sensation war es nicht mehr.

          Merz war längst ein Verblichener der Politik, obwohl er erst 51 Jahre alt ist. Zwar lässt er kaum eine Sitzung aus und hegt seinen Hochsauerland-Wahlkreis mit Fleiß und Fürsorge eines Kleingärtners. Aber bundespolitisch hatte er schon 2004 aufgehört zu agieren, als er alle Ämter in Partei und Fraktion niederlegte. „Ich hatte nie vor, mein ganzes Berufsleben in der Politik zu bleiben“, sagt Merz heute. „Die letzte Runde dann zum Reisen im Auswärtigen Ausschuss - das war nicht mein Plan. Nun soll es das nach vier Wahlperioden gewesen sein, und das Leben geht woanders weiter.“

          „Großartiger Redner, blitzgescheit und messerscharf“

          Merz war Mister Marktwirtschaft, der wahre Held einer Generation Unzufriedener, der alles im Lande zu lahm und ängstlich voranging. Kaum eine Karriere in der deutschen Politik war steiler als die des unerschrockenen Aufsteigers. „Mir war Friedrich Merz als ein seltenes Talent aufgefallen in der Fraktion; ein großartiger Redner, blitzgescheit und messerscharf“, erinnert sich Wolfgang Schäuble. „Ich habe ihn gefördert.“ Schäuble war Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag, als Merz 1994 Abgeordneter wurde. Er übergab Merz die Finanz- und Steuerpolitik, machte ihn zu seinem Stellvertreter an der Fraktionsspitze.

          Merz ist der beste Redner im Parlament, das sieht auch Angela Merkel so. Er schien alles zu haben, was nach ganz oben führt in der Politik: Intelligenz, Unermüdlichkeit, Redegabe, Mut - und auch gehörig Glück: Durch das Endbeben der Ära Kohl, das auch Schäuble begrub, wurde Merz Oppositionsführer, tagtäglicher Herausforderer von Bundeskanzler Gerhard Schröder und dessen rot-grüner Koalition. Einer eben, dem die Kanzlerschaft zugetraut wird.

          „War er dabei, gingen wir im Streit auseinander“

          Doch Merz ist gescheitert als Politiker. Das gibt er achselzuckend selbst zu. Seine Niederlage begann, lange bevor Parteichefin Merkel ihn 2002 kalt abservierte als Fraktionschef. Das Scheitern des Merz spiegelt Deutschlands Parteien- und Politiksystem, worin einer wie er nur Gast sein kann. „Talent“ nennen ihn die vielen Nachrufer - „Könner“ sagt niemand der politischen Zunft. Merz war ein aufrechter Aufmüpfer schon in der Schule, so gescheit und selbstsicher, dass ihm sogar sein Sitzenbleiben nicht den Stolz des Überfliegers stutzte. Der Vater, ein Richter, lehrte ihn Forschheit. Er sollte sagen, was er dachte. 1989 wurde Merz Abgeordneter des Europaparlaments, und weil er der Jüngste in Straßburg und Brüssel war, spielte er eine Sonderrolle. Er war immer besser als die anderen, das wusste er. Egal wie Noten und Umfragen auch sein mochten.

          „Friedrich ließ sich nichts bieten“, erinnert sich ein alter Fahrensmann aus Tagen der Jungen Union. Dort begann Anfang der achtziger Jahre der lange Streit mit Jürgen Rüttgers, dem damaligen Chef der JU Rheinland. Mit der JU Westfalen gab es regelmäßige Gesprächskreise, um das Verhältnis der rivalisierenden Verbände zu verbessern. „War Friedrich dabei, gingen wir in der Regel im großen Streit auseinander. Er war schonungslos rigoros“, sagt der Freund.

          Ein Übermaß an Demut hat er nicht

          Merz verachtete Typen wie Rüttgers als opportunistische Klüngler, und das tut er noch heute. Auf die nordrhein-westfälische CDU, die Ministerpräsident Rüttgers führt, glaubte Merz sich niemals verlassen zu können. Weil er nie vollen Rückhalt seines Landesverbands spürte, mühte er sich auch nie um eigene Truppen. Als frischer Fraktionschef in Berlin riet ihm jemand, er solle sich angewöhnen, jedem in der Fraktion zum Geburtstag zu gratulieren. Helmut Kohl tat das, Angela Merkel übernahm es. „Was kosten dich schon 224 kurze Alles-Gute-Anrufe im Jahr?“ Überwindung hätte es Merz gekostet, auch dort Zuneigung zu heucheln, wo er keine empfand. Merz kämpfte von Anbeginn allein, gestützt nur auf seinen Hochsauerlandkreis und das eigene Selbstbewusstsein. Er suchte nie und hatte nie einen Führungsposten in der CDU.

