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Kommentar zur Autofahrernation : Wie würde Jesus fahren?

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Was wäre eine motorisierte Entsprechung zum hybriden Esel, mit dem Jesus durch die Straßen Jerusalems ritt: vielleicht ein E-Bike? Bild: Ralf Hirschberger/ZB/dpa

Die Deutschen sind eine Autofahrernation und vergessen hinter dem Steuer alle Regeln des guten Benehmens. Darin hätte Jesus uns bestimmt einiges voraus gehabt – aber welches wäre das Gefährt seiner Wahl gewesen?

          Der Ort, an dem erstaunlich viele Menschen ihre Glaubensgrundsätze leichtfertig über den Haufen werfen, ist nicht das Darknet, auch nicht der Darkroom und nicht die Börse. Es ist das Auto. Nirgendwo hören Kinder ihre Väter und Mütter, ihre Omas und Opas so fluchen wie im Auto.

          Nirgendwo sonst wird sich so selbstverständlich über Regeln des Anstands wie der Geschwindigkeit hinweggesetzt. Niemand würde auf dem Bürgersteig auf die Idee kommen, seinem Vordermann in den Nacken zu pusten, dann „Buh“ zu brüllen, um ihm dann, wenn er vor Schreck zur Seite springt, noch mit dem Ellenbogen zu drohen.

          Im Auto brechen wir Gebote, die wir außerhalb in der Regel einhalten. Wir erheben uns dort schneller als anderswo zum Richter über andere (Verstoß gegen das erste Gebot), wir fluchen im Namen des Herrn (Verstoß gegen das zweite Gebot), wir biegen uns die Regeln zurecht (falsch Zeugnis reden wider den Nächsten verletzt das achte Gebot) und lassen dem Sozialneid freien Lauf (Bruch des zehnten Gebots). Warum ist das so? Vielleicht ist es eine Gewohnheit geworden, eine betriebsbedingte Störung des Sozialverhaltens sozusagen.

          Der Deutsche und sein Auto

          Deutschland hat das viertlängste Autobahnnetz der Welt. Und eines der ältesten. Wir sind eine Autofahrernation, so wie die Venezianer früher ein Seefahrerstaat waren. Es ist nicht genau überliefert, wie die Venezianer sich auf ihren Schiffen benommen haben. Doch ihr Erfolg ist bis heute sichtbar geblieben.

          Auch uns sieht man den Erfolg an. Zu einem erfolgreichen Leben gehört ein Auto für die meisten von uns unbedingt dazu. Die Marke unseres Autos erzählt viel über unseren sozialen Status. Und den meisten Deutschen ist bewusst, dass wir unseren Reichtum nicht zuletzt der Produktion und dem Export von Autos in die ganze Welt verdanken. Wir leben davon. Das Auto ist die zweite Haut der Deutschen.

          Die Seefahrer haben damals christliche Symbole mit an Bord genommen, um sich gegen die Unwägbarkeiten des Meeres zu schützen. Heute denken wir, gegen die Unwägbarkeiten der Strecke durch Technik geschützt zu sein. Jesus haben wir nicht dabei. Aber vielleicht sollten wir uns mal wieder fragen, was er zum Auto zu sagen hätte? Schließlich war er kein Konsumverweigerer, für Exportprodukte hat er sich durchaus interessiert.

          In Galiläa war das der Wein. Als auf der Hochzeit in Kana der Wein alle war, bat Maria Jesus, zu helfen. Zunächst maulte er zwar, doch dann besorgte er den Wein – und der war auch noch ausgesprochen gut. Jesus hatte Sinn für Qualität, und daher könnte man sich doch einmal fragen, welches Auto er wohl gefahren hätte?

          Wie fährt der Sohn Gottes?

          Ein Familienmensch war er nicht, ein Renault Kangoo oder ein Volvo wäre für ihn nicht in Frage gekommen. Er hätte sich auch keinen Mini mit seiner Mutter geteilt. In einem Tesla wäre er dagegen zur Ruhe und zum Gebet gekommen. Und per Handzeichen hätte er ihn eingeparkt. Für Ausflüge mit seinen Jüngern wäre ein VW Multivan praktisch gewesen. Entkommen wäre er ihnen mit einer Carsharing-App.

          Und experimentierfreudig war er auch, sonst wäre er hoch zu Roß und nicht auf einem jungen Esel durch Jerusalems Straßen geritten. Was wäre nun eine motorisierte Entsprechung zum hybriden Esel: vielleicht ein E-Bike? Ganz sicher hätte Jesus Fahrradfahrer als gleichwertige Verkehrsteilnehmer betrachtet. Und er hätte sich gewundert, warum die Leute im Autoland so gern Rad fahren. Freiwillig Fahrradfahren wäre ihm allerdings so absurd erschienen wie freiwillig auf einem Esel zu reiten. Außer man hat eine Botschaft zu verkünden.

          Doch vor allem liebte Jesus die Menschen und war neugierig auf sie. Man kann ihn sich gut als Taxifahrer vorstellen – da lernt man die Menschen kennen. Und die Leute auf der Rückbank hätten ihm von ihren Auto-Nöten erzählt, von existentiellen Sorgen: von der Angst, das Auto verkaufen zu müssen, von der Angst, nicht mehr schnell fahren zu dürfen, und von der Angst, die Luft zu verpesten.

          Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

          Jesus hätte sie nicht eingeteilt in Raser, Pendler oder Klimaspinner. Er hätte ihnen das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erzählt. Ein Gutsbesitzer schickt morgens Arbeiter in seinen Weinberg und vereinbart mit ihnen als Lohn ein Silberstück. Mittags stellt er wieder Arbeiter ein – für den gleichen Lohn.

          Er stellt sogar noch die letzten Arbeitssuchenden ein, die abends noch keinen Job für den Tag gefunden hatten. Auch sie bekommen am Ende des Tages ein Silberstück. Davon konnte eine Familie für einen Tag ernährt werden. Aber die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, sind jetzt unzufrieden.

          Sie wollen mehr bekommen als die anderen. Das Gleichnis schließt mit dem bekannten Satz, dass die Letzten die Ersten sein werden, denn die, welche nur eine Stunde gearbeitet haben, bekommen ihr Silberstück zuerst ausbezahlt. Davor aber fragt der Gutsbesitzer die Unzufriedenen: „Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“

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