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SPD-Vorsitz : Wer könnte der Messias sein?

Traut er sich? Bisher hat Stephan Weil, hier mit Dietmar Woidke, sich noch nicht klar zu einer Kandidatur für den SPD-Vorsitz geäußert. Bild: dpa

Die Sozialdemokraten brauchen einen neuen Vorsitzenden – oder zwei. Bis zum 1. September können sich Kandidaten melden. Die Entscheidung spielt auch eine Rolle für die Zukunft der Bundesregierung.

          Die SPD sucht immer noch nach einem neuen Vorsitzenden. Ein bisschen ist das untergegangen in den vergangenen Tagen. Der Sommer, die Hitze. Dann musste sich die SPD an Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer abarbeiten. Außerdem kamen zu den kaum bekannten Kandidaten noch keine weiteren hinzu. Gesucht wird nun schon eine Weile, seit dem Rücktritt von Andrea Nahles vom Partei- und Fraktionsvorsitz, seit Anfang Juni also.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bis zum 1. September können sich Interessenten melden. Ihnen wird empfohlen, im Doppelpack aufzutreten, also Mann und Frau. Das Paar, das nach Mitgliederbefragung und Parteitag Anfang Dezember gewählt wäre, würde dann eine Doppelspitze bilden. Für die SPD ist das etwas Neues. Oder wie ein Führungsmitglied so schön sagt: „Ein Sozialdemokrat von altem Schrot und Korn ist gern ein Einzelkämpfer. Auf Augenhöhe mit einer anderen Kandidatin unterwegs zu sein entspricht nicht gerade seinem Naturell, daran muss sich manch einer gewöhnen.“ Einzelbewerbungen sind aber auch möglich, die Doppelspitze ist damit keineswegs zwangsläufig. Also alles offen.

          Das ganze Verfahren geht zurück auf die drei provisorischen Parteivorsitzenden, die Ministerpräsidentinnen Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern und Malu Dreyer aus Rheinland-Pfalz sowie den scheidenden hessischen SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel. Ihr Motiv dabei: Ruhe in die Partei bringen, die verschiedenen Strömungen zusammenführen, Schlagkraft entfalten und in einem langen Auswahlprozess einerseits viel Werbung für die Partei machen, andererseits die entscheidende Frage nach der Zukunft der Koalition auf die lange Bank schieben. Jedenfalls bis zum Jahresende.

          Alle drei hatten schon von Anfang an betont, dass sie selbst nicht für den Vorsitz antreten wollen. Das wirkte nobel, fand aber in der vielstimmigen SPD sogleich einige Kritiker: Wenn schon so starke Führungskräfte dauerhaft keine Verantwortung für die Partei übernehmen wollen, wer eigentlich soll es dann tun? Tatsächlich herrschte erst einmal Funkstille. Nur die 76 Jahre alte Gesine Schwan verkündete: Ich würde es machen, irgendwer muss es schließlich tun.

          Eine verrückte Frage

          Ein ähnliches Motiv trug zu diesem Zeitpunkt Michael Roth mit sich herum, der aus Hessen stammende Parlamentarische Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Roth sitzt seit 1998 im Bundestag, gewinnt seinen nordhessischen Wahlkreis mit guten Ergebnissen direkt und gehört dem Parteivorstand an. Er beschloss: Ich trete an. Und begab sich auf die Suche nach einer Partnerin. Ihm fiel eine frühere Kollegin aus dem Bundestag ein, Christina Kampmann aus Nordrhein-Westfalen. Die hatte er seinerzeit bewundert, weil sie als junge Politikerin in Berlin sogleich ein Star ihrer Fraktion geworden war. Man lernte sich bei den europapolitischen Themen näher kennen. Kampmann ging dann aber als Familienministerin zurück in ihre Heimat, jetzt sitzt sie im Düsseldorfer Landtag. Roth rief bei ihr an. „Ich habe eine verrückte Frage.“ Kampmann wäre nicht auf die Idee gekommen zu kandidieren. Aber mit Roth – warum nicht? Nach einer Woche Bedenkzeit sagte sie zu.

          Nina Scheer und Karl Lauterbach, das zweite Paar, waren sich von Anfang an näher, beide im Bundestag, beide immer wieder im Gespräch über den Zustand der Partei, der Koalition. Beide mit vielen linken Ideen. Und beide einer Meinung: Das Verfahren gibt uns die Möglichkeit, gemeinsam etwas zu tun. In der letzten Sitzungswoche machten sie Nägel mit Köpfen.

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