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Erdogan in Köln : „Wir müssen die Scherben dann wieder aufkehren“

Der damalige Geschäftsführer Mehmet Yildirim versuchte alles, um den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sogar Karnevalsorden verteilte er gemeinsam mit Oberbürgermeister Schramma – in Köln ist das kein ganz unwichtiges Zeichen für gegenseitige Toleranz, Dialog und Integration. Yildirim war dann irgendwann weg, Schramma aber bemerkte in den vergangenen Jahren schon eine zunehmende Abschottung der Ditib gegenüber dem Moschee-Beirat, in dem er und Wirges an einem Tisch sitzen, und der Öffentlichkeit: „Die Kommunikation mit Ditib verläuft sehr schleppend.“

Das Jahr 2018 wirft dann ein deutlicheres Licht auf das Bild, das die Ditib abgibt. Erst versuchte der frühere Generalsekretär Bekir Alboga, der jahrelang seine Distanz zu Ankara betont hatte und als Dialogpartner für die deutsche Politik fungierte, auf die Liste der Erdogan-Partei AKP für die Parlamentswahlen zu kommen. Das klappte nicht. Dann die Nachricht, dass Staatspräsident Erdogan die Einweihung persönlich übernehmen würde. Für die Unterstützer der Moschee ein Schlag ins Gesicht, auch aus einem anderen Grund: „Mich ärgert, dass sich nun die Rechten die Hände reiben“, sagt Wirges. Es fällt auf, dass kaum rechte Protestler auf den Kölner Straßen sind. Wirges macht sich da seinen Reim: „Das haben die gar nicht nötig. Die schlagen sich jetzt schon lachend auf die Schenkel.“ Er habe Mails bekommen, in denen er als „Naivling“ oder „Gutmensch“ beschimpft werde, jetzt, da man sehe, wie die Ditib agiere.

Ein Beitrag zur Integration?

Auch der ehemalige Oberbürgermeister Schramma berichtet von gehässigen Kommentaren. Er will sich aber nicht naiv schimpfen lassen: „Wir hatten vor zehn Jahren eine andere Gesprächsebene mit der Ditib“, sagt er. „Es war vernünftig und klug, mit denen im Gespräch zu sein.“ Beide, Wirges und Schramma, finden die Moschee gelungen, architektonisch und für das Stadtbild. Vom Konzept sei sie so geplant, dass „sie einen Beitrag zur Integration leisten kann“, sagt Schramma.

Ob das gelingt, wird sich aber erst zeigen, wenn sich die Aufregung um den Erdogan-Besuch gelegt hat und der türkische Präsident und seine Jubelschar wieder abgereist ist. Die Ehrenfelder, das wird auf der Straße an diesem Tag sehr deutlich, sind das friedvolle Zusammenleben gewöhnt – und sie wollen sich das durch politische Propagandaveranstaltungen nicht kaputtmachen lassen. Das sieht zumindest Wirges so: Seiner Schätzung nach seien 40 Prozent der türkischstämmigen Ehrenfelder in seinem Bezirk „nicht glücklich mit dem Erdogan-Besuch. Und wir zusammen müssen dann die Scherben wieder aufkehren.“

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