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Zweiter Weltkrieg : Ein Stück Papier, das alles ändern konnte

Mit Fotos aus dem Familienalbum als Passbild

Im Oktober 1943 trafen Polens Botschafter Lados und der Schweizer Außenminister Marcel Pilet-Golaz aufeinander: in einem Gespräch, das von dem Polen zeitweise erregt, vom Gastgeber dagegen betont ruhig geführt wurde. Die Behörden müssten „Ordnung schaffen“, sagte Pilet-Golaz, worauf der Pole argumentierte, ein als Ganzes hergestellter Pass sei ja keine (nachträgliche) Fälschung; der Schweizer beharrte: Die Pässe seien „irregulär“.

Die Berner Werkstatt arbeitete folgendermaßen: Wenn aus dem besetzten Europa – etwa über die Kanäle der jüdischen Aktivisten – eine Person einen Hilferuf abgesetzt und Personalien sowie Fotos eingesandt hatte, konnten die Fälscher ihr Werk beginnen. Sie besorgten die Blankopässe, zum Beispiel bei Hügli. In der polnischen Botschaft wurden die Fotos eingeklebt; manchen sah man an, dass sie eigentlich fürs Familienalbum angefertigt worden waren und nicht für den Reisepass. Die Personendaten wurden eingetragen, wobei der wahre Geburtsort weggelassen wurde. Dann wanderten die Pässe wieder zu den südamerikanischen Partnern, um gestempelt zu werden. Zumeist blieben dann die fertigen Dokumente in der polnischen Botschaft, die beglaubigte Kopien anfertigen ließ; diese wurden dann – oft auf dem Postweg – den deutschen Behörden in den besetzten Ländern zugeschickt. Manchmal sparte man sich einen Teil der Mühe und stellte statt Pässen einfach „Bescheinigungen“ über die entsprechende Staatsangehörigkeit für die zu rettenden Juden aus.

Auf diese Weise gelangten polnische, holländische, deutsche, ungarische und andere Juden in den Besitz eines solchen Passes. Was bedeutete es im besetzten Warschau oder Amsterdam, wenn jemand plötzlich „Bürger Paraguays“ geworden war? Er war Bürger eines Drittstaates, für den die Vorschriften der Besatzer nicht galten. Manche wurden in Internierungslager gebracht, ins französische Vittel oder nach Bergen-Belsen; Berlin hoffte, sie irgendwann gegen im Ausland internierte Deutsche austauschen zu können. Aber gegen Ende 1943 begannen die deutschen Behörden auch, die Echtheit der „Berner“ Staatsangehörigkeiten zu überprüfen; dazu wandten sie sich zumeist direkt an die entsprechenden Hauptstädte in Lateinamerika – während die polnischen Diplomaten in Bern ihre Partner bei der Rettungsaktion drängten, dafür zu sorgen, dass die Echtheit bestätigt werde. Am Ende führte für viele Internierte der Weg aus Vittel und Bergen-Belsen zurück nach Auschwitz, wo sie ermordet wurden.

Vergessene Heldentaten und späte Ehrungen

„Memoria“, die Zeitschrift der Gedenkstätte Auschwitz, schreibt in ihrer neusten Ausgabe, die Gesamtzahl der Personen, für die solche „Berner Dokumente“ ausgestellt wurden, liege bei 8000 bis 10.000. Die heutige polnische Botschaft in Bern kennt die Namen von etwa einem Drittel dieser Passhalter. Die Zeitschrift „Memoria“ schreibt weiter: „Bisher wurden 682 dokumentierte Rettungen ermittelt.“ 682 Menschen haben also das Jahr 1945 überlebt. Da die Mehrheit der mit Dokumenten versorgten Juden immer noch nicht namentlich bekannt sei, müsse wohl auch die Zahl der Geretteten „multipliziert“ werden.

Vizekonsul Rokicki und seine Mitstreiter hätten der westlichen Welt von ihrer Aktion erzählen können. Sie alle blieben nach dem Krieg im Exil. Für manche begann eine Odyssee, die sie bis nach Argentinien und Kanada führte. Ihre Heldentat geriet in Vergessenheit. Rokicki starb, heimatlos, kinderlos und mittellos, vermutlich sogar staatenlos, 1958 in einem Heim in der Schweiz. Jetzt hat Yad Vashem beschlossen, den Vizekonsul für seine Leistung als „Gerechten unter den Völkern“ zu ehren; die dabei übliche Zeremonie soll in den nächsten Wochen in Polen stattfinden. Unklar bleibt, warum Rokickis an der Aktion direkt beteiligte Vorgesetzte zwar eine „Belobigung“, aber nicht die entsprechende Auszeichnung erhalten sollen.

Zugleich hat Polens Regierung bekanntgegeben, dass sie ein Archiv aus Privatbesitz angekauft hat: das Eiss-Archiv, das auf den Aktivisten Chaim Eiss zurückgeht, der der Berner Gruppe half. In dem Archiv befinden sich acht „Paraguay-Pässe“ sowie Originale von Fotos und Namenslisten aus der Fälscher-Werkstatt. Es wird bald dauerhaft in der Gedenkstätte Auschwitz zu sehen sein.

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