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Erdogan in Köln : „Wir müssen die Scherben dann wieder aufkehren“

Streit mit dem Architekten

Der Rest ist teilweise tragische Stadtgeschichte: Der Sieger, der renommierte Architekt Paul Böhm, geriet alsbald mit der Ditib wegen angeblicher Baumängel und gesteigerter Kosten aneinander. Die für 2012 geplante Eröffnung wurde mehrfach verschoben. Seit knapp zwei Jahren wird die Moschee mit ihrem riesigen und schmuckvollen Saal, in dem etwa 1000 Männer Platz finden, als Gotteshaus mit angrenzender Ladenzeile und Bürotrakt für die Ditib-Verwaltung genutzt. Für Frauen finden sich eine Etage höher Balkone, von denen sie in den Saal schauen können.

Als Schramma im Beirat Anfang 2018 fragte, wann die offizielle Eröffnung stattfinden soll, hatte die Ditib noch keine konkrete Antwort. Der erste Staatsbesuch von Erdogan in Deutschland war dann offenbar die geeignete Gelegenheit, die möglicherweise auch die Ditib überraschte. Das eilig zusammengezimmerte Sicherheitskonzept reichte der Stadt Köln nicht aus. Stattdessen wurden Sicherheitszonen eingerichtet – am Nachmittag ließ die Polizei weitere 600 Besucher in den Außenbereich der Moschee. Zwei jüngere Männer, die ihre Namen hier nicht lesen wollen, interpretieren die strengen Sicherheitsvorgaben der Behörden als bewusste Drangsal der Erdogan-Anhänger. Wie sie darauf kommen? „Keine Ahnung, denke ich mir so.“

Für Josef Wirges sind solche Gefühle das Resultat auch dieses Erdogan-Auftritts: „Das reißt alte Wunde wieder auf“, sagt er. Jeder koche da jetzt sein eigenes Süppchen, für die vielen Bemühungen um eine gute Integration sei das ein Rückschritt. Dabei gehe es eben nicht um Assimilierung der türkischstämmigen Mitbürger – verschiedene kulturelle Einflüsse seien ausdrücklich gewünscht. „Alles auf dem Boden des Grundgesetzes und nicht aus dem Koran oder der Bibel“, sagt er. Und bei aller Zuneigung für die eigenen Wurzeln oder die anderer: Erdogan sei einer, der sich, gelinde gesagt, über Menschenrechte hinwegsetze. „Da gibt es für mich eine Grenze.“ Als sei eine Bestätigung nötig, wird am Samstagnachmittag gemeldet, dass die Istanbuler Polizei mit gepanzerten Wagen eine friedliche Demonstration der sogenannten Samstagmütter aufgelöst hat – und dabei auch Journalisten bedrängte. Wie viel dieser Türkei unter Erdogan möchte man in Köln haben?

Ditib – der verlängerte Arm Erdogans?

Eine Frage, die zwangsläufig zur Ditib führt: Sie ist der Trägerverein der neuen Moschee und der deutsche Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet – und untersteht dem türkischen Präsidenten. Erdogans Arm reicht also bis nach Köln-Ehrenfeld. Als es damals um die Genehmigung für den Bau ging, stellte sich die Ditib als deutscher Verein dar, der er formal auch ist, ohne Einfluss aus der Türkei. Die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün, selbst mit türkischen Wurzeln, warf der Ditib 2008 in einem Gastbeitrag vor, aus Ankara gesteuert zu sein. Die damaligen Verantwortlichen wehrten sich öffentlich: „Das ist schlichtweg nicht wahr. Der Vorstand fasst alle Beschlüsse selbständig und setzt diese auch selbständig um.“

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