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Hinweis auf Anschlagsplan : Wie kam es zur Absage des Länderspiels?

Kein Sprengstoff, keine Festnahmen

Auf den Heimweg machten sich auch die Teilnehmer einer interreligiösen Lichterkette in der Innenstadt. Abgesagt wurden auch ein Konzert des Saxophonisten Maceo Parker und eine Lesung von Helge Schneider, der in seinem Hotelzimmer später eine Mandarine schälen sollte. Die deutsche Nationalmannschaft, die sich von ihrem Quartier in Barsinghausen vor den Toren Hannovers bereits auf den Weg gemacht hatte, wurde an einen „sicheren Ort“, eine Polizeistation, gebracht.

Je leerer die Innenstadt von Minute zu Minute wurde, desto länger verzögerte sich die ursprünglich für 20.30 Uhr angekündigte Pressekonferenz der beiden Innenminister Pistorius und de Maizière. Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe, ein Vertrauter von Pistorius, äußerte derweil im Fernsehen, es gebe „konkrete Hinweise“ darauf, dass jemand einen „Sprengsatz“ im Stadion habe zünden wollen. Pistorius wird am Mittwoch äußern, diesen Satz würde Kluwe so nicht noch einmal sagen; er sei „durch nichts belegt“. Mit etwa einer Stunde Verspätung traten dann gegen 21.30 Uhr de Maizière und Pistorius vor die Kameras.

Es war derselbe Raum, in dem Pistorius am Tag die Austragung des Spiels ein „gesellschaftliches Zeichen“ genannt hatte. Dass kein Beleg für eine Terrorgefahr gefunden worden war, schienen die Minister zu diesem Zeitpunkt bereits zu wissen: Kein Sprengstoff, keine Festnahmen. Die Pressekonferenz machte so eher den Eindruck einer Rechtfertigung als einer Erklärung.

„Bitte um Vertrauensvorschuss“

De Maizière wollte keinerlei Auskünfte über Ursprung und Inhalt des entscheidenden Hinweises abgeben. „Ich bitte die deutsche Öffentlichkeit um einen Vertrauensvorschuss“, sagte er. Würde er alles offenlegen, könne zudem „ein Teil dieser Antworten die Bevölkerung verunsichern“. Auch über diesen Satz wird Pistorius am nächsten Morgen sagen, dass er ihn selbst nicht gesagt hätte.

Später am Abend gab es dann noch einmal Alarm am Hannoveraner Hauptbahnhof. In einem Intercity wurde ein verdächtiges Paket geborgen und vorsorglich gesprengt. In Hildesheim, einem Schwerpunkt gewaltbereiter Islamisten in Niedersachsen, gab es dann am Mittwochmorgen einen Polizeieinsatz. Einsatzkommandos überprüften eine den Behörden bekannte „Gefährdergruppe“. Ein Zusammenhang mit der Spielabsage bestehe nicht.

Am Mittwoch kamen in Mainz dann der Bundesinnenminister und der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) Holger Münch auf einer Tagung des BKA zusammen. Mit einer Gedenkminute wurde der Opfer von Paris gedacht. Die Bühne war in die Farben der französischen Nationalflagge getaucht. Eine Veranstaltung in Zeiten des Terrors.

Bedrohungslage „wirklich ernst“

Der Bundesinnenminister war angekündigt, aber seine Ankunft verzögerte sich, Kabinett und Sicherheitskabinett tagten in Berlin. An seiner Stelle rechtfertigte BKA-Chef Münch die Entscheidung, das Länderspiel abzusagen. Die Absage sei leider „unumgänglich gewesen“. Nach seinem Eintreffen sprach de Maizière selbst von „Hinweissplittern“ und einer „bitteren Entscheidung“, die einem „niemand abnehmen“ könne.

Dass er Hinweise dieser Art nicht mit der Öffentlichkeit diskutieren könne, bat de Maizière zu verstehen. Aus Gründen des Quellenschutzes, aber auch, um nicht die „Abwägungskriterien“ der Sicherheitsbehörden öffentlich zu machen und damit deren Handeln berechenbar zu machen. Dann führte der Minister aus, dass die Bedrohungslage in Deutschland „wirklich ernst“ sei.

Doch solle das Land nach den Anschlägen von Paris nicht wieder in die üblichen „Pawlowschen Reflexe“ verfallen: Dem sofortigen Ruf nach schärferen Sicherheitsgesetzen auf der einen und der Warnung vor denselben auf der anderen Seite. „Terrorismusbekämpfung braucht Geschlossenheit, und nicht Zwist.“ Und, fügte der Minister an, die jungen Menschen, die in die Fänge salafistischer Werber gerieten, dürfe man nicht verloren geben. „Sonst zahlen wir einen teuren Preis.“

Es berichten Reinhard Bingener, Reiner Burger, Eckart Lohse und Julian Staib

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