          Merz erschien mutig, er legte sich sogar als Jungabgeordneter mit Helmut Kohl an. Es ging um irgendeine finanzpolitische Entscheidung von Merz, die Kohl missfiel. Als der „Alte“, wie sie in nannten, Merz dann duzte, was Abgeordnete als „Abrüstungssignal“ und Friedensangebot werteten, verbat sich Merz das. Für Kohl war er fortan ein „frecher Lump“, was Merz nicht juckte. Hatte er nicht recht? Er war immer geradeaus, mied krumme Touren. „Ich habe Friedrich Merz immer als grundloyal erlebt“, lobt Schäuble. „Er ist kein Intrigant. Aber er hat ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, was auch heißt: Ein Übermaß an Demut hat er nicht. Er hatte keine Erfahrung mit Niederlagen gemacht bis 2002.“

          „Damit hast du dich um den Fraktionssitz gebracht“

          Diese Niederlage hat er nie verwunden. Seine Freunde hatten sie „wie eine Lawine“ kommen sehen und Merz gewarnt. Im Mai 2002, vier Monate vor der Bundestagswahl, ließ er sich auf einen Handel ein, der nicht gutgehen konnte. Er wollte Fraktionsführer bleiben, war er doch hochgeachtet. Kanzlerkandidat Edmund Stoiber und CDU-Chefin Merkel vertrösteten ihn auf eine „gemeinsame Entscheidung“ am Tag nach der Wahl. Merz vertraute. Und er ging im Gegensatz zu Frau Merkel in Stoibers Schattenkabinett.

          „Damit hast du dich um den Fraktionssitz gebracht“, sagte Schäuble. Merz hatte sich damit freiwillig zum Flügelmann gemacht und auf den neoliberalen Außenposten gestellt. Frau Merkel hingegen schwebte darüber im Ungefähren, eine Kunst, die alle mit Führungsanspruch beherrschen. War Kohl links oder rechts? Wo stand Adenauer? Merz hat das Verbindende aufgegeben, das ihm als Fraktionschef durchaus gelungen war. Nie zuvor hatten der wirtschafts- und der sozialpolitische Flügel der Unionsfraktion harmonischer zusammengearbeitet als unter der Führung von Merz.

          Kein Stratege, kein Taktierer, niemand mit Plan B

          Aber er hielt seine Positionierung für konsequent und ehrlich. Viele Freunde sagten ihm deutlich, er könne den Fraktionsjob vergessen im Falle einer Wahlniederlage. „Da war Merz wieder Schussfahrer, der Alles-oder-nichts-Mann“, sagt einer von ihnen, der mit ihm noch unmittelbar vor der Wahl eine Nacht lang das Thema diskutierte. Merz sei kein Stratege, kein Taktierer, niemand, der einen Plan B ausheckt, weil doch Plan A besser sei.

          Andere, man kann auch Angela Merkel getrost dazu zählen, erkennen im damaligen Anspruch von Merz auf den Fraktionsvorsitz sein eigentliches politisches Manko: Ihm fehle „protokollarisches Verständnis“. Merz akzeptiere keine Hierarchie, wenn er jene über sich für schwächer hält. Merz sieht das anders. Natürlich habe die Parteivorsitzende den Zugriff auf den Chefposten der Fraktion gehabt. Er habe es nach der Wahl nur bleiben wollen, schon um an möglichen Koalitionsverhandlungen teilzunehmen. Doch Merz gibt zu: „Vielleicht bin ich mehr als andere darauf angewiesen, dass die Chemie stimmen muss in einer Führungsmannschaft. Mit Wolfgang Schäuble war das immer so und mit vielen anderen auch.“

          „Ich habe es nie gelernt, unverbindlich zu formulieren“

          In der Politik offenbart Emotion Schwäche. Horst Seehofer hält den harten Merz im Grunde für weich. Man brauche „Steherqualitäten“, müsse „auch mal wegstecken können, wenn's was auf die Rübe gab“, sagt Minister Horst Seehofer, der CSU-Chef werden will und aus Erfahrung spricht. Merz aber redet seit drei Jahren nicht mehr mit Seehofer, er ist ihm charakterlich zu biegsam. „Wer immer nur in den Rückspiegel schaut, der fährt doch vor die Wand“, sagt Seehofer.

          „In vielem, was ich für falsch hielt, war ich nicht bereit, mich anzupassen. Das war sicher nicht einfach“, sagt Merz. „Aber ich habe es nie gelernt, unverbindlich zu formulieren. Es tut mir leid - das kann ich nicht.“

          Weitere Themen

          „Die Kommentare sind schändlich und ekelhaft“ Video-Seite öffnen

          Repräsentantenhaus gegen Trump : „Die Kommentare sind schändlich und ekelhaft“

          Präsident Donald Trump hat auf Twitter vier Parlamentarierinnen geraten, sie sollten „dahin zurückgehen, wo sie herkamen, und helfen, diese total kaputten und kriminalitätsverseuchten Orte wieder in Ordnung zu bringen“. Das hat einen Sturm der Empörung unter den Demokraten und vielen Bürgern ausgelöst.

          Eine Überraschung namens AKK

          Nachfolge für von der Leyen : Eine Überraschung namens AKK

          Noch am Dienstag waren sich in Berlin alle sicher, den Nachfolger Ursula von der Leyens im Verteidigungsministerium zu kennen: Jens Spahn. Doch ein Telefonat zwischen Kanzlerin und CDU-Vorsitzender änderte alles.

          Topmeldungen

          Kramp-Karrenbauer kommt : Zumutung oder Chance für die Bundeswehr?

          An die Spitze der Streitkräfte tritt eine Frau, die in den vergangenen Monaten Schneid bewiesen hat, die zu überraschenden Attacken ebenso in der Lage ist wie zum beharrlichem Verfolgen ihrer Ziele.

          Made in Space : Eine Fabrik im Weltraum

          Die Vereinigten Staaten wollen zurück zum Mond. Dabei sollen private Unternehmen helfen. Ein Partner der Raumfahrtbehörde Nasa ist auf 3D-Druck im All spezialisiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.