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Zweiter Weltkrieg : Ein Stück Papier, das alles ändern konnte

Juden aus der ganzen Welt nehmen mit Israel-Fahnen am „Marsch der Lebenden“ im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau während der jährlichen Holocaust-Gedenkveranstaltung teil. Bild: dpa

Während des Zweiten Weltkriegs kamen ein paar polnische Diplomaten in der Schweiz auf eine Idee: Sie fälschten Pässe für Juden. Das brachte für die Beteiligten ein hohes Risiko und nur späten Ruhm mit sich.

          Ich hätt gern einen Pass aus Paraguay. Was ist das für ein schönes Land, ei ei... Dieses Lied hat der Dichter Wladyslaw Szlengel im Warschauer Getto geschrieben, auf Polnisch. Das Lied wurde im Getto auch gesungen; in Polen wird es bis heute aufgeführt. Damals in Warschau hatten viele Bewohner des „jüdischen Wohnbezirks“, den die deutschen Besatzer eingerichtet hatten, einen Traum: den Pass eines südamerikanischen Landes in Händen zu halten – und damit ihr Leben zu retten. Die Paraguay-Pässe hat es tatsächlich gegeben. Hunderte Menschen verdankten ihren gefälschten Identitäten auf echten südamerikanischen Papieren ihr Überleben. Doch erst jetzt kommt nach und nach ans Tageslicht, wer die Fälscherwerkstatt betrieben hat und wie: Es waren drei polnische Diplomaten in der Schweiz, verbündet mit Vertretern jüdischer Organisationen. Der Diplomat, der eigenhändig am meisten gefälscht hat, war Vizekonsul Konstanty Rokicki.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Er trat seinen Dienst in Bern 1939 an; es war der vierte Posten in seiner Laufbahn. Bald war die Botschaft in der Schweiz eine der wenigen verbliebenen Vertretungen Polens im großenteils besetzten Europa; ihre Zentrale war auch nicht mehr Warschau, sondern London. Dort saß die polnische Exilregierung. Doch die Passfälscher in Bern handelten lange Zeit eigenmächtig. Ihr Anführer war der Geschäftsträger – also quasi Botschafter – Aleksander Lados. Daher wurde die Berner Gruppe auch Lados-Gruppe genannt. Sie stand in Kontakt mit zwei aus Polen stammenden jüdischen Aktivisten in der Schweiz, Chaim Eiss und Abraham Silberschein.

          Aus „rein humanitären“ Gründen

          Früher oder später musste die Schweizer Polizei Wind von der Fälschungswerkstatt bekommen. Die beiden Aktivisten sowie ein Mitarbeiter der Botschaft wurden 1943 festgenommen und verhört. Sie konnten guten Gewissens auf die Diplomaten verweisen. Aus einem der Verhörprotokolle geht hervor, dass die Polen kurz nach Kriegsausbruch zunächst nach Wegen suchten, um aus dem sowjetisch besetzten Ostpolen Personen auszuschleusen. Hier kam Paraguay ins Spiel: in Gestalt seines Honorarkonsuls, des Schweizers Rudolf Hügli, der sich seine Dienste auch bezahlen ließ.

          Der unbekannte Held: Der polnische Diplomat Konstanty Rokicki rettete gemeinsam mit Gleichgesinnten Hunderte polnische Juden, indem er südamerikanische Pässe für sie fälschte.

          Als 1942 nach der Wannsee-Konferenz die industrielle Vernichtung der Juden begann, fing die Berner Werkstatt an, auf Hochtouren zu arbeiten. Im Mai 1943 kabelte die polnische Exilregierung an die Botschaft, man habe von der Möglichkeit erfahren, Juden mit Hilfe südamerikanischer Pässe zu retten, und rate aus „rein humanitären“ Gründen zu; da war die Werkstatt längst in Betrieb. Hügli war weiterhin dabei und bekam auch weiterhin Geld, das zum Teil aus den Vereinigten Staaten übermittelt wurde; neben Paraguay stellten weitere lateinamerikanische Staaten Pässe aus. Anders als Hügli nutzte den Diplomaten ihr Handeln persönlich gar nicht; die Warschauer Zeitung „Dziennik“ schreibt, in Hunderten gesichteter Dokumente gebe es „kein einziges, das nahelegt, dass die polnischen Diplomaten von der Prozedur profitiert haben“. Die Recherchen der Zeitung in Archiven im In- und Ausland haben in den vergangenen zwei Jahren entscheidend dazu beigetragen, die Vorgänge aufzuklären.

