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Bundesversammlung wählt : Kann Steinmeier in Krisenzeiten ein guter Bundespräsident sein?

Steinmeier verkörpert diese Republik. Er steht für die politische Klasse dieses Landes. Bild: Getty

Frank-Walter Steinmeier will heute Nachfolger von Bundespräsident Gauck werden. Er möchte ein Anti-Polarisierer sein. Im Gespräch mit Bürgern geht er auf. Kann er in unruhigen Zeiten Leute für die Demokratie begeistern?

          Vor mehr als sechs Jahren wurde Frank-Walter Steinmeier zum Held der bunten Blätter. Im August 2010 verkündete der damalige Oppositionschef im Bundestag, dass er seiner kranken Frau eine Niere spende und sich deshalb einige Wochen aus der Politik zurückziehe. Steinmeier stand plötzlich in „Bild“, „Bunte“, Funk und Fernsehen für Liebe, Selbstaufopferung und die Überzeugung, dass es im Leben wichtigere Dinge gibt als den Job, Macht und Politik. Den Wirbel, den die Medien um die Organverpflanzung machten, genoss Steinmeier, auch wenn er ihm teils zu viel war. Die Geschichte war auch deshalb besonders, weil sie von einem Politiker handelte, der zwar beliebt war, dessen Glamourfaktor aber bei null lag. Auf einmal rührte der Politikverwalter die Herzen der Deutschen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          An diesem Sonntag wird Steinmeier zum Bundespräsidenten gewählt. Für ihn stimmen werden alle politischen Kräfte außer der Linkspartei, der AfD, den Piraten und den Freien Wählern, die eigene Kandidaten aufgestellt haben. Eine große Koalition der westlichen Werte wird ihm die Mehrheit verleihen. Steinmeier war zweimal Außenminister in Regierungen Merkels. Er war Kanzlerkandidat der SPD. Er war zuvor Chef des Kanzleramts unter Gerhard Schröder. Kaum ein anderer Bundespräsident hatte eine solche politische Erfahrung wie der 61 Jahre alte Sohn eines Tischlers aus einer streng protestantischen Familie im Kreis Lippe.

          Steinmeier steht für politische Klasse

          Steinmeier verkörpert diese Republik. Mit politischem Radikalismus hatte er nie etwas am Hut, seine wilde Jugend erschöpfte sich in den braven Aktivitäten einer Juso-Hochschulgruppe in Gießen. Zuvor spielte er im rechten Mittelfeld beim TUS 08 Brakelsiek, seinem Heimatverein in einem Tausend-Seelen-Dorf bei Detmold, auch als letzter Mann in der Verteidigung. Als Fußballer war er überall einsetzbar, aber ohne Offensivdrang. Einen Einschnitt in seinem Leben gab es, als er im Alter von 24 Jahren wegen einer Augenerkrankung operiert werden musste. Ihm wurde die Hornhaut eines Organspenders transplantiert, um ein Erblinden zu verhindern. Die belastende Operation ließ Steinmeier über Nacht zum Weißhaupt werden.

          Steinmeier steht für die politische Klasse dieses Landes. Einer seiner Vorgänger, Horst Köhler, scheiterte auch daran, dass er als Seiteneinsteiger niemanden in der Berliner Politik kannte. Steinmeier kennt alle. Sein Vorgänger, Joachim Gauck, war das Gegenteil von ihm, fleischgewordenes Anti-Establishment. Gauck, der nie in einer Partei Karriere machte, ließ sich aber nie dazu hinreißen, sich gegen die Politik, gegen die Parteien zu stellen. Steinmeier wird das erst recht nicht tun.

          Frei machen von politischen Zwängen

          Er wird als Bundespräsident erklären, warum Parteien, ihr Streit und das Finden politischer Kompromisse gut und wertvoll sind. Anders als Gauck, der unbedarft in sein Amt ging, weiß er, welche Botschaft wie ausgenutzt, welcher Satz gefährlich werden kann. Gauck musste das erst lernen. Als Redner bewies er immer wieder Mut, wenn er auch bei Auftritten im Ausland für die Demokratie warb und dabei Herrscher wie Erdogan oder Putin mehr oder weniger direkt kritisierte. Seine politische Unerfahrenheit gab Gauck die Kraft, die Möglichkeiten des Amtes bis an die Grenzen der Diplomatie auszuweiten. Steinmeier liegt das nicht. Doch auch er wird sich freier machen von den Zwängen des politischen Geschäfts.

          Mit Gauck und dessen Lebenspartnerin Daniela Schadt hat sich Steinmeier zusammen mit seiner Frau schon vor Wochen mehrfach getroffen, über die Erfahrungen im Amt gesprochen. Am 18.März werden Gauck und Steinmeier bei einem symbolischen Treffen die Amtsgeschäfte übergeben, wohl im Rahmen einer Teestunde im Schloss Bellevue. Sie haben in den vergangenen Jahren einen guten Draht zueinander gehabt.

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