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Wirtschaft statt Politik : Die Iden des Merz

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Merz verachtete Typen wie Rüttgers als opportunistische Klüngler, und das tut er noch heute. Auf die nordrhein-westfälische CDU, die Ministerpräsident Rüttgers führt, glaubte Merz sich niemals verlassen zu können. Weil er nie vollen Rückhalt seines Landesverbands spürte, mühte er sich auch nie um eigene Truppen. Als frischer Fraktionschef in Berlin riet ihm jemand, er solle sich angewöhnen, jedem in der Fraktion zum Geburtstag zu gratulieren. Helmut Kohl tat das, Angela Merkel übernahm es. „Was kosten dich schon 224 kurze Alles-Gute-Anrufe im Jahr?“ Überwindung hätte es Merz gekostet, auch dort Zuneigung zu heucheln, wo er keine empfand. Merz kämpfte von Anbeginn allein, gestützt nur auf seinen Hochsauerlandkreis und das eigene Selbstbewusstsein. Er suchte nie und hatte nie einen Führungsposten in der CDU.

Merz erschien mutig, er legte sich sogar als Jungabgeordneter mit Helmut Kohl an. Es ging um irgendeine finanzpolitische Entscheidung von Merz, die Kohl missfiel. Als der „Alte“, wie sie in nannten, Merz dann duzte, was Abgeordnete als „Abrüstungssignal“ und Friedensangebot werteten, verbat sich Merz das. Für Kohl war er fortan ein „frecher Lump“, was Merz nicht juckte. Hatte er nicht recht? Er war immer geradeaus, mied krumme Touren. „Ich habe Friedrich Merz immer als grundloyal erlebt“, lobt Schäuble. „Er ist kein Intrigant. Aber er hat ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, was auch heißt: Ein Übermaß an Demut hat er nicht. Er hatte keine Erfahrung mit Niederlagen gemacht bis 2002.“

„Damit hast du dich um den Fraktionssitz gebracht“

Diese Niederlage hat er nie verwunden. Seine Freunde hatten sie „wie eine Lawine“ kommen sehen und Merz gewarnt. Im Mai 2002, vier Monate vor der Bundestagswahl, ließ er sich auf einen Handel ein, der nicht gutgehen konnte. Er wollte Fraktionsführer bleiben, war er doch hochgeachtet. Kanzlerkandidat Edmund Stoiber und CDU-Chefin Merkel vertrösteten ihn auf eine „gemeinsame Entscheidung“ am Tag nach der Wahl. Merz vertraute. Und er ging im Gegensatz zu Frau Merkel in Stoibers Schattenkabinett.

„Damit hast du dich um den Fraktionssitz gebracht“, sagte Schäuble. Merz hatte sich damit freiwillig zum Flügelmann gemacht und auf den neoliberalen Außenposten gestellt. Frau Merkel hingegen schwebte darüber im Ungefähren, eine Kunst, die alle mit Führungsanspruch beherrschen. War Kohl links oder rechts? Wo stand Adenauer? Merz hat das Verbindende aufgegeben, das ihm als Fraktionschef durchaus gelungen war. Nie zuvor hatten der wirtschafts- und der sozialpolitische Flügel der Unionsfraktion harmonischer zusammengearbeitet als unter der Führung von Merz.

Kein Stratege, kein Taktierer, niemand mit Plan B

Aber er hielt seine Positionierung für konsequent und ehrlich. Viele Freunde sagten ihm deutlich, er könne den Fraktionsjob vergessen im Falle einer Wahlniederlage. „Da war Merz wieder Schussfahrer, der Alles-oder-nichts-Mann“, sagt einer von ihnen, der mit ihm noch unmittelbar vor der Wahl eine Nacht lang das Thema diskutierte. Merz sei kein Stratege, kein Taktierer, niemand, der einen Plan B ausheckt, weil doch Plan A besser sei.

Andere, man kann auch Angela Merkel getrost dazu zählen, erkennen im damaligen Anspruch von Merz auf den Fraktionsvorsitz sein eigentliches politisches Manko: Ihm fehle „protokollarisches Verständnis“. Merz akzeptiere keine Hierarchie, wenn er jene über sich für schwächer hält. Merz sieht das anders. Natürlich habe die Parteivorsitzende den Zugriff auf den Chefposten der Fraktion gehabt. Er habe es nach der Wahl nur bleiben wollen, schon um an möglichen Koalitionsverhandlungen teilzunehmen. Doch Merz gibt zu: „Vielleicht bin ich mehr als andere darauf angewiesen, dass die Chemie stimmen muss in einer Führungsmannschaft. Mit Wolfgang Schäuble war das immer so und mit vielen anderen auch.“

„Ich habe es nie gelernt, unverbindlich zu formulieren“

In der Politik offenbart Emotion Schwäche. Horst Seehofer hält den harten Merz im Grunde für weich. Man brauche „Steherqualitäten“, müsse „auch mal wegstecken können, wenn's was auf die Rübe gab“, sagt Minister Horst Seehofer, der CSU-Chef werden will und aus Erfahrung spricht. Merz aber redet seit drei Jahren nicht mehr mit Seehofer, er ist ihm charakterlich zu biegsam. „Wer immer nur in den Rückspiegel schaut, der fährt doch vor die Wand“, sagt Seehofer.

„In vielem, was ich für falsch hielt, war ich nicht bereit, mich anzupassen. Das war sicher nicht einfach“, sagt Merz. „Aber ich habe es nie gelernt, unverbindlich zu formulieren. Es tut mir leid - das kann ich nicht.“

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