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Vereinzelung und Vereinsamung : Wie die Gesellschaft wieder zusammenfinden kann

  • -Aktualisiert am

Spontane Treffen nach Feierabend: Menschen treffen sich auf einem Platz in Frankfurt Bild: Ricardo Wiesinger

Die Debatte über eine wachsende Entfremdung zwischen Politikern und Bürgern zeigt: Wir stecken nicht nur in einer politischen, sondern auch in einer zwischenmenschlichen Krise. Doch für beide gibt es eine Lösung. Ein Gastbeitrag.

          Unsere sozialen Beziehungen bestehen aus drei Kreisen. Der innere Kreis sind unsere Familien und engsten Freunde. Der äußere Kreis sind unsere weiteren Bekannten, sozusagen unsere Facebook-Freunde. Dieser Kreis ist in den letzten Jahren viel größer geworden, und zwar oft zu Lasten des mittleren, der aus den Menschen besteht, die unser alltägliches Leben immer wieder berühren – in Verein, Kirche und Stadtviertel. Diese Analyse aus dem aktuellen Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers Marc Dunkelman ist natürlich stark vereinfacht. Er verweist darin jedoch auf einen schleichenden Prozess unter der Oberfläche der Gesellschaft.

          An der Oberfläche der Gesellschaft tobt gerade eine Debatte über eine wachsende Entfremdung zwischen Politikern und Bevölkerung. Was dabei viel zu wenig beachtet wird, ist eine wachsende Entfremdung zwischen den Menschen. Quer durch alle Bevölkerungsgruppen wächst die Vereinzelung und Vereinsamung.

          Die Schmalspur-Version wurde beliebter

          Dabei sind wir doch durch die digitalen Kommunikationstechnologien immer stärker miteinander verbunden. Diese Entwicklung hat der Schriftsteller Jonathan Safran Foer einmal sehr präzise und zugleich poetisch erklärt: Die Technologie feiert die Vernetzung der Menschen, aber sie fördert das Sich-Zurückziehen. Telefon, Anrufbeantworter, Email und Text-Nachrichten erfand man nicht als Steigerungsform der persönlichen Kommunikation – sondern als behelfsmäßige Schmalspur-Version.

          Doch dann begannen wir, die Schmalspur-Versionen vorzuziehen. Denn es sei leichter, jemanden anzurufen, als extra persönlich hinzugehen. Es sei leichter, auf den Anrufbeantworter zu sprechen, als ein Telefongespräch zu führen. Man könne einfach sagen, was man loswerden wolle, ohne auf eine Antwort eingehen zu müssen; außerdem sei das Überbringen schlechter Nachrichten auf diesem Weg einfacher.

          Sebastian Gallander leitet die Stiftung nebenan.de, die nachbarschaftliches Engagement in der Gesellschaft fördert.

          Also fingen wir an, anzurufen, wenn wir wussten, dass niemand abheben würde. Es sei noch einmal leichter, eine E-Mail zu senden, denn man brauche noch nicht einmal auf den Tonfall zu achten. Am allerleichtesten sei es, eine Text-Nachricht zu schicken, denn hier gebe es noch geringere Erwartungen an die Ausdrucksbemühungen und es böte sich ein weiterer Schutzschild, hinter dem man sich verstecken kann.

          Jeder Schritt „vorwärts“ habe es etwas leichter gemacht, die emotionale Anstrengung des wirklichen Präsent-Seins zu vermeiden und einfach nur Informationen statt Menschlichkeit zu vermitteln. Schließlich fasst Jonathan Safran Foer es sinngemäß so zusammen: Wenn wir diese Schmalspur-Versionen akzeptieren, ja sogar vorziehen, dann werden letztendlich auch wir selbst zur Schmalspur-Version.

          Viel Aggressivität und Hass

          Dies wird unter anderem dadurch verschärft, dass vor allem viele amerikanische Tech-Konzerne mit immer ausgefeilteren Methoden um unsere Aufmerksamkeit wetteifern. Sie wissen inzwischen so viel über unsere Vorlieben, dass sie uns ungefragt stets ziemlich genau die Bilder, Videos, Produkte und Texte anzeigen, die wir mögen. Dadurch schaffen sie es, dass wir uns immer öfter und immer länger in unseren Smartphones verfangen.

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