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Im Auge des Energiewendesturms

Von REINER BURGER (Text)
und STEFAN LUCKA (Fotos)

6. Oktober 2022 · Die Berliner Ampelregierung und die schwarz-grüne Koalition in NRW wollen den Ausbau der Windkraft „massiv“ vorantreiben. Klimaschutz soll vor Artenschutz gehen. Das gefällt nicht allen, wie sich etwa im Sauerland zeigt.

Der Weg zum Forst von Graf Plettenberg im sauerlän­disch­en Marsberg-Essentho führt am Rand des Paderborner Lands vorbei. Die Region gilt als deutsche Herzkammer der Binnenwindkraft. Hunderte Generatoren drehen sich allein dort schon. So also sieht die forcierte Energiewende aus, die sich die Berliner Ampelregierung vorgenommen hat. Im nur ein paar Kilometer südlich beginnenden, kaum weniger windreichen Sauerland gibt es lediglich vereinzelt Rotoren. Gemeinsam mit zwei Mitstreitern, Maximilian von Papen und Graf von Spee, will Graf von Plettenberg das so rasch wie möglich ändern. Die Familien der drei bewirtschaften seit Generationen rund um Brilon und Marsberg weitläufige Nutzwälder. Doch wo einst Fichten dicht an dicht standen, tun sich nun Kalamitätsflächen genannte apokalyptische Gebiete auf. Große Teile des Forsts gibt es nicht mehr. Erst schwächte ihn die Dürre in vier der fünf vergangenen Sommern. Dann raffte der Borkenkäfer die angeschlagenen Bäume dahin.

Typische Spuren: So sieht die Rinde der Bäume nach Borkenkäferbefall aus. Er kostete schon viele Bäume das Leben.

In Essentho bittet Friedrich-August Graf von Plettenberg –  ein groß gewachsener Mann im Holzfällerhemd –  darum, doch lieber in seinen Pick-up-Geländewagen umzusteigen. „Der Waldweg hat ziemlich gelitten durch die große Holzabfuhr.“ Waldweg ist eigentlich keine korrekte Bezeichnung mehr. Denn die Schotterpiste führt nicht wie noch bis vor wenigen Jahren durch dichten Forst, sondern über freies Feld. Nach gut einem Kilometer stellt Revierförster Klaus Kotthoff den Wagen ab. „Hier haben wir einen wunderbaren Ausblick ins Dütlingstal“, sagt er sarkastisch. Kotthoff deutet auf eine Kahlfläche. „Dort unten war mal ein 40 bis 120 Jahre alter Fichtenwald, was da rechts steht, wird früher oder später auch noch vom Wind umgeworfen.“


„Dort unten war mal ein 40 bis 120 Jahre alter Fichtenwald, was da rechts steht, wird früher oder später auch noch vom Wind umgeworfen.“
FRIEDRICH-AUGUST GRAF VON PLETTENBERG

Das neue, vom Klimawandel getriebene Waldsterben ist dramatisch. In ihrer Not setzen viele Familienforstbetriebe auf die Windkraft als Einnahmequelle – um ihre Angestellten bezahlen zu können und um die sich über Jahrzehnte hinziehende Wiederaufforstung mit resilienteren Baumsorten finanzieren zu können. Sechs oder sieben Windräder möchte Graf von Plettenberg in seinen Wald stellen. Ebenso wollen es einige Kilometer weiter Graf von Spee und Maximilian von Papen machen.

