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Wirecard-Vorstand : War Marsalek ein österreichischer Spion?

Gesucht: Fotos von Jan Marsalek im August am Potsdamer Platz in Berlin Bild: EPA

Der untergetauchte, ehemalige Wirecard-Finanzvorstand hat möglicherweise dem österreichischen Verfassungsschutz zugearbeitet. So sieht es zumindest das Bundesjustizministerium – während Wien dementiert.

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          Zum Finanzskandal um den insolventen früheren Dax-Konzern Wirecard könnte nun ein politischer Skandal um dessen untergetauchten Finanzvorstand Jan Marsalek hinzukommen. Der soll Österreichs Verfassungsschutz zugearbeitet haben. So sieht es das Bundesjustizministerium: „Dem Generalbundesanwalt liegen Anhaltspunkte vor, dass der österreichische Staatsangehörige Jan Marsalek von einem Mitarbeiter des österreichischen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) als Vertrauensperson geführt wurde.“ Staatssekretär Christian Lange teilte auf die Frage des Linken-Abgeordneten Fabio De Masi mit, man habe den Verdacht, dass dieser Mitarbeiter des BVT Marsalek vier streng geheime Berichte der Organisation für das Verbot chemischer Waffen überlassen habe. Der Generalbundesanwalt prüfe, ob es einen Anfangsverdacht für eine Straftat gebe.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Die österreichische Behörde dementierte allerdings am Freitagnachmittag, dass der gesuchte Wirecard-Manager einer ihrer Informanten gewesen sei. Im Fall Marsalek könnten aufgrund laufender Ermittlungen aber keine weiteren Auskünfte erteilt werden, so das BVT in einer knappen Mitteilung.

          De Masi sagte der F.A.Z., dass er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aufgefordert habe, ihren Amtskollegen Sebastian Kurz anzurufen, um ihn zu fragen, „was die Österreicher auf deutschem Hoheitsgebiet womöglich treiben“. Wenn sich die Verdachtsmomente bestätigen sollten, müsse der österreichische Botschafter herbeizitiert werden. „Es geht hier nicht um eine Lappalie, sondern es geht darum, dass hier möglicherweise auch Spionagetätigkeit ausgeführt wurde.“ Die entscheidende Frage sei, ob Marsalek Kenntnisse über Wirecard oder deutsche Amtsträger nach Wien berichtet habe.

          „Ein Faible für die Welt der Geheimdienste“

          Zu Gerüchten, wonach der frühere Manager mit österreichischem Pass auch für andere Geheimdienste gearbeitet habe, sagte De Masi: „Ich halte das für zumindest nicht unwahrscheinlich.“ Marsalek soll enge Verbindungen nach Russland unterhalten, wo er untergetaucht sein könnte. Wirecard sei mit seiner Vielzahl an Finanztransaktionen interessant gewesen für jeden Geheimdienst, auch mit den Möglichkeiten, über das Unternehmen Zahlungen abzuwickeln, sagte de Masi. Bisher gebe es dazu aber noch keine belastbaren Erkenntnisse.

          Der FDP-Finanzpolitiker Florian Toncar sagte der F.A.Z.: „Marsalek hatte bekanntermaßen ein Faible für die Welt der Geheimdienste.“ Das dürfe man nicht als Skurrilität oder Randnotiz abtun. Denn das werfe die Frage auf, ob und warum Wirecard für ausländische Nachrichtendienste interessant gewesen sei. „War Wirecard Ziel von Industriespionage oder fungierte es als eine Art Vehikel für geheime Zahlungstransaktionen?“ Marsaleks Flucht lege nahe, dass ihm jemand geholfen habe, „der nicht wollte, dass Marsalek vor deutschen Ermittlern aussagt“.

          Am Donnerstag hatte der Untersuchungsausschuss zum Bilanzskandal von Wirecard getagt und den Finanzanalysten Thomas Borgwerth befragt, der in einer nichtöffentlichen Sitzung darauf hinwies, dass Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oft bei harten Urteilen eine milde Sprache verwendeten. So sei der Bericht der Prüfgesellschaft KPMG in Wahrheit vernichtend gewesen. Wenn dort von „Untersuchungshemmnissen“ die Rede sei, bedeute dies, dass das Unternehmen sich unkooperativ verhalten habe. Statt von „Untersuchungshemmnissen“ zu sprechen, hätte KPMG auch direkt sagen können, dass das Geld nicht existiere.

          Wo waren die schrillenden Alarmglocken?

          Nicht anders sei es zu beurteilen, wenn nach einer halbjährigen Prüfung bei einem Dax-Unternehmen Geld nicht nachweisbar sei. „Im Grunde war Wirecard immer schon eine dubiose Firma, die im Umfeld illegaler Glücksspiele und verdächtiger Transaktionen entstanden und groß geworden ist“, meinte der FDP-Politiker Toncar. Kritische Medienberichte über die Wirecard-Bilanz, die ab 2015 erschienen, hätten „bei den Behörden alle Alarmglocken schrillen lassen müssen“.

          Hinweise auf eine enge Verbindung Marsaleks zum österreichischen Verfassungsschutz hatte es schon im Sommer gegeben. Am Donnerstagabend hatten das österreichische Nachrichtenmagazin „Profil“ und die „Süddeutsche Zeitung“ darüber berichtet, Marsalek solle dort als „Vertrauensperson“ geführt worden sein und habe Zugang zu streng geheimen Dokumenten gehabt.

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