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Zukunft der AfD : Reise ans Ende der Nacht

Danke, das war’s: Bernd Lucke und Frauke Petry nach deren Wahl zur AfD-Vorsitzenden Bild: Jakob von Siebenthal

Stets hatte Bernd Lucke die AfD gegen den Vorwurf verteidigt, Rechtspopulisten eine Heimat zu bieten. Nun wählten ihn eben diese ab – und die Gemäßigten warten auf sein Signal zum Parteiaustritt.

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          Diese ständigen Rechtsverdächtigungen. Wie leidig waren sie Bernd Lucke immer. Als er noch AfD-Vorsitzender war und im Winter 2013 von der ARD-Journalistin Anne Will befragt wurde, bekam Wills Redaktion nach der Sendung eine Ahnung von den Umgangsformen mancher AfD-Mitglieder. Eimerweise kamen pöbelnde Briefe, in denen die Moderatorin beleidigt wurde, als erfülle ihre Erdreistung, dem Messias der AfD kritische Fragen zu stellen, den Tatbestand der Majestätsbeleidigung.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Lucke sagte damals der Frankfurter Allgemeine Zeitung, er könne schon verstehen, „dass die Leute sich über diese ständigen Rechtsverdächtigungen empören“. Und wer könne schon sagen, ob es wirklich AfD-Mitglieder waren, die solche Briefe schrieben.

          Lucke kritisierte die Absender der Zuschriften dafür, sich zum Teil „erheblich im Ton vergriffen zu haben“. Seine Lösung: Er schrieb eine E-Mail an alle Mitglieder und bat um Zurückhaltung. „Seit ich dazu an unsere Mitglieder geschrieben habe, ist mir nichts Ähnliches mehr zu Ohren gekommen.“

          Hass aus den eigenen Reihen

          Heute würde Lucke diesen Satz so vielleicht nicht mehr sagen. Denn die Geschichte hat sich wiederholt, mit einer Wendung, die manche wohl als Ironie bezeichnen würden. Seit Monaten schon war es nicht mehr nur das, wie es im AfD-Jargon heißt, linksliberale Meinungskartell der öffentlich-rechtlichen Medien, das Rechtsverdächtigungen gegen AfD-Funktionäre aussprach. Es war Bernd Lucke selbst.

          Und ausgerechnet er, der 2013 nicht sicher sein wollte, ob Exemplare der Kategorie Hassbürger tatsächlich zu seiner Partei gehörten, bekam deren Politikstil am Wochenende selbst zu spüren. Es war nicht das erste Mal, dass Lucke in seinem Leben ausgebuht, als „Arschloch“ beschimpft und körperlich bedrängt wurde. Das hatte er bei Antifa-Aktionen während Wahlkampfauftritten schon des öfteren erlebt. Es war aber das erste Mal, dass sich der Hass von Mitgliedern seiner Partei gegen ihn und nur ihn richtete.

          Auf dem Weg zur Protestpartei

          Luckes Empörung darüber ist groß. Dass er verstehen könne, dass sich die AfD-Mitglieder auf dem Parteitag gegen die ständigen Rechtsverdächtigungen durch ihn, den Vorsitzenden, empörten, war von Lucke bisher nicht zu hören. Stattdessen schrieb der von Lucke gegründete Verein „Weckruf“ am Sonntagabend eine E-Mail an alle seine Unterstützer. Darin hieß es: „Wir haben auf diesem Parteitag einen Ungeist erlebt (...) Wir haben erleben müssen, wie die Rede von Bernd Lucke immer wieder im Stile der Antifa von Buhrufen und Pfiffen unterbrochen wurde. Wir haben teilweise Hass erlebt, den wir nie für möglich gehalten hätten.“

          Die AfD sei „auf dem Weg zu einer reinen Protestpartei“. Solche „Umgangsformen, die wir bislang nur aus den sozialen Netzwerken gekannt haben, haben wir jetzt in ihrer ganzen Destruktivität auf dem Parteitag selbst erleben müssen. Unter solchen Umständen sind sachlicher Meinungsaustausch und fruchtbringende Zusammenarbeit nicht möglich“, hieß es weiter.

          Mit Entgeisterung stellten die „Weckruf“-Vertreter fest, dass „frenetischen, manchmal johlenden Zuspruch“ erntete, wer auf dem Parteitag hetzerische Parolen gegen den Islam, gegen Zuwanderung, EU, Amerika oder gegen Russland-Sanktionen in den Saal rief. Nordrhein-Westfalens AfD-Landesvorsitzender Marcus Pretzell habe in seiner Rede „in demagogischer Weise niedere Instinkte bedient“ und sei „mit großem Gejohle gefeiert“ worden.

          Lieber beraten als neu gründen

          Der Kampf der Parteiflügel scheint seit dem Wochenende in gegenseitige Verachtung umgeschlagen zu sein. Im Vergleich zur E-Mail des „Weckrufs“ waren manche Kommentare von Politikern der „Altparteien“ (AfD-Jargon) zum Essener Parteitag geradezu liebevoll ausgefallen.

          Für den Montagabend war geplant, dass alle „Weckruf“-Unterstützer im Internet zwei Tage lang über ihr weiteres Vorgehen abstimmen. Drei Optionen werden vorgegeben. Erstens: Aus der AfD austreten und das eigene Scheitern anerkennen. Zweitens: Aus der AfD austreten und eine neue Partei auf Basis der AfD-Programmatik gründen. Drittens: In der AfD „überwintern“, wie es in der E-Mail heißt, „bis sich der Wind vielleicht dreht“.

          In Kreisen des „Weckrufs“ wird eine große Mehrheit für eine Parteineugründung erwartet. Einerseits. Andererseits ist aus Kreisen der Gemäßigten in der AfD eine große Ermüdung zu hören. Kaum ein Mitglied will die Mühen einer Neugründung auf sich nehmen. Der Europaabgeordnete Joachim Starbatty, der am Sonntag seinen Parteiaustritt in Aussicht stellte, hatte gesagt, er wolle künftig nur noch in beratender Funktion parteipolitisch tätig sein.

          Alleingänge des Autokraten

          Am Montag erklärte auch der baden-württembergische AfD-Landesvorsitzende und Europaabgeordnete Bernd Kölmel seinen Parteiaustritt. „Ich fühle mich von diesem Vorstand nicht mehr repräsentiert“, sagte Kölmel der F.A.Z. Zudem sei auf dem Parteitag ein „politischer Stil“ gepflegt worden, den „ich nicht tolerieren kann“.

          Es wird erwartet, dass kommende Woche noch mehr ranghohe Funktionäre aus der Partei austreten werden und mit ihnen Hunderte, wenn nicht Tausende Mitglieder. Die schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Ulrike Trebesius kündigte gegenüber der Zeitung „Die Zeit“ ihren Austritt für Freitag an. Andere warten noch auf ein Signal von Lucke.

          Die Parteivorsitzende Petry sieht offenbar kein Problem in diesem Exodus. „Wir haben als Partei an diesem Wochenende Großartiges geleistet“, schrieb Petry am Montag an alle AfD-Mitglieder. Der „personelle Umbruch“ werde der Partei „gut tun“, äußerte Petry. Und zwar nur Petry. Der neugewählte Ko-Vorsitzende und als gemäßigt geltende Jörg Meuthen kam nicht vor. Sollte sich der Neuling noch in einer Lernphase befinden, könnte er sich gewisse Techniken bei seiner Kollegin abschauen. Die hatte ähnliche Alleingänge von Lucke immer als Beleg für dessen Autokratentum bewertet.

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