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Reaktion auf Rezo : Hilflose CDU

  • -Aktualisiert am

Zaudernd angesichts der Wucht aus den sozialen Netzwerken: CDU-Parteivorsitzende Kramp-Karrenbauer, Generalsekretär Ziemiak Bild: dpa

Angesichts der millionenfachen Wucht, die das Rezo-Video schnell erreicht hat, wirkt die Reaktion der CDU wie ein ins Netz gestelltes Ölgemälde. Nicht nur sie ist überfordert, wenn Akteure aus der neuen Welt in die Nähe der Politik geraten.

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          Die CDU wirkt hilflos. Seit der Youtuber Rezo seine fast einstündige Abrechnung mit der Partei online gestellt hat, ist das Video millionenfach aufgerufen worden. Spätestens als die Zahl der Aufrufe sich am Mittwoch der Drei-Millionen-Grenze näherte, wurde die CDU endgültig nervös. Generalsekretär Paul Ziemiak sagte ein paar kritische Sätze, die Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer schob am Abend einige hinterher. Gerüchte machten die Runde, der Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor, 26 Jahre alt wie Rezo, werde im Namen der CDU in einem Video auf die Attacke antworten. Ein solches Video ist bis jetzt nicht veröffentlicht worden. Der Hohn im Netz begleitet den Vorgang. Am Donnerstag äußerte sich Ziemiak auf Twitter noch einmal und lud Rezo zu einem Gespräch ein. „Wir machen das in der CDU seit 70 Jahren. Wir zerstören einander nicht, sondern wir hören einander zu, wir reden miteinander, wir finden gemeinsame Lösungen.“

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Am Mittag schließlich, als das Schweigen des Konrad-Adenauer-Hauses schon sehr laut war, veröffentlichte die Parteizentrale eine Offene Antwort an den Youtuber, in der sie ihren Umgang mit Rezos Kritik thematisierte: Die CDU habe „gemeinsam überlegt“, wie sie mit der Kritik und ihrer Form umgehen solle – und ob es geboten sei, dem „medialen Druck“, dem „sehr hohen Tempo“ und den „extremen Zuspitzungen“ nachzugeben. Schließlich habe man sich aber gegen den ursprünglichen Plan entschieden, ebenfalls mit einem Video auf Rezo zu antworten. „Verkürzen, verzerren, verdrehen – das ist Populismus. Überzeichnen, übertreiben, überspitzen: wir distanzieren uns zu Recht von dieser Art, Politik zu machen.“ Und: „Auf eine steile These folgt bei uns nicht die hastige Antwort, auf eine kühne Interpretation von Statistiken reagieren wir unsererseits nicht mit vereinfachenden Schlüssen.“

          Scharfe, auch unsachliche Angriffe auf Parteien sind kein Phänomen des Internets. Was neu ist, ist das Medium und die schiere quantitative Verbreitung der Kritik. Und das Alter des Kritikers. Youtuber, Influencer vom Typ Rezo, scharen nicht als Organisation, sondern als Einzelakteur (oft mit ein paar Helfern) ein Millionenpublikum hinter sich. Doch meistens unterhalten sie ihre Fans nicht mit politischen Langstrecken-Auftritten, eher mit Videos, die sie beim Computerspielen oder ähnlichem zeigen.

          Was immer sich Kritisches über die Inhalte und die Machart des vor allem, aber nicht nur gegen die CDU gerichteten Rezo-Videos sagen lässt: Ignorieren war schon bald keine Handlungsoption für die CDU mehr. Und damit tauchte die Frage auf, wie man einem Herausforderer mit einem solch großen Publikum auf seinem Spielfeld, dem Netz, begegnen kann. Die Parteizentrale der CDU, das Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, hat zwar eine eigene Social-Media-Einheit. Vor Journalisten wird sie allerdings bislang verborgen. Allein die Zahlen lassen vermuten, dass man befürchtet, als nicht schlagkräftig genug dazustehen. Der Facebook-Auftritt der Partei hat 215.000 Abonnenten, die Zahl der Follower auf Twitter liegt bei 280.000, auf Instagram bei nicht einmal 40.000. Zwar setzt die CDU-Führung fleißig Tweets ab zu Veranstaltungen und Auftritten der Parteispitzen. Doch in der Quantität, vor allem aber in der Sprache und Anmutung, wirkt das im Vergleich zu den Youtuber-Auftritten wie ein ins Netz gestelltes Ölgemälde. Hier begegnen sich zwei fremde Welten.

          Brachiale Wucht aus einer anderen Welt

          Das war und ist so lange egal, wie die (in der Regel jungen) Influencer sich nicht in die Politik einmischen. Doch schon der in Deutschland heiß diskutierte Fall des türkischstämmigen deutschen Fußballstars Mesut Özil zeigte, welche Wirkung es hat, wenn jemand aus einer anderen Welt mit einer Millionen-Gefolgschaft im Netz in die Nähe der Politik gerät. Özil ließ sich vor der Weltmeisterschaft 2018 mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren. Erdogan wird wegen seiner autoritären Führung der Türkei in Deutschland heftig kritisiert. Das in anderen Fällen harmlose Bild eines Spitzensportlers mit einem Politiker wurde selbst zum Politikum. Auch dazu die Zahlen: Mesut Özil folgen auf Instagram fast 20 Millionen Menschen, auf Twitter 24 und auf Facebook 30 Millionen. Macht zusammen 74 Millionen Nutzer sozialer Medien. Wenn so jemand sich auch nur politisch räuspert, erreicht er ein Publikum, von dem politische Parteien im Netz nicht einmal träumen können. Und da ist noch nicht die Rede von Personen wie Christiano Ronaldo. Der kommt auf etwa 350 Millionen Anhänger in den sozialen Medien. Von der Größenordnung her dürfte das der des Lesens mächtige Teil der Bevölkerung Europas sein.

          Was passiert, wenn ein Akteur von dem Kaliber tatsächlich entschlossen auf das politische Feld tritt, ist keine theoretische Erörterung, sondern seit mehreren Jahren Gegenstand eines politischen Feldversuchs. Denn Donald Trump war ja kein Politiker, bevor er amerikanischer Präsident wurde, sondern schillernder Unternehmer und Fernsehstar. Trump hat schon viele seiner Mitarbeiter und Minister gefeuert. Von seinem wichtigsten Helfer will er sich offenbar aber nicht trennen: von seinem Twitter-Account, mit dessen Hilfe er das Land regiert und die Welt in Atem hält. Stand Donnerstagmittag hatte er mehr als 60 Millionen Follower. Da ist für Rezo noch Luft nach oben.

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