https://www.faz.net/-gpf-9z0h1
Bildbeschreibung einblenden

Bundeswehr und Corona : Dieser Feind ist unsichtbar

Generalmajor Carsten Breuer, Kommandeur des „Kommandos Territoriale Aufgaben“ Bild: Jens Gyarmaty

Von der Berliner Julius-Leber-Kaserne aus koordiniert die Bundeswehr ihre Corona-Einsätze. Anstatt auf Kettenfahrzeugen durch den Wald zu brausen, verteilen Soldaten eines Panzerbataillons jetzt Essen im Pflegeheim.

          5 Min.

          Das militärische Hauptquartier der Corona-Bekämpfung liegt in Berlin-Wedding unter Fichten. Auf dem weitläufigen Gelände der Julius-Leber-Kaserne arbeiten in einem unauffälligen Flachbau bis zu vierzig Offiziere und Unteroffiziere rund um die Uhr. Die bald hundert Jahre alte Kaserne hat schon so manches erlebt, darunter den Zweiten Weltkrieg und Jahrzehnte als „Quartier Napoleon“ der französischen Besatzungsmacht in Berlin. Nun wird hier, in der Operationszentrale des „Kommandos Territoriale Aufgaben“, der größte Inlandseinsatz der Bundeswehr seit ihrem Bestehen organisiert.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Generalmajor Carsten Breuer hat das Sagen. Bis in den hintersten Winkel kann er in der Krise Bataillone, Kompanien und Züge unter sein Kommando stellen. „Nicht nur theoretisch“, betont Breuer selbstbewusst, ehe er kurz darauf in den Hubschrauber steigt, um nach Hamburg zu fliegen. Dort sind seit letzter Woche etwa fünfzig Soldaten in Pflegeheimen eingesetzt, um das Personal dort zu entlasten, etwa bei der Essensausgabe.

          Breuer ist viel unterwegs, denn die Bundeswehr ist derzeit in allen sechzehn Ländern gefragt, teilweise händeringend. Der erfahrene Offizier war Kommandeur einer Panzerbrigade, diente in Afghanistan, hat im Verteidigungsministerium gearbeitet. Bevor er vor rund zwei Jahren die Zuständigkeit für alle nationalen Katastropheneinsätze übernahm, war Breuer Abteilungsleiter für Einsätze im „Kommando Heer“ in Strausberg.

          Auf mehr als 200 Hilferufe von Ländern, Landkreisen oder Städten haben Breuer und sein Stab mit Helfern und Material reagiert. Es sind, wie der Generalmajor betont, allesamt Einsätze im Rahmen der Amtshilfe, wie sie in Paragraph 35 des Grundgesetzes geregelt ist. Dieser Artikel regelt, dass sich Behörden des Bundes und der Länder gegenseitig dabei helfen sollen, ihre Aufgaben zu erfüllen. Eine Voraussetzung dafür ist im Falle der Bundeswehr, dass es keine anderen zivilen Möglichkeiten der Unterstützung gibt. Um das rasch zu prüfen, arbeitet in der Operationszentrale immer auch eine Rechtsberaterin, der die Anträge vorgelegt werden. Es geht für die Truppe bei jedem Hilfegesuch um zwei Fragen: Können wir das? Und dürfen wir das?

          Blick in den „Hinteren Kampfraum“, die Einsatzzentrale
          Blick in den „Hinteren Kampfraum“, die Einsatzzentrale : Bild: Jens Gyarmaty

          Am Ende entscheidet Breuer. Wenn die Hilferufe über die regionalen Verbindungskommandos in Berlin eintreffen, soll es in der Regel nicht länger als ein paar Stunden dauern, bis eine Entscheidung gefällt wird. In der Operationszentrale sind jeweils zwei Offiziere für einzelne Bundesländer zuständig. Der Raum wirkt trotz der pflichtgemäßen Abstandshaltung ziemlich eng. Wenige Meter entfernt entsteht gerade eine neues Lagezentrum. Es soll, wenn es fertig ist, auf dem technischen Niveau des Einsatzführungskommandos bei Potsdam sein, von wo aus alle Auslandseinsätze dirigiert werden. Aber diesmal war die Pandemie schneller, das Katastrophen-Kommando muss vorerst improvisieren.

          Morgens gegen halb acht treffen sich Breuer und etwa ein Dutzend Mitarbeiter in einem Raum zur Lagebesprechung. Alle sitzen mit dem derzeit gebotenen Abstand zueinander. An der Wand hängen eine große Deutschlandkarte mit ein paar Fähnchen und gegenüber ein großer Bildschirm. Breuers Team ist seit Wochen eingespielt. Die Männer und Frauen in der stark angewachsenen Einsatzzentrale kommen aus verschiedene Teilen der Bundeswehr, Oberst Armin Schaus etwa unterrichtet eigentlich an der Führungsakademie.

          Leichte Entspannung für die „Zelle Waldbrand“

          Presseoffizier Hauke Bunks ist eigentlich einer der Verbindungsleute des Marine-Inspekteurs zum Bundestag. Dem Ruf ins Krisenmanagement sind beide gern gefolgt. Alles wird am Morgen vorgetragen: von der Wetterlage über die aktuellen Einsatzzahlen, neue Aufträge, bis hin zu eventuellen Gefahrenlagen und aktuellen Presseberichten. Der Wetterbericht ist vor allem deswegen interessant, weil die Bundeswehr zuletzt immer wieder zu Waldbränden gerufen wurde, um etwa mit ihren Transporthubschraubern bei der Feuerbekämpfung aus der Luft zu helfen. Eben erst hatte es an der deutsch-niederländischen Grenze gebrannt. Nun hat es nach Wochen der Trockenheit geregnet, das bedeutet leichte Entspannung für die „Zelle Waldbrand“ in der Operationszentrale.

