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Künftiger Agrarminister : Wie kommt Özdemir auf dem Bauernmarkt an?

Der Gemüsestand Melzer auf dem Wochenmarkt auf dem Stephansplatz in Hannover am Freitag Bild: Daniel Pilar

Die Reaktionen auf den künftigen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir fallen gemischt aus. Ein Einkauf auf einem Erzeugermarkt kurz nach der Entscheidung.

          2 Min.

          Nach der Entscheidung der Grünen für Cem Özdemir als künftigem Agrarminister stellte sich natürlich sofort die Frage, wie diese Nachricht von den Märkten aufgenommen wird.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Auf dem Südstädter Markt in Hannover war das Echo am Freitag einige Stunden nach Handelsbeginn verhalten: Fleischer Björn Meisner hatte auch noch gar keine Zeit, sich eingehender mit der Personalie zu beschäftigen; er musste ja zunächst seine Würste aus dem Landkreis Gifhorn in die Landeshauptstadt bringen.

          Özdemir ist Vegetarier

          Als Inhaber einer Fleischerei sollte er sich den künftigen Minister vielleicht trotzdem näher ansehen: Özdemir ist nämlich überzeugter Vegetarier. „Sein Problem“, sagt der Metzger dazu bloß knapp. Eine Umstellung auf Veggie-Produkte kommt für seinen Betrieb nie und nimmer in Frage. „Wir machen weiter dieselbe Wurst.“

          Der Fleischer Björn Meisner am Freitag in Hannover
          Der Fleischer Björn Meisner am Freitag in Hannover : Bild: Daniel Pilar

          Bauer Banse, der aus seiner Hofmolkerei in Wittingen unter anderem vorzüglichen Milchreis mitbringt, hat die neue Lage bereits eingehender analysiert. Er ist erleichtert darüber, dass sich die Grünen für Özdemir entschieden haben. „Das ist besser als Anton Hofreiter“, sagt Banse. „Denn sachliche Politik wird schwierig, wenn Ideologie dominiert. Da ist mir ein Realo wie Özdemir lieber.“

          Die Bio-Frage

          Wie viele andere Milchbauern blickt auch Banse mit Sorgen in die Zukunft. „Wir brauchen einen Systemwechsel, keine Frage.“ Aber deshalb auf Bio-Landwirtschaft umsteigen? Banse schreckt davor zurück. „Ich kenne Bio-Betriebe für Milch und Geflügel, die haben umgestellt, kriegen aber ihre Produkte nicht mehr los.“ Das liege nicht nur an der Politik, sondern auch an der Mentalität der Bevölkerung. „Erst schön bei Fridays for Future mitdemonstrieren, aber nachher beim Mäckes die Chicken Wings essen“, frotzelt Banse.

          Der Milchbauer Rainer Banse am Freitag in Hannover
          Der Milchbauer Rainer Banse am Freitag in Hannover : Bild: Daniel Pilar

          Dass mit Özdemir künftig nun ein Vegetarier das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft führt, stört den Milchbauern weniger. „Jeder nach seiner Façon. Der Mensch ist ein Allesfresser. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass wir alle Vegetarier sind, hätte er uns ein paar Mägen mehr gegeben. Und Özdemir ist intelligent genug, dass das keinen Einfluss hat.“

          Ebenfalls aus der Ortschaft Wittingen angereist ist Banses Kollege „Siggi“ Melzer, der auf dem Markt den konventionellen Ackerbau vertritt. An Melzers Stand gibt es sehr gute Kartoffeln aus eigenem Anbau, zudem überzeugt das Preis-/Leistungsverhältnis der Petersilie.

          Der Landwirt Siegfried Melzer am Freitag in Hannover
          Der Landwirt Siegfried Melzer am Freitag in Hannover : Bild: Daniel Pilar

          Auch mit Blick auf die künftige Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik rückt Melzer monetäre Fragen in den Mittelpunkt. Momentan bereiten ihm besonders die stark gestiegenen Preise für Dünger Sorgen – eine Folge der hohen Preise für Erdgas. „Es ist sicherlich insgesamt nicht verkehrt, nachhaltiger zu werden“, äußert der Landwirt, „aber dann müssen sich auch die Preise für Lebensmittel ändern“. Der Kartoffelbauer Melzer hätte sich statt des Außenpolitikers Özdemir zudem eher einen Fachpolitiker als Minister gewünscht.

          „Ich glaube, von Agrarpolitik hat Özdemir nicht so viel Ahnung“, pflichtet ihm Bio-Bäuerin Sonja Rabe vom „Rabengarten“ in Rodewald bei. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie den langjährigen Fachpolitiker Anton Hofreiter vom „Fundi“-Flügel der Partei lieber als Landwirtschaftsminister gesehen hätte. Denn die geplante Agrarwende der Grünen sieht sogar die Bio-Bäuerin kritisch.

          Sonja Rabe, Tierärztin und Inhaberin des Gemüsebaubetriebes „Rabengarten“, am Freitag in Hannover
          Sonja Rabe, Tierärztin und Inhaberin des Gemüsebaubetriebes „Rabengarten“, am Freitag in Hannover : Bild: Daniel Pilar

          „Meine armen konventionellen Kollegen tun mir jetzt schon ein bisschen leid“, sagt Rabe. „Sie bekommen immer mehr Auflagen, immer mehr Druck, null Wertschätzung – das ist nicht in Ordnung.“ Aus Solidarität hat Rabe auch auf ihren eigenen Feldern daher die grünen Kreuze der bäuerlichen Protestbewegung „Land schafft Verbindung“ aufgestellt.

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