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Sexuelle Übergriffe : Wie konnte es zu den Taten von Köln kommen?

Nacht der Gewalt in Köln: Was ist der Hintergrund der Belästigungen? Bild: dpa

Wieso griffen mutmaßlich aus Nordafrika stammende Männer in der Silvesternacht Frauen in Köln an? Liegt es an der Herkunft, am Islam oder an der sozialen Lage? Die Täter sind nicht gefasst, aber es gibt schon Erklärungsversuche. FAZ.NET stellt die wichtigsten vor.

          Erst Gerichtsverfahren und Untersuchungsausschüsse werden abschließende Klarheit bringen: Wieso haben dutzende Männer aus einer Menge von rund 1000 überwiegend männlichen Personen in der Silvesternacht am und im Kölner Hauptbahnhof viele junge Frauen sexuell belästigt, genötigt und womöglich in zwei Fällen gar vergewaltigt? Wieso haben sie sich nicht durch Polizisten stoppen lassen, wie es in Schilderungen von Opfern und Zeugen der Nacht hieß?

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Die Polizei hat zwar inzwischen einige Tatverdächtige für Diebstähle festgenommen. Seit dem Wochenende sitzt auch ein Mann wegen eines sexuellen Übergriffs in Untersuchungshaft. Trotzdem ist über die Täter, über ihre genaue Herkunft und kulturelle, religiöse und soziale Prägung noch immer kaum etwas bekannt. Sie agierten in Gruppen, möglicherweise haben sie sich für die Belästigungen auf der Domplatte verabredet.

          Auf dem Vorplatz des Bahnhofs hielten sich viele Flüchtlinge auf; Männer aus Syrien, Afghanistan und vor allem aus nordafrikanischen Staaten wie Marokko oder Tunesien. Später war die Rede von einer neuen Dimension von Gewalt gegen Frauen; einem enthemmten Vorgehen, das es in dieser Form zuvor nicht in Deutschland gab oder von dem man zumindest nichts wusste. Was waren die Motive der Männer? Waren sie vom Alkohol enthemmt? Oder handelte es sich, wie die Journalistin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer vermutet, um einen koordinierten Angriff des sogenannten „Islamischen Staats“ auf Frauen? Seit Wochen wird über mögliche Erklärungsansätze für den bisher in Deutschland einmaligen Fall eines massenhaften sexuellen Übergriffs diskutiert. FAZ.NET stellt die wichtigsten Thesen vor.

          These 1: Die Strukturen des Islam begünstigen sexuelle Gewalt

          These: Die patriarchalen Strukturen, die in einigen islamisch geprägten Gesellschaften vorherrschen, begünstigen sexualisierte Gewalt.

          Vertreter: Islamwissenschaftler, Publizisten und Politiker, Alice Schwarzer

          Die Begründung: Im Koran selbst wird sexuelle Gewalt nicht legitimiert. Die Religion ermögliche allerdings patriarchale Strukturen, die sexualisierte Gewalt begünstigen, zum Teil befördern. Grund dafür sind aus westlicher Sicht veraltete Rollenbilder und Sexualvorstellungen sowie eine Geringschätzung der Frau. Aus einem Vers des Koran etwa wird eine Gehorsamspflicht der Frau abgeleitet, die den Mann legitimiert, sie zu schlagen, wenn sie ihm widerspricht.

          Das Tabuisieren von Sexualität macht aus Sicht der Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter einen wichtigen Bestandteil der Erklärung aus: „Die fehlende Unbeschwertheit im Umgang der Geschlechter fördert eine Verhaltensunsicherheit, die Übersprungshandlungen begünstigen mag.“ Der Autor Hamed Abdel-Samed ist überzeugt, dass strenge Sexualmoral und Geschlechterapartheid, die durch den Islam befördert würden, leicht ins Gegenteil umschlagen könnten: „ Eine Religion, die die Frau entweder als Besitz des Mannes oder als eine Gefahr für seine Moral sieht, ist mitverantwortlich“, schreibt Abdel-Samed in „Cicero“.

          Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) sprach von „gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen“, die muslimische Migranten nach Deutschland bringen würden. Die Feministin Alice Schwarzer glaubt an einen systematischen Angriff auf Frauen, der von der Terrormiliz Islamischer Staat koordiniert worden sein könnte. Dafür habe der IS eine „Handvoll Provokateure“, wie es bei Schwarzer heißt, in die Menschenmenge einschleusen können. „Von Handy zu Handy, von Mund zu Mund: Silvester gehen wir Frauen klatschen!“, so könnte die Verständigung zwischen den Männern abgelaufen sein, glaubt Schwarzer.

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