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Westdeutsche AfD-Politiker : Geliebter Anführer aus dem Lager des Feindes

  • -Aktualisiert am

Ein Anhänger der AfD demonstriert mit zwei Fotos, wen er unterstützt: Björn Höcke Bild: dpa

Prominente Wortführer der AfD und ihrer Anhängerschaft im Osten sind Westdeutsche – unter ihnen auch Björn Höcke und Andreas Kalbitz. Das schadet nicht nur nicht, es nützt sogar.

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          Das jüngste Beispiel ist Hans-Georg Maaßen. Der mit großem Radau aus dem Amt des obersten deutschen Verfassungshüters ausgeschiedene CDU-Mann tourt gerade durch Sachsen, um der CDU zu helfen vor der Landtagswahl Anfang September. Zugejubelt wird ihm auch von der AfD. Maaßen gilt dort als  jemand, der sich auszusprechen traut, was man in Deutschland schon nicht mehr sagen dürfe. Ein Befreier. Geboren allerdings in Mönchengladbach – westlicher geht‘s kaum – und ausgestattet mit einer westdeutschen Verwaltungslaufbahn der Spitzenklasse.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Auch Björn Höcke wird von vielen im Osten als Befreier angesehen. Bei der Landtagswahl in Thüringen hat er gute Chancen, mit seiner AfD bestens abzuschneiden. Höcke wurde in Lünen geboren. Auch er ist als Wessi großgeworden. Nicht anders Andreas Kalbitz, der als AfD-Spitzenkandidat bei der Brandenburger Landtagswahl Ende Oktober ebenfalls ein sehr gutes Ergebnis erwarten kann. Kalbitz wurde 1972 in München geboren, auch er ist ein Westdeutscher. Selbst der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland, der sich seit Jahren von Brandenburg aus als Rächer der Entrechteten und Unterdrückten gerade in Ostdeutschland inszeniert, hat eine jahrzehntelange Sozialisation in Westdeutschland hinter sich, war vierzig Jahre CDU-Mitglied. Immerhin ist er in Chemnitz geboren. Als junger Mann flüchtete er in die Bundesrepublik.

          Angela Merkel wird „Verrat“ vorgeworfen

          Doch man muss gar nicht in den engen Windungen der ostdeutschen AfD und ihrer Wählerschaft bleiben, um das Phänomen zu finden, dass Menschen, die sich für unterdrückt halten, Anführern zujubeln, die nicht aus ihrem geographischen oder sozialen Umfeld stammen. Das gibt es sogar im ganz großen Maßstab. Der amerikanische Präsident Donald Trump, ein New Yorker Bau-Milliardär, ist zum Helden jener Amerikaner geworden, die sich abgehängt und entrechtet fühlen.

          Umgekehrte Beispiele gibt es ebenso. Angela Merkel wurde zwar in Hamburg geboren, hat jedoch die ersten drei Jahrzehnte ihres Lebens in der DDR verbracht und wurde da sozialisiert. Sollte man nicht meinen, dass man im Osten  besonders stolz auf die Bundeskanzlerin wäre? Selbst wenn das viele Ostdeutsche sein mögen: Gerade aus Ostdeutschland schlägt Merkel auch eine Verachtung entgegen, die gelegentlich Züge von Hass zu haben scheint. Ihr wird „Verrat“ vorgeworfen, vor allem deswegen, weil sie von höchster Warte aus die Werte vertritt, die ein Teil ihrer ostdeutschen Landsleute kritisch betrachtet. Etwa die europäische Einigung oder eine großzügige Asylpolitik. In einer weniger aggressiven Form musste das der ebenfalls aus dem Osten stammende einstige Bundespräsident Joachim Gauck erfahren.

          Empfindungen dieser Art sind nicht so erstaunlich, wie es zunächst den Eindruck haben mag. Natürlich freut sich jede Gruppe, jedes Gemeinwesen, wenn jemand aus den eigenen Reihen im Kampf gegen den bloß so empfundenen oder tatsächlichen Feind die Anführerschaft übernimmt und erfolgreich ist. Der noch größere Triumph ist es allerdings, wenn jemand aus dem Lager des Gegners gewonnen werden kann, der sich tatsächlich oder vermeintlich von diesem abgewandt hat. Dessen Kritik an dem Gefüge, in dem er selbst jahrzehntelang gelebt hat, scheint besonders  glaubwürdig. Ob sie ehrlich gemeint ist oder nur taktischen Charakter hat, spielt dabei oft keine Rolle.

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