Der Wald steht schwarz und schweiget: Die abgestorbenen Bäume halten nicht mehr lange stand.
Der Wald steht schwarz und schweiget: Die abgestorbenen Bäume halten nicht mehr lange stand.
Der Wald steht schwarz und schweiget: Die abgestorbenen Bäume halten nicht mehr lange stand.
Friedrich-August Graf von Plettenberg, im Hintergrund Teile seines Forsts
Friedrich-August Graf von Plettenberg, im Hintergrund Teile seines Forsts
Friedrich-August Graf von Plettenberg, im Hintergrund Teile seines Forsts
Maximilian von Papen in einem ehemaligen Waldgebiet
Maximilian von Papen in einem ehemaligen Waldgebiet
Maximilian von Papen in einem ehemaligen Waldgebiet

Zur Politik der Berliner Ampelregierung passen die drei Windkraftvorhaben im Sauerland bestens. SPD, Grüne und FDP wollen dafür Sorge tragen, den Anteil der Erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2030 „drastisch“ auf 80 Prozent zu erhöhen. Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen erheblich be­schleunigt „und alle Hürden und Hemmnisse aus dem Weg“ geräumt werden, wie es im Ampel-Koalitionsvertrag etwas martialisch heißt. In Zeiten des Klimawandels und  der Gasknappheit lautet die neue energiepolitische Staatsdok­trin: Erneuerbare Energien dienen der Versorgungssicherheit und liegen also im öffentlichen Interesse. Um den vor allem durch Vögel wie den Rotmilan auch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst gewordenen Zielkonflikt mit dem Artenschutz zu entschärfen, wurde buchstäblich in Windeseile auch das Bundesnaturschutzgesetz geändert. Kern der Novelle ist: Nicht mehr der einzelne Vogel steht im Mittelpunkt, sondern der Erhalt der Population.

Im Koalitionsvertrag der Ende Juni von CDU und Grünen gebildeten nordrhein-westfälischen Landesregierung ist ganz konkret davon die Rede, dass bis 2027 zwischen Rhein und Weser „mindestens zusätzliche 1000 Windenergieanlagen“ errichtet werden sollen – womit sich Schwarz-Grün enorm unter Druck gesetzt hat. Zur Freude vieler Waldbauern findet sich in der schwarz-grünen Bündnisvereinbarung auch dieser Satz: „Wir werden alle Kalamitätsflächen und beschädigten Forstflächen für die Windenergie öffnen.“ Denn dort können neue Anlagen meist weit weg von den nächsten Anwohnern gebaut werden. Auch der NRW-Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat längst seinen Frieden mit Windkraft im Wald gemacht – und im März sogar erstmals ein gemeinsames Positionspapier mit dem Waldbauernverband zum Thema verfasst.

Bisher auf dem freien Feld: Windräder bei Brilon
Bisher auf dem freien Feld: Windräder bei Brilon

Bessere Vorzeichen könnte es für die drei Windkraftprojekte im Sauerland kaum geben. Wäre da nicht ein kleiner Verein namens „Natur- und Vogelschutz im Hochsauerland“ (VNV). Ohne Ab­stimmung mit den drei Eigentümerfamilien waren Hobby-Ornithologen in den Forsten unterwegs, um eine Vielzahl von Vögeln zu kartieren, unter anderem den Grauspecht und den Raubwürger – was aber allem Anschein nach nur Mittel zum größeren Zweck sein soll. Denn dem VNV geht es nach eigener Aussage auch darum, „die Gefährdung durch den exzessiven Ausbau der Windkraft“ abzuwenden. Im Dezember 2019 stellte der Verein einen entsprechend weitflächig gefassten Antrag auf Ausweisung eines „Vogelschutzgebiets Diemel- und Hoppecketal“. 

Ginge es nach dem VNV, müssten 28.000 Hektar gemäß EU-Vogelschutzrichtlinie unter Schutz gestellt werden. Nach einer Entscheidung der EU-Kommission sind die Verfahren eigentlich schon seit 2004 abgeschlossen. Doch das dem nordrhein-westfälischen Umweltministerium nachgeordnete Landesamt für Natur-, Um­welt- und Verbraucherschutz (LANUV) eröffnete das Verfahren für eine auf rund 12.400 Hektar reduzierte Fläche trotzdem, was der windkraftkritische nordrhein-westfälische Landesverband des Naturschutzbunds Deutschland (NABU) umgehend überschwänglich lobte. 

