https://www.faz.net/-gpf-9rs3e

NS-Unrecht und Reparationen : Wird Deutschlands Schuld immer größer?

Ohne Worte: Willy Brandt in Warschau am 7. Dezember 1970 Bild: dpa

Wie sich das Gedenken und die Bekenntnisse gewandelt haben – von Willy Brandt, dem eine große Geste reichte, bis Frank-Walter Steinmeier.

          4 Min.

          Die berühmte Geste brauchte keine Worte. Willy Brandt fiel 1970 in Warschau im ehemaligen Getto auf die Knie. In einer Fernsehansprache aus der polnischen Hauptstadt aus Anlass der Unterzeichnung des Vertrages von Warschau am selben Tag sagte der sozialdemokratische Bundeskanzler dann, dieser Vertrag solle „einen Schlussstrich setzen unter Leiden und Opfer einer bösen Vergangenheit“. Er solle eine Brücke schlagen zwischen den beiden Staaten und den beiden Völkern und den Weg dafür öffnen, dass getrennte Familien wieder zusammenfinden könnten. Zum Warschauer Vertrag zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik Polen „über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehungen“ wie mit Blick auf die gesamten Ostverträge sagte Brandt: „Er gibt nichts preis, was nicht längst verspielt worden ist. ... Wir dürfen nicht vergessen, dass dem polnischen Volk nach 1939 das Schlimmste zugefügt wurde, was es in seiner Geschichte hat durchmachen müssen.“ Das sei nicht ohne Folgen geblieben.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Da es in den Ostverträgen um Entspannung, um die Unverletzlichkeit der Grenzen ging, die freilich – wie auch das Bundesverfassungsgericht feststellte – noch nicht für das ganze Deutschland gelten konnte, wandte sich Brandt mittelbar auch an die deutschen Vertriebenen: „Großes Leid traf auch unser Volk, vor allem unsere ostdeutschen Landsleute.“ Nach denen, die Tote zu beklagen hätten, habe „am bittersten für den Krieg bezahlt, wer seine Heimat verlassen musste“. Brandt sagte, er lehne „Legenden ab, deutsche wie polnische. Die Geschichte des deutschen Ostens lässt sich nicht willkürlich umschreiben.“ Und der Kanzler fügte, an die Deutschen gewandt, hinzu: „Unsere polnischen Gesprächspartner wissen, was ich Ihnen zu Hause auch noch einmal in aller Klarheit sagen möchte: Dieser Vertrag bedeutet nicht, dass wir Unrecht anerkennen oder Gewalttaten rechtfertigen. Er bedeutet nicht, dass wir Vertreibungen nachträglich legitimieren. Ressentiments verletzen den Respekt vor der Trauer um das Verlorene. Niemand könne sich dieser Trauer entziehen, „uns schmerzt das Verlorene.“ Namen wie Auschwitz „werden beide Völker noch lange begleiten und uns daran erinnern, dass die Hölle auf Erden möglich ist; wir haben sie erlebt. Aber gerade diese Erfahrung zwingt uns, die Aufgaben der Zukunft entschlossen anzupacken.“

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

          FAZ.NET komplett

          : Neu

          F.A.Z. Woche digital

          F.A.Z. + F.A.S. – Adventsangebot

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Demonstrationen gegen ihn als Preisträger sind erst für Dienstag angekündigt: Peter Handke bei der Pressekonferenz an diesem Freitag in Stockholm.

          Peter Handke in Stockholm : Von der Rolle

          Seinem Biographen hatte er noch gesagt, er spitze vielleicht Bleistifte in der Pressekonferenz. Peter Handke weicht Fragen aus, er versucht es mit Ironie – und fällt schließlich aus der Rolle.