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Ein Wissenschaftler erklärt : Wieso Bundeswehr und Polizei für Rechtsextreme attraktiv sind

  • -Aktualisiert am

Die Bundeswehr als Arbeitgeber ist auch für Personen mit rechtsextremeren Tendenzen reizvoll. Bild: dpa

Das rechtsextreme Netzwerk bei der Frankfurter Polizei erinnert an ähnliche Vorfälle in der Bundeswehr. Sozialwissenschaftler Jan Schedler spricht im FAZ.NET-Interview über Überschneidungen und Unterschiede.

          Herr Schedler, bei der Polizei und Bundeswehr werden immer mehr rechtsextremistische Fälle bekannt. Ist das Zufall oder gibt es bei diesen Berufsgruppen Parallelen?

          Beide Arbeitgeber ziehen stärker als andere Personen mit eher autoritären Gesellschafts- und Ordnungsvorstellungen an. Doch diese Prägung und Bestärkung kann unterschiedlich verlaufen.

          Inwiefern?

          Polizisten werden auch durch ihre tägliche Arbeit geprägt, da sie in ihrem Berufsalltag oftmals stark mit gesellschaftlichen Problemen konfrontiert werden. Diese Begegnungen und Ohnmachtserfahrungen können mitunter auch zu Frustration führen und Polizisten mit autoritären oder auch rechtsextremistischen Ansichten bestärken. Was die Bundeswehr betrifft, so gibt es in der extremen Rechten grundsätzlich eine große Affinität zum Militär und zu Waffen, weshalb die Bundeswehr für diese attraktiv ist. Im Beruf können dann vor allem autoritäre Strukturen und traditionelle Vorstellungen die Soldaten mit entsprechenden Tendenzen weiter beeinflussen.

          Sind solche Entwicklungen in der Polizei und Bundeswehr häufig oder wirkt das nur so, da die entsprechenden Vorfälle skandalisiert werden?

          In der Tat wird nun stärker auf solche Vorfälle geachtet. Dennoch gibt es in beiden Berufsgruppen in den vergangenen Jahrzehnten so viele Beispiele wie Sand am Meer. Durch verschärfte Bestrebungen des Verteidigungsministeriums wurden seit 2008 ja fast 200 Fälle von Rechtsextremen aufgedeckt, die dann entlassen wurden. Klar ist aber auch: Was wir jetzt etwa bei der Frankfurter Polizei oder im Fall des Bundeswehrsoldaten Franco A. 2017 gesehen haben, sind auch Folgen einer Radikalisierung des migrationspolitischen Diskurses seit den Jahren 2015 und 2016.

          Ist wegen der Flüchtlingsthematik rechtsextremes Gedankengut auch mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

          Nicht durch gestiegene Geflüchtetenzahlen, sondern durch die Art und Weise, wie diese öffentlich diskutiert worden sind, sind rassistische Positionen legitimiert worden, ja. Heute werden auch durch die AfD oder Thilo Sarrazin Aussagen öffentlich getätigt, die früher eher durch die NPD verbreitet wurden, oder allemal beim Stammtisch ausgesprochen wurden. Die Entstehung solcher Netzwerke ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen.

          Wie muss künftig präventiv gegen die Entstehung solcher rechtsextremen Netzwerke in der Polizei vorgegangen werden?

          Zum einen braucht es einen Ansprechpartner außerhalb der Diensthierarchien, der Hinweisen nachgehen kann und über entsprechende Befugnisse verfügt. Zum anderen gilt es in der Ausbildung kritisch den bestehenden Korpsgeist zu bekämpfen. Heute wird der, der unrechtmäßiges Verhalten von Kollegen thematisiert oder gar öffentlich macht, nicht selten gemobbt. Zudem sollte die politische Bildung in Aus- und Weiterbildung gestärkt werden.

          Sollte nicht auch bei der Einstellung stärker auf die entsprechende Anschauung geachtet werden?

          Die Einstellungskriterien sind bereits heute recht streng. Auf der anderen Seite sucht die Polizei mehr Personal, bietet soziale Sicherheit, das birgt natürlich Konfliktpotenzial. Nichtsdestotrotz: wer einschlägig als Rechtsextremist aktenkundig ist, wird schon jetzt in der Regel nicht Polizist werden. Offen extrem rechte Polizisten, wie jetzt in Frankfurt, sind die Ausnahme. Problematisch ist vielmehr die weitaus größere Zahl von Beamten, die autoritäre Ordnungsvorstellungen verfolgen und rassistisch eingestellt sind.

          Ist das bei der Bundeswehr durch die Abschaffung der Wehrpflicht nicht ähnlich?

          Das stimmt, auch die Bundeswehr fährt große Kampagnen, um Personal zu rekrutieren. Aber insgesamt erachte ich es durch die Abschaffung der Wehrpflicht als etwas Gutes, wenn heutzutage nicht mehr eine breite Masse Erfahrungen mit Waffen macht. Erinnern wir uns an den NSU: Ein Teil der Täter hat den Umgang mit Waffen auch bei der Bundeswehr gelernt.

          Jan Schedler ist Sozialwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum und hat zur Radikalisierung des NSU promoviert.

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