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Winfried Kretschmann im Gespräch : „Ich mache hier nicht den Wowereit“

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Ja. Es gab Ende der achtziger Jahre in meiner Partei einen Konflikt um Sondermüll, da hat ein Kreisverband einen Ausschlussantrag gegen mich gestellt. Da habe ich mal bei SPD und CDU angeklopft. Aber ich habe, wenn ich ehrlich bin, mehr meinen Marktwert getestet.

Fühlen Sie sich heute wohler bei den Grünen als in den achtziger oder neunziger Jahren?

Fraglos ja. Es ist heute meine Partei, in der ich mich auch emotional behaust fühle. Aber es hat schon lange gedauert, bis wir den realpolitischen Kurs durchgekämpft hatten.

War das erst 1998 mit der Regierungsbeteiligung der Fall?

Im Grunde schon. Dass eine pazifistische Partei zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Auslandseinsätze der Bundeswehr verantwortet hat, das ist einfach die List der Geschichte. Dass die Grünen damals - trotz ihres Gesinnungspazifismus - das Notwendige getan haben, hat die Partei regierungstauglich gemacht. Pazifistisch kann man nur persönlich sein. Ein Staat kann nicht pazifistisch sein, sonst liefert er seine Bevölkerung jedem beliebigen Angriff aus.

Die Grünen haben bei der Wahl in Baden-Württemberg gut 24 Prozent geholt. Was ist das Geheimnis dieser hohen Zustimmung im Südwesten?

Schon in der Gründungsphase waren wir die Grünen, die sich nicht im Feindesland gefühlt haben. Wir haben nie mit der eigenen Region gehadert. Eine Art Gründungsort ist Wyhl, da waren Winzer, Bauern und Handwerker gegen das Kernkraftwerk. Das hat die Grünen in Baden-Württemberg tief geprägt.

Das ist der Grund?

Ein anderer Grund war der Ministerpräsident Lothar Späth von der CDU. Der ließ sich von uns nicht provozieren, sondern hat sich wie ein Realo aufgeführt. Er hat immer gesagt: Nehmen wir mal an, es wäre richtig, was Sie fordern. Dann hat er es zerpflückt, klargemacht, warum das aus rechtlichen, finanziellen, pragmatischen Gründen nicht geht. Das war eine glückliche Konstellation, einen solchen Gegner zu haben.

Die CDU also hat die Grünen im Ländle so groß gemacht?

Na ja. Um mal etwas unbescheiden zu sein: Es hat auch mit den Personen zu tun, die die Grünen geführt haben, Hasenclever, Fritz Kuhn, Rezzo Schlauch . . . Wir waren die Erfinder der Realos. Reinhard Bütikofer hat an meinem 60. Geburtstag gesagt: Du kannst für dich in Anspruch nehmen, dass die Partei in Baden-Württemberg mehr dir gefolgt ist als du ihr. Solche Schmeicheleien behält man gern.

Hat die Stärke in Baden-Württemberg auch damit zu tun, dass die Leute es sich hier leisten können, grün zu sein? Die Grünen sind ja die Partei der Besserverdienenden.

Wir sind nicht die Partei der Besserverdienenden. Wir sind die Partei der Gutverdienenden. Wir sind eine Akademiker-Partei, und Akademiker verdienen eben mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung. Aber wir haben ganz wenige Reiche in unseren Reihen. Ich gehöre wahrscheinlich zu den bestverdienenden Grünen. Das ist ein großer Unterschied zur FDP.

Die Grünen hatten auch bundesweit zeitweise Umfragen von 25, ja 28 Prozent. Warum konnten sie diese Zustimmung nicht halten?

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