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Willy Brandt : Der Kniefall und das Glas Whiskey im Hotel

Die Unterzeichnung des Warschauer Vertrages am 7. Dezember 1970 Bild: akg-images

Ein Erbauungsseminar in der Parteizentrale: Die SPD erinnert sich an den Kniefall Willy Brandts vor 40 Jahren - und an eine Zeit, in der sie noch Geschichte machte.

          In der Politik ist es manchmal nicht anders als in der Familie. Wenn das Verhältnis zum Vater belastet ist und seine pädagogischen Entscheidungen noch nicht in jeder Hinsicht gewürdigt werden können, setzt sich der Sohn beim Familientreffen zuweilen lieber zum Großvater und lässt diesen über alte Zeiten plaudern. So ist es Montag auch im Willy-Brandt-Haus in Berlin, wo sich die sozialdemokratische Familie versammelt, um Egon Bahr, dem – laut Martin Schulz – „Doyen der deutschen Sozialdemokratie“, zu lauschen, als dieser sich mit Weggefährten an die Unterzeichnung des Warschauer Vertrages und den Kniefall Willy Brandts vor vierzig Jahren erinnert. Die Runde auf dem Podium kennt sich seit Jahrzehnten: Hans-Dietrich Genscher, der 1970 noch Innenminister war, Valentin Falin, der ein Jahr später Botschafter der Sowjetunion in Bonn wurde, und – als Vertreter der jüngeren Generation – Wlodzimierz Cimoszewicz, damals Student und später Ministerpräsident Polens.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Bevor die Geschichtsstunde beginnt, tritt Sigmar Gabriel, der Parteivorsitzende, ans Rednerpult neben der bronzenen Brandt-Statue und sagt, das Bild des knienden deutschen Kanzlers sei zu einer „politischen Ikone des 20. Jahrhunderts“ geworden. Er zitiert Bahr: Einer, der frei von geschichtlicher Schuld gewesen sei, habe sich zur geschichtlichen Schuld seines Volkes bekannt. Mancher fragt sich da, wo eigentlich Frank-Walter Steinmeier ist, der erste sozialdemokratische Außenminister seit Brandt. Der heutige Oppositionsführer weilt auf einer Konferenz der SPD-Fraktionsvorsitzenden – und er steht wohl auch der Vätergeneration noch zu nahe, auf deren Erbe die Genossen noch nicht so stolz sind wie auf Willy Brandt.

          Ein besonders effizientes Stilmittel

          Gabriel vergisst in seinen historischen Ausführungen nicht zu erwähnen, wie Teile der deutschen Öffentlichkeit auf die Ostverträge reagiert hätten: Ausverkauf deutscher Interessen, Verhökern des Rechts auf Heimat, Landesverrat. Und er sagt, dass die spätere KSZE-Schlussakte, in welche die Ostpolitik der sozialliberalen Bundesregierung gemündet sei, seinerzeit nur von zwei Parteien in Europa abgelehnt worden sei: von den albanischen Kommunisten und der CDU. Er sage dies frei jeder Ironie, weil es eben ein historisches Faktum sei. Die versammelten Sozialdemokraten sollen durch den Rückgriff auf die glorreichen alten Tage zusammenrücken – an alte Gräbenkämpfe mit dem politischen Gegner zu erinnern, ist da ein besonders effizientes Stilmittel.

          Willy Brandt sagte Egon Bahr, er habe das Gefühl gehabt, einfach Kranzniederlegen reiche nicht

          Bahr mischt dieser Historisierung ein wenig zeitgenössische Realität bei: Die Ostpolitik habe nicht nur die deutsche Öffentlichkeit überrascht, sondern auch die „eigene, geliebte Partei“. Und als er, seinerzeit Staatssekretär im Kanzleramt, anfangs in den Verhandlungen mit der Sowjetunion die Forderung von den „unverrückbaren, unabänderlichen Grenzen in Europa“ gehört habe, sei ihm nur ein „unannehmbar“ in den Sinn gekommen. Es sei übrigens Falin gewesen, welcher die Formel von den nur einvernehmlich zu ändernden Grenzen erfunden habe.

