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Wiedervereinigung : Die Wahrheit über die Treuhand sieht anders aus

  • -Aktualisiert am

1993: Geschäftsleute bei der Anmeldung in der Treuhand-Zentrale in Berlin Bild: dpa

Die Treuhandanstalt wird zum Sündenbock für viele Probleme der deutschen Vereinigung gemacht – dabei liegen die Ursachen viel tiefer.

          Ja, es sind viele Fehler gemacht worden bei der deutschen Vereinigung. Ökonomische Fehler, psychologische Fehler. Naivitäten und Unerfahrenheiten der DDR-Bürger wurden vielfach ausgenutzt. Und so mancher Betrieb, der hätte überleben können, blieb bei dem hohen Tempo der Transformation auf der Strecke. Und ja, praktisch über Nacht waren die Lebensleistungen vieler DDR-Bürger nichts mehr wert. Das wurde im Westen lange nicht verstanden und wirkt bis heute nach.

          Das ist alles richtig. Und richtig ist auch, dass nun, 30 Jahre nach dem Mauerfall, so heftig über diese Schatten der Wiedervereinigung gesprochen wird. Es ist sogar höchste Zeit. Denn noch sind die Zeitzeugen da, die sich befragen lassen. Die sagen können, wie es wirklich war. 

          Abermals in die Kritik geraten ist jetzt vor allem die Arbeit der 1990 gegründeten Treuhandanstalt, die über 8000 ehemals volkseigene Betriebe der DDR privatisieren oder stilllegen sollte. Ihr wird nun vorgeworfen, sie habe das heutige Ostdeutschland in den wirtschaftlichen Ruin getrieben, weil sie die Betriebe rücksichtslos verschachert oder geschlossen habe. Millionen Menschen seien durch diese Willkürakte in Arbeitslosigkeit geraten, DDR-Vermögen sei vernichtet worden. In einem bizarren Gleichklang fordern nun Linke und AfD einen Untersuchungsausschuss zur Treuhandanstalt.

          Die Wahrheit allerdings sieht etwas anders aus, als es dieses hübsche Narrativ, das sich in Wahlkampfzeiten gut vermarkten lässt, glauben machen will. Denn als die DDR zusammenbrach, hinterließ sie ein verheerendes ökonomisches Erbe. Die überwältigende Mehrheit der Betriebe war nicht ansatzweise in der Lage, der marktwirtschaftlichen Konkurrenz Stand zu halten.

          In der DDR gab es keinen Konkurrenzdruck

          Warum? Weil sie, unabhängig von der Produktqualität, schon intern nicht nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen geführt wurden. Ein Rechnungswesen oder Controlling fehlte oft gänzlich oder es war bestenfalls mangelhaft. Betriebsleiter wussten nicht, an welcher Stelle im Produktionsprozess welche Kosten entstanden. Eine hohe Fertigungstiefe, also die eigene Herstellung der Komponenten für ein Produkt, wurden als Ausweis der eigenen Leistungskraft gesehen – dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Erst in hohen Stückzahlen lässt sich günstig produzieren. Da aber die Lieferketten nicht funktionierten, wurde vieles selbst gemacht. Das war zwar bewundernswert, doch mit Effizienz hatte dies nichts zu tun. Es gab in der DDR keinen Konkurrenzdruck, der Produkte verbessert hätte. Und es gab nicht einmal finanziellen Druck. Im Zweifel zahlte ein durchpolitisierter Staat, der nicht fragte, wo genau die Probleme herkamen. 

          Natürlich fiel auch den Beschäftigten in der DDR auf, dass hier etwas nicht stimmte. Das hatte im Übrigen nichts mit Sozialismus oder Kapitalismus zu tun. Denn niemand mag seine Arbeitskraft an eine Organisation verschwenden, die schlecht ist und unfähig zur Reform. Nur: In den Betrieben gab es keine Diskussionskultur über Missstände, über Ineffizienz, schlechte Manager oder besser: Kader. Wer kritisierte, war ein Gegner des Systems oder noch schlimmer, ein Agent des Westens.

          Die Parole „Keine Fehlerdiskussion“, 1956 ausgegeben von Walter Ulbricht, galt auch in den Betrieben. Stattdessen mussten Pläne erfüllt bzw. übererfüllt werden, egal wie sinnvoll diese auch immer waren. Die Menschen flüchteten sich in Fatalismus, der dann diesen traurig-berühmten Witz zeitigte, der überall im sozialistischen Lager kursierte: „Ihr da oben tut so, als würdet ihr uns bezahlen, und wir tun so, als würden wir arbeiten.“

          Die Ursache der Probleme lag nicht in der Treuhand

          Für die Leipziger Messe, dem Schaufenster für den Westen, wurden all diese Fehler übertüncht. Und die Besucher aus dem Westen ließen sich gerne täuschen. In manchen Ranglisten globaler Leistungskraft tauchte die DDR sogar ziemlich weit vorne auf, stets vor Spanien, manchmal gar vor Italien und England. Doch was sagt eine Wirtschaftsleistung pro Einwohner aus, wenn diese Wirtschaft an den Bedürfnissen der Menschen vorbei produziert? 

          Das war das Bild, das die Mitarbeiter der Treuhand – übrigens mitnichten nur Westdeutsche, sondern vor allem Menschen aus der DDR – 1990 vorfanden. Getrieben von der Einführung der D-Mark, welche die Abwanderung stoppen sollte, aber gleichzeitig Produkte und Löhne im Osten gegenüber der Konkurrenz massiv verteuerte, musste die Treuhand eine Herkulesaufgabe bewältigen. Gab es dabei Glücksritter, verkrachte Existenzen, die auf den Einheitszug aufsprangen und direkt Kriminelle? Selbstverständlich. Aber es gab noch viel mehr Menschen, die es ehrlich meinten und sich mit Leidenschaft in die Arbeit knieten. 

          30 Jahre später die Treuhand zum Sündenbock zu machen verdreht die Kausalkette. Die Ursache der Probleme lag in allererster Linie in der falschen und schwerfälligen Wirtschaftsstruktur der DDR, in der Bürokratisierung und in der Ideologisierung der Betriebe. Ja, Polen, die ehemalige Tschechoslowakei oder Ungarn hatten es besser, weil sie mehr Zeit hatten und eine eigene Währung. Aber Deutschland war ein geteiltes Land und die politische Großwetterlage konnte sich jeden Moment wieder ändern. Also kam sie blitzschnell: Die Vereinigung, die D-Mark, die automatische Mitgliedschaft in Nato und Europäischer Union. Das ist, unterm Strich, keine ganz schlechte Bilanz. 

          Markus Ziener hat als Korrespondent für verschiedene Medien aus Warschau, Moskau, dem Mittleren Osten und Washington berichtet. Heute ist er Professor für Journalismus an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Berlin.

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