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Sachsen sucht den Superbaum : „Wenn wir jetzt nichts tun, erleben wir die Entwaldung des Landes“

  • -Aktualisiert am

Hitze und Dürre haben dem Wald in den vergangenen Jahren zugesetzt – nicht nur in Sachsen. Bild: Wolfgang Eilmes

Deutschlands Wald geht es so schlecht wie nie – in Sachsen pflanzen Förster jetzt schon ausländische Arten an. Die Situation ist so ernst, dass sich inzwischen auch ranghohe Politiker mit dem Thema beschäftigen.

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          Wenn Sachsens Landesforstpräsident Utz Hempfling auf die Lage „seines“ Waldes angesprochen wird, dann zieht er in seinem Amtssitz in Graupa bei Dresden ein Blatt Papier mit einer Grafik aus einem Stapel Akten. Vertikal zeigen grüne Balken die Menge des Holzes in Kubikmetern an, das von Borkenkäfern befallen ist; horizontal werden die Jahre abgetragen, beginnend mit 1946.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Seitdem zeichnet das Land Sachsen jährlich auf, wie es dem Wald geht. Ganz links sticht das Jahr 1947 heraus, 300.000 Kubikmeter Holz vernichteten die Borkenkäfer damals. Weil das Schadholz nicht aus dem Wald geholt wurde, vermehrten sich die Käfer umso stärker. Danach hatte der Forst die Lage bis zur Jahrtausendwende im Griff, der Befall war minimal.

          Erst nach dem trockenen Sommer 2003 gab es wieder sichtbare Ausschläge nach oben. Im vergangenen Jahr sah die Sache noch viel schlimmer aus, 850.000 Kubikmeter Schadholz. Doch auch das ist noch nichts gegen die Prognose für dieses Jahr, die auf der Grafik gar keinen Platz mehr hätte. Mehr als eine Million Kubikmeter sollen es bis zum Jahresende sein, der Balken würde weit über den Blattrand hinaus reichen.

          „Die Tiere profitieren enorm von Wärme und Trockenheit“

          „Wir rechnen in diesem Jahr in Sachsen mit der größten Menge an Schadholz seit Beginn der Aufzeichnungen“, sagt Hempfling. „In den Wäldern sehen wir Schäden von bislang unbekanntem Ausmaß.“ Die Gründe dafür sind vielfältig, doch kommen gerade in Sachsen wie auch in den Nachbarländern Thüringen und Sachsen-Anhalt derzeit ein paar ungünstige Umstände zusammen. Die wohl verheerendsten tragen die Namen „Friederike“, „Herwart“, „Fabienne“ und „Eberhard“ – es sind die Herbst- und Frühjahrsstürme der vergangenen zwei Jahre, die vor allem in Mitteldeutschlands Wäldern großflächig verwüstete Gebiete hinterließen. Zudem habe es in diesem Jahr viel Schneebruch gegeben, sagt Hempfling. Jetzt wiederum sehe man schon den zweiten außergewöhnlich trockenen Sommer in Folge. Und als wäre der Schaden nicht schon groß genug, führt all das zu einem Festmahl für die Borkenkäfer. „Die Tiere profitieren enorm von Wärme und Trockenheit“, sagt Hempfling. „Sie vermehren sich dann immer schneller.“

          Dem deutschen Wald geht es gar nicht gut.
          Dem deutschen Wald geht es gar nicht gut. : Bild: dpa

          Die Borkenkäferfallen, welche die Behörde im ganzen Land aufstellt, seien noch nie so voll gewesen wie in diesem Jahr. Auf den von den Stürmen gefällten Bäumen vermehren sich die robusten Käfer und befallen dann gesunde Bäume. Die „Buchdrucker“ genannte Art des Borkenkäfers zieht es vor allem in die Baumstämme, bevorzugt von Fichten; die „Kupferstecher“ wiederum in deren Kronen. Die Bäume hätten dann praktisch keine Chance mehr. „Sie sterben binnen weniger Wochen ab“, sagt Hempfling.