          Wenn der 88 Jahre alte Bahr zu sprechen beginnt, verflüchtigen sich Gedanken über sein Alter: Er streut mal sentimentale, mal witzige Details in seine Anekdoten. So erzählt er, wie er die Sekunden des Kniefalls vor dem „Ehrenmal für die Helden des Warschauer Gettos“ verpasste, weil er gemeinsam mit Berthold Beitz zu spät an den Platz kam und nur noch die Rückseiten der vielen Journalisten und Delegationsmitglieder sah, als es auf einmal still wurde. Was denn los sei? „Er kniet“, habe einer vor ihm geantwortet. Später bei einem Glas Whiskey im Hotel habe er, immer noch bewegt, gesagt: „Du, das war aber doll.“ Und Brandt habe erwidert, er habe das Gefühl gehabt, einfach Kranzniederlegen reiche nicht.

          Abrüstung, Armutsbekämpfung, Menschenrechtspolitik

          Weil der Name Brandt an diesem Morgen so häufig fällt, hätte man gerne Genscher und „Herrn Bahr“, wie der Erstere den Letzteren nach all den Jahren immer noch nennt, zu einem Exkurs über die weitere politische Biographie des ersten sozialdemokratischen Kanzlers der Bundesrepublik eingeladen. Denn Bahr kann ebenso detailreich Geschichten erzählen über die Rolle des Bundesinnenministers Genscher in der Affäre Guillaume. Schließlich war ihm der Verfassungsschutz untergeordnet. Doch das ist eine andere Geschichte, die gewiss eines Glases Whiskey bedurft hätte, und sie hätte wohl auch nicht recht an diesen feierlichen Ort gepasst. Wenngleich die von Falin in einem anderen Zusammenhang zitierte georgische Weisheit so gut zu ihr gepasst hätte: Was ist der Unterschied zwischen dem Leben und einem Märchen? Das Leben ist länger.

          Indirekt kommt am Ende doch noch die Vätergeneration der SPD zu Wort. Gabriel verkündet, dass seine Partei künftig jedes Jahr einen „Internationalen Willy-Brandt-Preis“ verleihen werde an Personen, die sich um die internationale Verständigung verdient gemacht haben. Die Bandbreite solle dem Brandtschen Verständnis von internationaler Politik entsprechen: von der Abrüstung über die Armutsbekämpfung bis hin zur Menschenrechtspolitik. Stifter des mit 25.000 Euro dotierten Preises seien die Familien Gerhard Schröders und Doris Schröder-Köpfs sowie Gabriele und Michael Frenzels. Egon Bahr wiederum werde in diesem Mehrgenerationenprojekt Vorsitzender der Jury sein. Damit scheidet er freilich als erster Preisträger aus.

          40 Jahre danach: Deutsch-polnische Konsultationen

          Einen Tag vor dem 40. Jahrestag der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk und mehrere Minister seines Kabinetts zu den deutsch-polnischen Regierungskonsultationen empfangen. Beide stimmten sich für das Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs in der kommenden Woche in Brüssel ab, auf dem die Arbeit an einem künftigen Krisenmechanismus im Zentrum stehen wird. Frau Merkel wies Forderungen nach gemeinsamen Staatsanleihen der Euro-Länder, wie Luxemburg sie anregt, und einer Erhöhung des Euro-Rettungsschirmes, wie von Belgien vorgeschlagen, zurück. „Die EU-Verträge lassen keine Euro-Bonds und keine einheitlichen Zinssätze zu“, sagte sie nach dem Gespräch mit Tusk im Kanzleramt. Es würde auch ein Wettbewerbselement entfallen. Tusk deutete an, dass beide Seiten noch keine Lösung in der Frage gefunden hätten, ob Rentenzahlungen, wie von Warschau gefordert, aus dem Haushalt herausgerechnet werden können, um die Kriterien des Stabilitätspaktes zu erfüllen. [LW-1]Frau Merkel sicherte Tusk zu, dass die im Bau befindliche Gaspipeline durch die Ostsee nicht die Zufahrt zum Hafen in Swinemünde stören dürfe. Es müsse rechtliche Klarheit herrschen, dass eine spätere Erweiterung des Hafens nicht von der Nord stream-Pipeline behindert werde. Tusk sagte, er wolle den Eindruck vermeiden, dass Polen ständig klage. Es gebe Fortschritte in dieser Frage.

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