          Bei den Corona-Fällen ist es etwas ruhiger geworden, doch in der morgendlichen Lagebesprechung kommen auch Ereignisse zur Sprache, die wie eine Art Voralarm wirken: In einem Pflegeheim in Berlin-Lichtenberg gibt es viele Erkrankte, ebenso in einer Flüchtlingsunterkunft in Bonn, wo 40 von 271 Bewohnern infiziert sind. Da könnte Hilfsbedarf entstehen. Breuer hört zu, fragt nach, verteilt ab und zu einen Auftrag. Alles geht konzentriert und freundlich vonstatten.

          Weiter mit der Morgenlage: Am Vortag sind auf dem Flughafen Leipzig einige Millionen Schutzmasken eingetroffen, ein Logistik-Bataillon aus Sachsen-Anhalt half beim Entladen, die Ministerin war zur Stelle. Ihr Auftritt ohne Maske sorgte für Aufsehen. Für die Kurzvorträge tritt jeweils ein Oberst vor die übrigen Anwesenden und erläutert für seinen Bereich die aktuellen Folien auf dem Großbildschirm. In Bergisch-Gladbach, Soltau, Potsdam und Berlin sollen an diesem Tag neue Hilfseinsätze beginnen, mal sind fünf, sechs Soldaten eingeplant, in Bergisch-Gladbach sollen 44 bis Mitte Mai eingesetzt werden.

          Ärzte will die Bundeswehr nicht hergeben

          Die Zahlen sind derzeit überschaubar, gemessen an dem, was die Bundeswehr mobilisieren kann. Das Verteidigungsministerium hat für die Corona-Hilfen ein „Einsatzkontingent“ festgelegt, so wie ansonsten eher für Auslandseinsätze. Das Corona-Kontingent umfasst bis zu 15.000 Männer und Frauen. An diesem Morgen stehen theoretisch 12914 Soldaten in Bereitschaft, 1124 sind bundesweit eingesetzt. Breuer kann seine Truppen zugweise in Marsch setzen, 418 Züge stehen zur Verfügung. Und so kommt es, dass plötzlich Angehörige der Kampftruppen eines bayerischen Panzerbataillons in einem Bamberger Pflegeheim aushelfen, statt mit ihren Kettenfahrzeugen durchs Gelände zu brausen. In Hamburg helfen 42 junge Leute von der Unteroffizierschule der Luftwaffe in Seniorenheimen aus.

          Dass es zu solchen Unterstützungen kommt, die bei der Bundeswehr „helfende Hände“ heißen, dafür sorgen die sogenannten Landeskommandos und Kreisverbindungskommandos, für die jetzt auch Reservisten aktiviert wurden. Die kommen aus den jeweiligen Regionen, sind beruflich und privat dort verdrahtet und kennen sich aus. So entsteht ein dichtes Netz. Zu den „helfenden Händen“ kommen viele andere Unterstützungen: In etlichen Gesundheitsämtern helfen Bundeswehr-Angehörige dabei, per Telefon Infektionsketten nachzuvollziehen, was für die Pandemie-Eindämmung sehr wichtig ist. Allein in Brandenburg sind dazu 95 Soldaten abgestellt, unter ihnen Fernmelder, Logistiker und Feldjäger.

          Oft geht es bei den Nachfragen auch um Materialbeschaffung oder Güter aus Beständen der Bundeswehr. Da muss das „Kommando Territoriale Aufgaben“ öfters auch mal nein sagen – denn die Streitkräfte haben vor allem Material und Fachpersonal für den eigenen Bedarf. Aus Bundeswehr-Krankenhäusern Ärzte in andere Einrichtungen zu schicken, wie es anfangs aus Bayern gewünscht wurde, ist aus Sicht der Truppe keine gute Sache, zumal diese sowieso offen sind für Zivilisten. In vielen anderen Fällen wird geholfen, etwa wenn es um die Beschaffung von Schutzmasken geht oder auch um den Transport von schwer Erkrankten aus den Nachbarländern. Da kommt auch die sogenannte Streitkräftebasis mit Sitz in Bonn ins Spiel, die mit einem Inspekteur an der Spitze das organisatorische Dach über General Breuer und seinem Kommando bildet.

          Krise heißt nicht, dass die militärisch-bürokratischen Hierarchien und Wege zu existieren aufgehört hätten. Aber sie arbeiten vielleicht etwas schneller als sonst. So wurden etwa 2000 Computer, die eigentlich für alle gedacht waren, kurzerhand zum Corona-Kontingent umgeleitet, um die IT-Ausstattung zu verbessern. Mit alledem wird bis jetzt gehalten, was Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) versprochen hat: Die Bundeswehr ist bereit für den Corona-Marathon. Und der kann noch dauern, meint Breuer: „Es ist viel zu früh für ein Fazit. Wir hoffen, dass es an uns vorübergeht, aber wenn nicht, dann sind wir auch dafür aufgestellt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ellbogencheck: Boris Johnson und Angela Merkel im Juli dieses Jahres.

          Briten zur Bundestagswahl : Da herrscht das Chaos

          In Großbritannien blickt die Presse nicht allzu hoffnungsfroh auf die Bundestagswahl. Das hat viel mit dem kritisch betrachteten Erbe von Angela Merkel zu tun.
          Die Deutschen hängen an ihrem Bargeld. Doch immer mehr junge Menschen legen ihr Geld in Aktien an.

          Deutsche und ihr Vermögen : Der lange Abschied vom Sparkonto

          Das Geldvermögen der Deutschen ist groß wie nie. Die Sparer haben ihr Geld aber über die Jahre umgeschichtet. Vor allem bei Jüngeren gibt es einen bemerkenswerten Effekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.