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Awo-Affäre : Alle Schleusen offen

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann äußerte sich am 12. Dezember im Römer zur Awo-Affäre Bild: Francois Klein

Führungskräfte der Arbeiterwohlfahrt in Hessen kassierten Traumgehälter und fuhren schicke Dienstwagen. Nicht nur die Staatsanwaltschaft will wissen: Woher kam das ganze Geld?

          5 Min.

          Unter dem Motto „Ein Herz für andere“ sammelt die Arbeiterwohlfahrt im Frankfurter Stadtteil Nied regelmäßig Geld für Bedürftige. Der Verband stiftet dort auch Schulranzen samt Inhalt für Kinder aus einkommensschwachen Familien. In Nied leben überdurchschnittlich viele von Sozialhilfe. Der Ortsverband der Arbeiterwohlfahrt ist der größte in der Stadt. Bei Spendenaktionen habe man sich schon gefreut, wenn mal jemand einen Fünf-Euro-Schein in den Korb geworfen habe, sagt Hauke Hummel, ein örtlicher Awo-Ehrenamtler. „Jetzt ist klar: Die Summen, die da zusammenkamen, waren für die Verbandsführung gerade mal das Tankgeld.“

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Mit viel Pomp feierte der Frankfurter Awo-Kreisverband vor kurzem sein hundertjähriges Bestehen in der Paulskirche. Wenige Wochen später ist fraglich, ob es ihn noch lange geben wird. Er könnte seine Gemeinnützigkeit verlieren; es drohen Rückzahlungen von Hunderttausenden Euro für die exorbitanten Gehälter, die sich eine Gruppe führender Awo-Vertreter offenbar gegenseitig zuschanzte. Ein Desaster für den Wohlfahrtsverband, der damit auch die Kommunalpolitik ins Wanken bringt.

          Der unklare Weg von 750.000 Euro

          Im Mittelpunkt der Affäre: Hannelore und Jürgen Richter. Ein Ehepaar, das über Jahrzehnte zwei benachbarte Awo-Kreisverbände führte. Die Frau jenen in Wiesbaden, wofür sie insgesamt 344.000 Euro Gehalt erhalten haben soll, der Mann jenen in Frankfurt mit ebenfalls mehr als 300.000 Euro Gehalt. Beide sollen zudem auch für den jeweils anderen Verband tätig gewesen sein, beide mischten bei dubiosen Tochterfirmen mit, und beide sollen bis zu 5000 Euro für die berufliche Nutzung ihrer Privatwagen erhalten haben, in seinem Fall offenbar ein Jaguar. Auch weitere Funktionäre der beiden Kreisverbände sollen hohe sechsstellige Summen kassiert und teure Fahrzeuge als Dienstwagen erhalten haben: die stellvertretende Frankfurter Awo-Geschäftsführerin etwa einen Audi mit 450PS.

          Die Awo-Kreisverbände aus Wiesbaden und Frankfurt wollen die hohen Gehälter mit Verweis auf laufende Prüfungen sowie den Datenschutz nicht bestätigen. Doch in beiden Städten fragen sich nun viele: Woher stammte all das Geld, und wie konnten die Strukturen so lange unentdeckt bleiben?

          Historisches Awo-Plakat aus Rheinland-Pfalz
          Historisches Awo-Plakat aus Rheinland-Pfalz : Bild: F.A.S.

          Der Frankfurter Kreisverband mit mehr als 1100 Mitarbeitern erhielt in den vergangenen fünf Jahren von der Stadt etwas mehr als 100 Millionen Euro, darunter Geld für die Flüchtlingshilfe, den Betrieb vieler Kindertagesstätten, das Quartiersmanagement, die Schulsozialarbeit. Der größte Batzen ging mit mehr als 44 Millionen Euro an die Kitas, ausgezahlt überwiegend in Form von Platzkostenpauschalen. Betrug in großem Umfang ist da kaum möglich.

          Auch im Sozialen, etwa in der Kinder- und Jugendarbeit, müssen Zuschüsse belegt werden. Ausgenommen davon sind die sogenannten Overhead-Kosten, die bekommt der Verband obendrauf – pauschal zehn Prozent der Personalkosten als Ausgleich etwa für die Verwaltung und die Geschäftsstelle. In den vergangenen fünf Jahren waren das insgesamt rund 750.000 Euro. Wohin die genau flossen, ist unklar. Pikanterweise wurde die pauschale Vergütung im Jahr 2000 in der Stadtverordnetenversammlung aufgrund einer Initiative beschlossen, die unter anderem von Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann von der SPD ausging, der selbst einst bei der Awo in leitender Position tätig war und gegen den es nun auch Vorwürfe in der Affäre gibt. Das habe damals „mehr als ein Geschmäckle“ gehabt, heißt es nun dazu aus der Awo.

          „Bis auf den letzten Cent zurückfordern“

          Die Overhead-Kosten hätten wohl für allerlei „Leckerli“ gereicht, später seien dann durch das Geld aus der Flüchtlingsarbeit bei der Awo-Führung „alle Schleusen geöffnet“ worden, sagt ein Awo-Mitglied. Für die Flüchtlingsarbeit erhielt der Frankfurter Kreisverband von der Stadt in den vergangenen fünf Jahren nach Angaben einer Sprecherin des Sozialdezernats mehr als 33 Millionen Euro. Das Geld soll nicht oder nicht in vollem Umfang dafür ausgegeben worden sein. Die Verträge laufen nicht mehr, die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug gegen führende Funktionäre.

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