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Führung der SPD : Kein Land in Sicht

Sozialdemokratischer Volldampf: Schwesig, Klingbeil, Giffey, Heil Bild: dpa

Die Stimmung in der SPD ist gedrückt bis depressiv, seit Nahles gegangen ist. Mal wieder muss sich die Partei erneuern. Wer wird diesen Prozess leiten?

          Der Höhepunkt im Jahreskalender eines ordentlichen „Seeheimers“ ist die berühmt-berüchtigte „Spargelfahrt“ auf dem Wannsee. Sie findet meistens bei schönem Wetter statt, was die Seeheimer der Vielzahl ihrer guten Taten ebenfalls selbstbewusst zurechnen. Wenn der Ausflugsdampfer „MS Havel Queen“ ablegt, schlägt dann die große Stunde von Johannes Kahrs. Kahrs ist der Co-Chef dieses Zusammenschlusses regierungsfreudiger, pragmatischer Sozialdemokraten in der SPD-Fraktion – und er weiß die Tatsache zu nutzen, dass seiner markigen Machtdemonstration man nur noch schwimmend entkommen kann. Außerdem ist Kahrs ein entscheidender Abgeordneter im Haushaltsausschuss und für manche Wahlkreisabgeordneten ist ein guter Draht zu ihm eine sehr lohnende Sache.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Ohne die „Seeheimer“ läuft nach seiner Meinung in der Fraktion jedenfalls gar nichts. Diesmal allerdings hatte Kahrs dem Eindruck entgegenzutreten, auch bei den Seeheimern sei in der sozialdemokratischen Fraktion nur noch wenig los, nachdem man soeben mit offenbar vereinten Kräften die Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles gestürzt hatte. Die Aktion war so rasch über die Bühne gegangen, dass die Zeit nicht einmal ausgereicht hatte, das Programmheft und die Grußworte zu ändern.

          Von tiefer Depression zu Melancholie

          So lächelte den sechs Dutzend Abgeordneten, Mitarbeitern und Journalisten am Dienstagabend hundertfach Andrea Nahles aus einer Broschüre entgegen. Ihr Grußwort dort war, wie üblich, mit maritimen Vergleichen dekoriert. Die SPD sei „mit der MS Groko“ vor einem Jahr „mit Volldampf in See gestochen“, man sei dem Ziel trotz Untiefen und Wellen näher gekommen, die Partei halte das Ruder in der Hand und so weiter. Inzwischen waren die Metaphern bei den meisten auf Seenot, Untergang und Titanic umgestellt. Etliche Abgeordnete hatten sich schweren Herzens an Bord geschleppt, gezeichnet von Ereignissen, die sie eigentlich herbeigewünscht hatten. Kahrs wäre aber nicht er selbst, wenn er den Kollegen und den vielen jungen Mitarbeitern nicht mit einer Art Heerführeransprache Mut gemacht hätte. Die Seeheimer seien der stabile Teil der SPD, nach stürmischen Tagen sei der See nun spiegelglatt und seine politische Truppe „die Säulen der Veranstaltung“.

          Passend zur Stimmung erinnerte eine der drei derzeitigen Übergangsvorsitzenden der Partei, Manuela Schwesig: „Wir sitzen hier alle in einem Boot.“ Es seien schwierige und bedrückende Tage, aber wenn die Mannschaft zusammenhalte, komme man auch durch diesen Sturm ganz gut. Das Schiff hatte inzwischen die Pfaueninsel erreicht, die ersten Weinflaschen kamen auf die Tische, aus der Zapfanlage perlte kaltes Bier, die Stimmung hob sich ganz langsam von tiefer Depression zu Melancholie. Dennoch war die Abwesende noch einmal sehr anwesend.

          Weil es bei den eigenen Leuten immer gut ankommt, wenn man auf Dritte zeigt, mahnte der Übergangsvorsitzende der Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, die Presse zur menschlichen Zurückhaltung gegenüber Nahles. Das sollte klar sein, bloß es ausgerechnet aus der SPD zu hören, schien doch seltsam. Ebenso Mützenichs Bitte, man möge nicht mehr weitererzählen, wie es in den Fraktionssitzungen zugehe. Dort hatte Nahles zuletzt tatsächlich die schlimmsten Stunden ihrer Karriere erlebt. Jetzt schämten sich manche wohl dafür. Und dann fügte Mützenich noch hinzu, man möge sich ihm nicht per Twitter nähern, da sei er nicht, sondern ihm schreiben oder mit ihm reden. Alles werde ohnehin etwas dauern, so sei sein Gefühl. Daran könnte man die Frage knüpfen, ob Mützenich im Laufe der Übergangszeit für die Dauer Gefallen an seinem neuen Amt finden könnte. Wieder eine Vorsitzende gestürzt, wieder ein Tiefpunkt erreicht, wieder ein Neuanfang, eine Erneuerung notwendig.

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