Das geplante Vogelschutzgebiet im Hochsauerland
Das geplante Vogelschutzgebiet im Hochsauerland

Bis zur endgültigen Entscheidung gilt die Fläche als „faktisches Vogelschutzgebiet“. Eine Einstufung, die für die Waldbesitzer – zu denen neben den drei Familien auch die Städte Brilon, Marsberg, Olsberg und Bad Wünnenberg gehören – weitreichende Folgen hat. Denn in dieser Zwischenphase können keine Rechtsmittel erhoben werden, zudem gilt eine umfassende faktische Veränderungssperre. Auf Antrag der SPD votierte der Kreistag des Hochsauerlandkreises mit großer Mehrheit gegen das Vogelschutzgebiet. Die Waldbesitzer wandten sich an die damalige nordrhein-westfälische Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) – die sich aber durch EU-Recht gebunden sah.


„Artenschutz ist wichtig, aber er verliert seine Glaubwürdigkeit, wenn er für andere Ziele instrumentalisiert wird.“
MAXIMILIAN VON PAPEN

Christof Bartsch, der sozialdemokratische Bürgermeister von Brilon, wirft dem VNV vor, er habe, „heimlich und ohne Mitnahme der betroffenen Grundeigentümer möglichst rasch Fakten schaffen“ wollen. Waldbesitzer Maximilian von Papen geht noch weiter. Er spricht von einem Schildbürgerstreich. „Artenschutz ist wichtig, aber er verliert seine Glaubwürdigkeit, wenn er für andere Ziele instrumentalisiert wird.“ Der VNV versuche mithilfe in aller Eile nachträglich gemeldeter und obendrein höchst fragwürdiger Daten ein großflächiges EU-Vogelschutzgebiet nachzumelden. So werde der breite gesellschaftliche und politische Konsens für den Ausbau der Windkraft ausgehebelt, sagt von Papen, der mittlerweile mit seinen Mitstreitern auf einer Kalamitätsfläche bei Alme angekommen ist, um über den Grauspecht zu reden. Die Fläche, die zum Besitz der Familie von Spee gehört, gleicht einer Heidelandschaft. Einst stand auch hier dichter Fichtenwald. Schon seit Wochen sind die Forstarbeiter damit beschäftigt, das Holz abzutransportieren. Nur noch ein kleiner Rest liegt links und rechts vom Schotterweg gestapelt.

Wo früher dichter Fichtenwald stand, sind jetzt nur noch Brachflächen übrig. Große Mengen Holz wurden bereits abtransportiert.

Den Grauspecht gegen Windkraftanlagen in Stellung zu bringen, ist per se ein ziemlich verwegenes Unternehmen. Denn anders als der Rotmilan zählt der Vogel gar nicht zu den sogenannten windkraftsensiblen Arten – weil er schlicht nicht so hoch unterwegs ist. Hinzu kommt: Der Grauspecht braucht alte ausgedehnte und strukturreiche Laubwälder, er meidet Nadelholzbestände wie die Flächen, auf denen die drei Familien Windkraftanlagen errichten wollen. Ein öffentlich bestellter Umweltsachverständiger bestätigt in einem durch von Papen in Auftrag gegebenen Gutachten, dass dem Grauspecht kein Ungemach droht. Aus gutachterlicher Sicht seien die Flächen deshalb „zu Unrecht“ in das Vogelschutzgebiet aufgenommen worden. „Da hier auf Jahrzehnte hin nicht mit der Zielart ‚Grauspecht‘ zu rechnen ist und dort die entsprechenden Erhaltungsziele selbst mittelfristig nicht erreichbar sind, sollten diese Flächen aus der Abgrenzung des Vogelschutzgebietes entlassen werden.“

Maximilian von Papen findet, der Konflikt im Sauerland sei eine gute Chance für den neuen nordrhein-westfälischen Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) zu zeigen, dass sich Artenschutz und Klimaschutz verbinden lassen. „Das eine darf nicht gegen das andere ausgespielt werden“, sagt der bekennende CDU-Anhänger, der sich seit dem Reaktorunfall von Fukushima vor elf Jahren intensiv mit Erneuerbaren Energien befasst und schon einige Windräder betreibt. Mithilfe des Instruments EU-Vogelschutzgebiet gegen Windkraftprojekte vorzugehen, sei eine „Methode, die keinesfalls Schule machen darf, weil Deutschland sonst unmöglich seine Ausbauziele erreichen kann“, warnt von Papen.

