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Willy Brandt : Eine dritte Erinnerungsstätte für den Übervater

  • -Aktualisiert am

Kurt Beck im früheren Arbeitszimmer Willy Brandts Bild: ©Helmut Fricke

Das Wirken Willy Brandts soll in dessen letztem Wohnort Unkel am Rhein greifbar werden: Sein Arbeitszimmer findet sich originalgetreu im Rathaus wieder. Kurt Beck hat die Ausstellung zur „Chefsache“ ernannt. Günter Grass hat auch schon gespendet.

          Auf der Schreibtischplatte liegt noch immer seine Lesebrille. Es scheint, als ob Willy Brandt nur einmal kurz aufgestanden wäre, um gleich wiederzukommen und weiter an einer Rede oder einem Band seiner Erinnerungen zu schreiben. Das private Arbeitszimmer des früheren Bundeskanzlers, SPD-Vorsitzenden und Friedensnobelpreisträgers ist nach seinem Tod am 8. Oktober 1992 originalgetreu im Rathaus seiner letzten, selbstgewählten Heimatstadt Unkel am Rhein in Abstimmung mit seiner Witwe Brigitte Seebacher wiederaufgebaut worden. Bisher kommen an Willy Brandt und seinem bewegten politischen Leben interessierte Besucher nur nach Voranmeldung und in Begleitung eines städtischen Mitarbeiters über eine steile Stiege in das Zimmer im oberen Trakt des Rathauses.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Doch womöglich schon in einigen Monaten wird das Arbeitszimmer samt historisch wertvoller Erinnerungsstücke an Unkels berühmten Bürger als Herzstück des seit 2005 geplanten Willy-Brandt-Forums unkomplizierter, barrierefrei und während komfortabler Öffnungszeiten zu sehen sein. Neben den Räumen der Willy-Brandt-Stiftung in Berlin und der Dauerausstellung in seiner Geburtsstadt Lübeck soll in der nördlichsten Kommune des Bundeslandes Rheinland-Pfalz eine dritte Erinnerungsstätte für den charismatischen Übervater der SPD eröffnet werden, an dem sich auch 18 Jahre nach seinem Tod in Unkel immer noch alle führenden Politiker und Kurzzeitvorsitzenden der ältesten deutschen Partei ausrichten.

          Rheinland-Pfalz beteiligt sich mit 800.000 Euro

          In der Staatskanzlei von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) ist das Vorhaben längst schon zur „Chefsache“ erklärt worden. Mit einem Zuschuss von rund 800.000 Euro bei Gesamtkosten von etwas mehr als 1,1 Millionen Euro ist das Land der größte Geldgeber. Hier sähe man es gerne, wenn das Forum am 18. Dezember dieses Jahres, am Geburtstag Willy Brandts, eröffnet werden könnte. Noch zu seiner Zeit als Bundesvorsitzender der SPD hatte Beck ehemalige Weggefährten und Freunde Brandts wie Horst Ehmke, Egon Bahr, Günter Grass oder Siegfried Lenz für das Projekt als spendende Unterstützer für den privat aufzubringenden Anteil von etwa 300.000 Euro gewinnen können.

          Willy Brandt 1983

          Als Ausstellungsort für die Erinnerung an Willy Brandt wurde das Gebäude der früheren Kreissparkasse im Ortskern von Unkel ausgewählt und umgebaut. Auf 339 Quadratmetern Ausstellungsfläche sollen in den früheren Schalter- und Tresorräumen die letzte Lebensphase Willy Brandts und sein politisches Wirken in diesen Jahren anschaulich gezeigt, aber auch wissenschaftlich aufgearbeitet werden.

          In dem heiter-verschlafenen Ort vis-à-vis der früheren Bundeshauptstadt Bonn war er nicht „Willy Wolke“, wie ihn mancher Genosse oder Journalist spöttisch nannte, wenn er stundenlang schweigend, scheinbar abgehoben über dem niederen Politikalltag schwebte und niemand an sich heranließ. Hier in Unkel sei Brandt bis zu seinem Tod „ein Bürger unter Bürgern“ gewesen, wie der SPD-Stadtrat und Vorsitzende der Stiftung Willy-Brandt-Forum, Thomas Ottersbach, berichtet.

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