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Drei Strategien : Wie die Regierung im Wettrennen um den Impfstoff mitwirkt

Wartestand: Die Marburger Virologen hoffen weiter auf die Erlaubnis, ihren Impfstoff-Kandidaten an Menschen zu testen Bild: EPA

Die Bundesregierung verfolgt drei Strategien auf dem Weg zum Impfstoff – nachdem lange eher ausgelagert wurde, sollen jetzt die Kapazitäten für die Produktion ausgeweitet werden.

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          Überall auf der Welt liefern sich Firmen und Wissenschaftlerkonsortien derzeit ein Forschungswettrennen um die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Sars-CoV2-Virus. Es sind inzwischen 131 Forschungsprojekte auf der ganzen Welt, elf Impfstoffkandidaten sind bereits in der klinischen Phase, werden also an menschlichen Probanden getestet. Normalerweise dauert die Entwicklung eines Impfstoffs zwischen zehn und zwanzig Jahren, wegen der Pandemie ist sie enorm beschleunigt worden. Die rasche Entwicklung war auch das Ziel des Bundesbildungsministeriums (BMBF) mit der Fördersumme von 750 Millionen Euro, für die seit Freitag vergangener Woche von deutschen Firmen Anträge gestellt werden können. „Um in Deutschland und in aller Welt wieder zur Normalität zurückkehren zu können, ist ein Impfstoff ein ganz entscheidender Baustein“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Donnerstag in Berlin.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Konkret geht es dem BMBF darum, mit seinen Fördermillionen dafür zu sorgen, dass kurz vor der Zulassung, also in der späten Phase der klinischen Studien und auf freiwilliger Grundlage medizinisches Personal und andere Berufsgruppen aus systemrelevanten Bereichen in die Studie einbezogen werden. Außerdem geht es darum, die Produktionskapazitäten zu erhöhen, denn wenn sich ein Impfstoff als zukunftsfähig erweist, muss er nicht nur für Deutschland, sondern auch für andere Länder in sehr hohen Mengen hergestellt werden. Die Impfstoffproduktion war bisher nach Indien und China ausgelagert, die hiesigen Produktionskapazitäten sind also beschränkt. „Wir müssen dafür sorgen, dass in Deutschland freie Impfstoffkapazitäten gesichert werden“, forderte Karliczek.

          „Beitrag zur industriellen Souveränität Deutschlands“

          Unabhängig davon fördert das BMBF mit 230 Millionen Euro die Impfstoffentwicklung im Rahmen der internationalen Impfstoffinitiative „Coalition for Epidemic Preparedness Innovations – CEPI“. CEPI und das Sonderprogramm wirkten komplementär und das Sonderprogramm sei kein nationaler Alleingang, versicherte Karliczek. Denn die Opposition im Deutschen Bundestag hatte ihr eine national beschränkte Initiative vorgeworfen.

          Daneben gibt es die Impfstoffinitiative des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU), der gemeinsam mit europäischen Partnern, und zwar mit Italien, den Niederlanden und Frankreich, bei einzelnen Impfstoffentwicklern schon jetzt Impfdosen für die Versorgung der europäischen Bevölkerung reserviert hat. Unabhängig davon hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) über die staatseigene Förderbank KfW 300 Millionen Euro Bundesmittel in die Tübinger Biotech-Firma Curevac investiert, 23 Prozent der Unternehmensanteile. Altmaier versteht den Einstieg als Beitrag zur „industriellen Souveränität Deutschlands“, es geht also darum, Curevac hier zu halten.

          Curevac hat nach der Zulassung durch das Paul-Ehrlich-Institut gerade mit der klinischen Studie eines Corona-Vakzins begonnen, das Mitte 2021 auf den Markt kommen könnte. Die Firma versucht, mit einer niedrigen Dosis Impfstoff eine Immunantwort auszulösen, die einer natürlichen Immunantwort ähnelt. Die Studienteilnehmer, die zwei Injektionen bekommen werden, stehen danach 15 Monate unter Beobachtung. Dann soll klar sein, wie lange der Schutz aufrechterhalten bleibt und wie stabil die Antikörper sind. Die Ergebnisse dieser Studie sollen im September oder Oktober vorliegen. Ganz ohne Risiko ist die Teilnahme für die Probanden nicht, denn es kann wie bei jeder Impfung zu Nebenwirkungen kommen, über die jeder Teilnehmer vorher genau aufgeklärt wird.

          „Corona wird nicht die letzte Pandemie gewesen sein“

          Getestet wird der Impfstoff in drei deutschen Testzentren in Tübingen, Hannover, München und im belgischen Gent. Die zuständigen Ethikkommissionen müssen zustimmen. Zuvor war der Impfstoff an Mäusen getestet worden. Erst wenn die erste Testphase an gesunden Probanden erfolgreich war und keine akuten Nebenwirkungen auftreten, kann das Präparat in einer zweiten Phase einer größeren Personengruppe verabreicht werden. In einer dritten Phase wird er dann noch einmal an einer repräsentativen Gruppe von Freiwilligen erprobt, die etwa 10000 Menschen umfasst. Erst dann können unerwünschte Nebeneffekte wie ein schwerer Krankheitsverlauf durch die Gabe des Impfstoffs ausgeschlossen werden.

          Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, hält die Entwicklung eines solchen Impfstoffs auch im Blick auf künftige Pandemien für zukunftsweisend. Corona „wird nicht die letzte Pandemie gewesen sein“, sagte er. Die Infektiologin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) meinte: „In diesem Tempo hat es so etwas noch nie gegeben: Im Dezember wurden die ersten Fälle bekannt, und bereits im März wurde die erste Person mit einem möglichen Impfstoff geimpft.“ Cichutek und Addo versicherten, dass die Sicherheit des Impfstoffs trotz aller Geschwindigkeit oberste Priorität habe.

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