          Auf einem Blatt Papier malt er auf, wie sich die Tiere zwischen Rinde und Holz kleine Gänge bohren und so die Wurzeln von der Versorgung mit durch Photosynthese in der Krone gebildetem Zucker abschneiden. „Wir haben es mit einer noch nie dagewesenen Anzahl an Borkenkäfern zu tun.“ Hempflings Behörde arbeitet mit Hochdruck daran, die befallenen Bäume aus den Wäldern zu holen, doch stößt sie dabei an personelle und technische Grenzen, auch weil bis auf den Norden Deutschlands fast alle Bundesländer mit ähnlichen Problemen kämpfen; Mitarbeiter und Technik seien kaum noch zu bekommen.

          Das Rätsel Kiefer

          Zur besonders vertrackten Lage in Sachsen trägt die – seinerzeit äußerst umstrittene – Entscheidung des vorletzten sächsischen Königs bei, den Landeswald auf Ertrag zu trimmen. So wurden vom Ende des 19. Jahrhunderts an große Flächen Mischwaldes vornehmlich in Fichten-Monokulturen umgewandelt. Das aber macht es heute nicht nur den Borkenkäfern einfach, vielmehr sterben wegen der zunehmenden Trockenheit ganze Fichten-Bestände im Tief- und Mittelland einfach ab und hinterlassen kahle Flächen. „Die Fichte ist ein Hochlagenbaum“, sagt Hempfling. Nur dort werden sie künftig überleben. Ein großes Rätsel bereitet den Förstern derzeit die Kiefer, von der nicht ganze Bestände, dafür aber vermehrt einzelne Bäume einfach absterben. Es sei ein sehr differenziertes Schadensbild. „Wir können nur vermuten, dass die zu hohen Temperaturen auch diese Baumart schädigen.“

          Schon in den neunziger Jahren hat Sachsen begonnen, seinen Wald umzubauen, weg von der Mono- wieder hin zu Mischkulturen, die widerstandsfähiger gegen Sturm und Erkrankung einzelner Arten sind. Doch die zunehmende Trockenheit zwingt das Land nun abermals zur Anpassung. „Die Lage ist so dramatisch, dass wir auch auf andere Baumarten zurückgreifen müssen“, sagt Hempfling. Gute Erfahrungen habe man mit aus dem Apennin stammenden Weißtannen sowie aus Nordamerika kommenden Douglasien und Roteichen gemacht; Letztere seien zudem im Herbst wegen ihrer intensiven Laubfärbung „sehr attraktiv fürs Landschaftsbild“, vor allem aber widerstandsfähig.

          Auch deshalb zieht Hempfling noch mehr florale Einwanderung in Erwägung. „Wenn das mit der Trockenheit so weitergeht, müssen wir über weitere fremdländische Arten beispielsweise aus dem Mittelmeerraum nachdenken“, sagt er und erwähnt etwa mediterrane Eichen. Schirmakazien dagegen seien, noch jedenfalls, kein Thema.

          Die Spuren des Borkenkäfers sind schädlich.
          Die Spuren des Borkenkäfers sind schädlich. : Bild: dpa

          Die Lage des Waldes ist so ernst, dass sich inzwischen auch die Politik damit beschäftigt. An diesem Donnerstag treffen sich die Forstminister von CDU und CSU in Moritzburg bei Dresden, vor allem um über Sofortmaßnahmen zu beraten. Bundesweit hätten Stürme, Dürre und Borkenkäfer bereits mehr als 100.000 Hektar Wald zerstört, sagt Sachsens Forstminister Thomas Schmidt, der seine Amtskollegen eingeladen hat. „Wenn wir den Wald noch retten wollen, müssen wir umfangreiche Maßnahmen einleiten, die uns enorme Anstrengungen abverlangen – auch finanziell.“

          In einer „Moritzburger Erklärung“, die am Ende des Treffens verabschiedet werden soll, fordern die Minister einen „Masterplan“ von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Ein Hauptbestandteil darin ist vor allem Geld für Förderprogramme auch für private Waldbesitzer, die sich wegen der stark gesunkenen Holzpreise die Beseitigung des Schadholzes nicht leisten können. Die Leistungsfähigkeit der meisten Betriebe sei längst überschritten, sagt Sachsens Forstchef Utz Hempfling und warnt: „Wenn wir jetzt nichts tun, erleben wir die Entwaldung des Landes.“

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