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Erdogan in Köln : „Wir müssen die Scherben dann wieder aufkehren“

„Ich bin enttäuscht“: Josef Wirges, der SPD-Bezirksbürgermeister von Ehrenfeld

Einer, der sich damals den Rechten entgegenstellte, ist Josef Wirges. Den SPD-Bezirksbürgermeister von Ehrenfeld, immerhin seit 21 Jahren im Amt, nennen manche den „Heinz Buschkowsky von Köln“, in Anspielung auf den früheren Bezirksbürgermeister im anderen „Kölln“, in Berlin-Neukölln. Die Ähnlichkeiten sind da: Beide sind zupackend, Männer der Tat, bei der SPD – und stehen in ihren Städten im Ruf, mit schnoddriger Schnauze zu sagen, was aus ihrer Sicht Sache ist. Dann hören die Gemeinsamkeiten auf, denn während sich Buschkowsky mit seinem Buch „Neukölln ist überall“ als Integrationskritiker einen überregionalen Namen gemacht hat, ist Wirges lokal bekannt für seine Unterstützung des Moscheebaus. Auf dem Höhepunkt der Proteste postierte er sich vor dem Bauzaun, um sich den rechten Demonstranten in den Weg zu stellen.

Eine lange Geschichte der Entfremdung

Das ist Jahre her. Heute steht Wirges vor der Moschee, die er nach wie vor „gelungen und schön“ findet. Der Rest aber ist eine Geschichte der Entfremdung. „Ich bin enttäuscht“, sagt er an diesem Tag, der eigentlich der Tag der Freude sein sollte. Seit Jahren sitzt er im Beirat, den der Moscheeverein Ditib eigens gegründet hat, um besser ins Gespräch mit den Kölner Bürgern und Politikern zu kommen. Doch bei den Planungen zur Eröffnungsfeier waren Wirges und die anderen gar nicht mehr involviert. Der Beirat steht nun kurz vor der Auflösung.

Kontrovers diskutiert: die Zentralmoschee in Köln

Andere federführende Stadtpolitiker wie die amtierende Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) oder der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) waren nur sehr kurzfristig eingeladen worden. Aus Frust und aus der Befürchtung heraus, bei der Einweihung nur noch als Statisten einer türkischen Propagandaveranstaltung geladen worden zu sein, sagten beide ab. „Ein Akt der Unhöflichkeit“, beschreibt Schramma seine Gefühlslage. „Eine Unverschämtheit“, er fühlt sich von Ditib schlecht behandelt. „Wir hätten uns einen Tag der offenen Tür oder ein Volksfest mit Beteiligung der Bevölkerung gewünscht“, sagt er. Reker, die sich jüngst in einer Rede vor dem Rat „auch die Oberbürgermeisterin der Kölner muslimischen Glaubens“ nannte, zeigte sich in einer Erklärung ebenfalls enttäuscht von Ditib über den „Umgang mit Vertretern der Stadtgesellschaft“. Auch Wirges schlug die Einladung aus: Den „Sultan vom Bosporus“, wie er Erdogan nennt, will er nicht noch unterstützen.

Aber zur Geschichte der Entfremdung gehört auch: Nur wer vorher Hoffnungen hatte, kann enttäuscht werden. Und die Kölner Lokalpolitik hatte Hoffnung. 2001 beantragte Ditib, auf eigenem Gelände und mit eigenem Geld eine große Moschee zu bauen. Die Debatte, die sich danach entwickelte, zog sich wie ein Riss durch die Stadtgesellschaft. Intellektuelle wie der verstorbene Ralph Giordano warnten vor dem Machtanspruch eines politischen Islams, andere, wie der Journalist Günter Wallraff, hofften auf eine weitere bauliche Attraktion in einer Stadt, die in der Nachkriegszeit ziemlich verbaut worden war. Ihre Kritiker versuchte die Ditib mit einem integrativen Konzept zu beruhigen: Zwar sollte die Moschee natürlich in erster Linie ein Haus für die gläubigen Muslime sein, aber eben auch ein Haus der offenen Tür für Andersgläubige und interessierte Atheisten: für Türken, Deutsche, Kölner mit und ohne Migrationshintergrund. Der damalige Oberbürgermeister Schramma ließ sich überzeugen, das Projekt wurde genehmigt. Allerdings musste sich die Ditib zu einem Architekturwettbewerb verpflichten.

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