          Die Schweizer Behörden setzten die Diplomaten stark unter Druck. Der Berner Polizeichef notierte im September 1943, er habe dem polnischen Diplomaten Stefan Ryniewicz „die Gefährlichkeit und Unhaltbarkeit von Passmanövern, die von Ausländern in der Schweiz betrieben würden, sehr energisch dargelegt“. Er habe ihm gesagt, dass man im Land „Ordnung“ haben und durchsetzen wolle, „auch gegen noch so hochstehende und beziehungsreiche Juden“. Er habe zwar Verständnis geäußert, „dass die Betroffenen alles versuchten, um der Gestapo Opfer aus den Fingern zu reissen. Das hätte aber nicht vom Boden der Schweiz aus zu geschehen, und zudem noch von Leuten, die unsern Asylschutz beanspruchten.“

          Mit Fotos aus dem Familienalbum als Passbild

          Im Oktober 1943 trafen Polens Botschafter Lados und der Schweizer Außenminister Marcel Pilet-Golaz aufeinander: in einem Gespräch, das von dem Polen zeitweise erregt, vom Gastgeber dagegen betont ruhig geführt wurde. Die Behörden müssten „Ordnung schaffen“, sagte Pilet-Golaz, worauf der Pole argumentierte, ein als Ganzes hergestellter Pass sei ja keine (nachträgliche) Fälschung; der Schweizer beharrte: Die Pässe seien „irregulär“.

          Die Berner Werkstatt arbeitete folgendermaßen: Wenn aus dem besetzten Europa – etwa über die Kanäle der jüdischen Aktivisten – eine Person einen Hilferuf abgesetzt und Personalien sowie Fotos eingesandt hatte, konnten die Fälscher ihr Werk beginnen. Sie besorgten die Blankopässe, zum Beispiel bei Hügli. In der polnischen Botschaft wurden die Fotos eingeklebt; manchen sah man an, dass sie eigentlich fürs Familienalbum angefertigt worden waren und nicht für den Reisepass. Die Personendaten wurden eingetragen, wobei der wahre Geburtsort weggelassen wurde. Dann wanderten die Pässe wieder zu den südamerikanischen Partnern, um gestempelt zu werden. Zumeist blieben dann die fertigen Dokumente in der polnischen Botschaft, die beglaubigte Kopien anfertigen ließ; diese wurden dann – oft auf dem Postweg – den deutschen Behörden in den besetzten Ländern zugeschickt. Manchmal sparte man sich einen Teil der Mühe und stellte statt Pässen einfach „Bescheinigungen“ über die entsprechende Staatsangehörigkeit für die zu rettenden Juden aus.

          Auf diese Weise gelangten polnische, holländische, deutsche, ungarische und andere Juden in den Besitz eines solchen Passes. Was bedeutete es im besetzten Warschau oder Amsterdam, wenn jemand plötzlich „Bürger Paraguays“ geworden war? Er war Bürger eines Drittstaates, für den die Vorschriften der Besatzer nicht galten. Manche wurden in Internierungslager gebracht, ins französische Vittel oder nach Bergen-Belsen; Berlin hoffte, sie irgendwann gegen im Ausland internierte Deutsche austauschen zu können. Aber gegen Ende 1943 begannen die deutschen Behörden auch, die Echtheit der „Berner“ Staatsangehörigkeiten zu überprüfen; dazu wandten sie sich zumeist direkt an die entsprechenden Hauptstädte in Lateinamerika – während die polnischen Diplomaten in Bern ihre Partner bei der Rettungsaktion drängten, dafür zu sorgen, dass die Echtheit bestätigt werde. Am Ende führte für viele Internierte der Weg aus Vittel und Bergen-Belsen zurück nach Auschwitz, wo sie ermordet wurden.

          Vergessene Heldentaten und späte Ehrungen

          „Memoria“, die Zeitschrift der Gedenkstätte Auschwitz, schreibt in ihrer neusten Ausgabe, die Gesamtzahl der Personen, für die solche „Berner Dokumente“ ausgestellt wurden, liege bei 8000 bis 10.000. Die heutige polnische Botschaft in Bern kennt die Namen von etwa einem Drittel dieser Passhalter. Die Zeitschrift „Memoria“ schreibt weiter: „Bisher wurden 682 dokumentierte Rettungen ermittelt.“ 682 Menschen haben also das Jahr 1945 überlebt. Da die Mehrheit der mit Dokumenten versorgten Juden immer noch nicht namentlich bekannt sei, müsse wohl auch die Zahl der Geretteten „multipliziert“ werden.

          Vizekonsul Rokicki und seine Mitstreiter hätten der westlichen Welt von ihrer Aktion erzählen können. Sie alle blieben nach dem Krieg im Exil. Für manche begann eine Odyssee, die sie bis nach Argentinien und Kanada führte. Ihre Heldentat geriet in Vergessenheit. Rokicki starb, heimatlos, kinderlos und mittellos, vermutlich sogar staatenlos, 1958 in einem Heim in der Schweiz. Jetzt hat Yad Vashem beschlossen, den Vizekonsul für seine Leistung als „Gerechten unter den Völkern“ zu ehren; die dabei übliche Zeremonie soll in den nächsten Wochen in Polen stattfinden. Unklar bleibt, warum Rokickis an der Aktion direkt beteiligte Vorgesetzte zwar eine „Belobigung“, aber nicht die entsprechende Auszeichnung erhalten sollen.

          Zugleich hat Polens Regierung bekanntgegeben, dass sie ein Archiv aus Privatbesitz angekauft hat: das Eiss-Archiv, das auf den Aktivisten Chaim Eiss zurückgeht, der der Berner Gruppe half. In dem Archiv befinden sich acht „Paraguay-Pässe“ sowie Originale von Fotos und Namenslisten aus der Fälscher-Werkstatt. Es wird bald dauerhaft in der Gedenkstätte Auschwitz zu sehen sein.

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