Windkrafträder gehören schon vielerorts zum Landschaftsbild.
Windkrafträder gehören schon vielerorts zum Landschaftsbild.

Tatsächlich gibt es in Nordrhein-Westfalen einen zweiten ähnlichen Fall. Auf der Fläche des ehemaligen Militärflughafens Niederkrüchten-Elmpt im Kreis Viersen streben Verbände und das LANUV die Erweiterung des EU-Vogelschutzgebietes „Schwalm-Nette-Platte“ an, weil ornithologische Untersuchungen ergeben haben, dass einige Brutpaare des Ziegenmelkers in der Gegend leben. Bei dem Flugfeld handelt es sich sogar um eine ausgewiesene Windkraftvorrangfläche mit weit fortgeschrittenen Planungen. Ein Investor plant einen Vorzeige-Energiepark mit Batteriespeicher, Photovoltaik-Freiflächenanlage und sieben Wind­rädern. Sechs von ihnen sollen auf der asphaltierten ehemaligen Landebahn errichtet werden – weshalb so gut wie keine weiteren Flächen versiegelt werden müssten. Mögliche Konflikte mit dem (ebenfalls nicht windkraftgefährdeten) Ziegenmelker ließen sich ausgleichen, indem man dem Betreiber auferlegt, dass er für die Pflege des Vogelschutzgebiets aufkommt.

Umweltminister Oliver Krischer dürfte zu den wenigen Politikern in Deutschland gehören, die Vogelkunde sooft es nur geht als Hobby betreiben. Der Grünenpolitiker verfügt über ein breites ornithologisches Wissen, muss sich nicht erst bei seiner Fachabteilung schlaumachen, sondern kann aus dem Stand heraus sachkundig über Rotmilan, Ziegenmelker oder Grauspecht sprechen. Auch über das Windkraftvorhaben im Sauerland ist Krischer bestens im Bild – und kann den Waldbauern anders als seine Vorgängerin von der CDU Hoffnung machen. Im Diemel- und Hoppecketal gehe es vor allem um den Raubwürger und den Grauspecht, zwei Vogelarten, deren Bestände in der Tat stark zurückgegangen seien. „Doch beide Arten werden durch Windkraft nicht beeinträchtigt, weshalb aus meiner Sicht nichts gegen den Ausbau dort spricht.“ Vielmehr brauche es gezielte Maßnahmen, um ihren Lebensraum zu erhalten und zu verbessern. „Das sind beim Raubwürger extensiv bewirtschaftete Freiflächen und beim Grauspecht natürliche Laubwälder. Hier kann der Ausbau der Windenergie über die Finanzierung gezielter Artenhilfsmaßnahmen am Ende vielleicht sogar eine Chance für diese Arten darstellen.“


„Die Windenergie ist nun wirklich keine entscheidende Ursache für das drama­tische Artensterben in unserem Land.“
OLIVER KRISCHER, UMWELTMINISTER NRW

Sodann wird der Grüne grundsätzlich. „Die Windenergie ist nun wirklich keine entscheidende Ursache für das drama­tische Artensterben in unserem Land. Die Ursachen für das Artensterben liegen ganz woanders – in der intensiven Landwirtschaft, im ausufernden Flächenverbrauch, in den Folgen der Klimakrise.“ Windenergie sei dagegen einer der entscheidenden Beiträge für den Klimaschutz und damit auch für den Artenschutz. „Trotzdem ist es natürlich völlig richtig, Naturschutzgebiete, Nationalparks oder naturnahe Wälder von der Windenergienutzung frei zu halten, was ja auch geschieht.“


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