https://www.faz.net/-gpf-8jg2l

Türken in Berlin : „Erdogan wird nun nichts mehr halten“

  • -Aktualisiert am

Schon in der Nacht des Putschversuchs standen Demonstranten vor der türkischen Botschaft in Berlin. Bild: dpa

Der Putschversuch in der Türkei hat auch die türkische Gemeinde in Berlin in helle Aufregung versetzt. Hunderte stehen vor der türkischen Botschaft. Was sagen sie?

          2 Min.

          Den Menschen, die sich am Samstagnachmittag zu Hunderten vor der türkischen Botschaft in Berlin versammeln, ist eine große Erleichterung anzumerken. Sie schwenken türkische Fahnen und stimmen immer wieder „Türkiye, Allahu Ekber“-Sprechchöre an. „Wir sind für die Demokratie hier, für die Freiheit“, sagen sie und ziehen wiederholt den Vergleich zum ägyptischen Machthaber al-Sisi und seinem Regime. „Niemand will unter einer Militärregierung leben“, ruft eine aufgebrachte Demonstrantin, die wie viele andere ihren Namen nicht nennen will. „Es ist jetzt wichtig, dass Vorsichtsmaßnahmen eingeleitet und die Schuldigen bestraft werden“, sagt sie.

          Ihr Mann, der sich eine Fahne um die Schultern gebunden hat, pflichtet ihr bei, sichtlich froh darüber, dass der Putsch innerhalb so kurzer Zeit vereitelt werden konnte. „Seit 13 Jahren läuft es perfekt in unserem Land“, sagt er und meint die 13 Jahre, in denen Recep Tayyip Erdogan das Land regiert. Der türkische Präsident ist auch hier allgegenwärtig, sein Porträt findet sich auf Plakaten, vereinzelt sogar auf T-Shirts und Mützen. Den Hauptverantwortlichen des Putschversuchs sehen die Demonstranten im Prediger Fethullah Gülen, den auch Erdoğan und weitere Regierungsvertreter bereits beschuldigt haben.

          „Vielleicht haben die schlimmen Dingen, die passiert sind, aber auch ihr Gutes“, sagt Ahmet E.. Der 45-Jährige verfolgt die Kundgebung von den hinteren Reihen aus. „Möglicherweise bringt das die Menschen in der Türkei sogar näher zusammen.“ Denn noch am Freitagabend, als Armeeeinheiten das Kriegsrecht ausgerufen und eine Ausgangssperre verhängt hatten, stellten sich auch die Oppositionsparteien gegen das Militär und verurteilten den Putschversuch. Ein Teil seiner Familie stehe mehr auf der Seite der Regierungspartei AKP, der andere Teil mehr auf der Seite der kemalistischen Oppositionspartei CHP, sagt Ahmet E. „Ich finde es wichtig, dass es auch Regierungskritiker gibt, solange sie legale Wege gehen.“ Die Türkei werde stärker aus der Geschichte hervorgehen, ist er sich sicher.

          „Es wird eine dunkle Zeit auf uns zukommen“

          Für andere ist gerade das kein schöner Gedanke. „Erdogan wird nun nichts mehr halten“, befürchten Bülent D. und Okan Y., die am Mittag in einer türkischen Buchhandlung am Kottbusser Tor über die Ereignisse der vergangenen Nacht diskutieren. „Die Opposition beginnt sich ja bereits aufzulösen“, sagt Bülent D. Nun habe der Präsident mit seinen Gegnern im Militär, mit den festgesetzten Generälen, Obersten und Richtern ein weiteres Hindernis überwunden. „Er hat es geschafft, sich wieder in der Opferrolle darzustellen und seine Anhänger zu mobilisieren, sie trotz Ausgangssperre auf die Straße zu bringen.“ Die AKP werde wohl weiter an Zuspruch gewinnen, sind sich Bülent D. und Okan Y. einig, und Erdogan die günstige Gelegenheit nutzen, um sein Präsidialsystem durchzusetzen. „Es wird eine dunkle, undemokratische Zeit auf uns zukommen.“

          Dass der Putschversuch noch viel weniger mit Demokratie zu tun hatte, das sehen die beiden natürlich ein. „Keiner will das Militär an der Macht, das haben wir 1960, 1971 und 1980 schon dreimal erlebt“, sagt Bülent D. Seltsam erscheint ihm dennoch die Art und Weise, wann und wie es die Putschisten versuchten. „Sie haben ihre Aktion überhaupt nicht durchdacht. Das war dilettantisch“, sagt er, „so amateuerhaft, dass es vielleicht sogar eine Inszenierung war.“

          Künftig wohl noch weniger Touristen

          Eine Inszenierung, um das Militär säubern und mit regierungstreuem Personal besetzen zu können? So weit würden die Männer im türkischen Reisebüro nebenan nicht gehen, doch auch ihnen kommt so manches komisch vor. Fest steht für sie, dass Erdogan davon profitieren wird. „Das ist für ihn wie sechs Richtige im Lotto“, sagt Battal, auch er will seinen Nachnamen nicht nennen. Für die Tourismusbranche, sagt er, gehe es jetzt natürlich noch weiter bergab. Wer bereise schon ein Land, in dem die politische Lage so instabil ist. Immerhin: der Putsch ist gescheitert. „Wäre er erfolgreich gewesen, hätte alles noch schlimmer werden können.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Warten auf Gäste: Türkische Taxifahrer an der syrisch-türkischen Grenze in Kilis im September 2019

          Flüchtlinge in der Türkei : Wer soll das bezahlen?

          Immer wieder weist der türkische Präsident Erdogan auf die hohen Ausgaben für die syrischen Flüchtlinge in seinem Land hin. Wie viel Geld steht der Türkei tatsächlich zur Verfügung?
          Von wegen sibirische Kälte: So weichen die mittleren Temperaturen im bisherigen Januar 2020 vom Mittelwert 1981 bis 2010 ab.

          Kalte Jahreszeit : Winterhitze

          Vergangene Woche war es zwar endlich etwas kälter, doch mit einem richtigen Winter wird es in diesem Jahr wohl nichts mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.